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Grenze im geteilten Barta'a

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    Israel: Eine Stadt – zwei Corona-Welten

    Einige Meter können in Barta'a entscheidend sein: Wer im israelischen Teil der Ortschaft lebt, ist besser gegen das Coronavirus geschützt als die Bewohner des palästinensischen Teils.

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    Von
    • Benjamin Hammer

    Es ist Zeit für das Mittagsgebet in Barta'a. Die Moschee steht im Westteil der Stadt und damit in Israel. Etwa 100 Meter östlich davon steht mitten auf der Straße ein ausgeblichenes Schild. Gäbe es dieses Schild nicht, würde man die Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland nicht erkennen.

    Der Kiosk von Bhassem Kabaha liegt direkt hinter der Grenze, in Ost-Barta'a und damit im Westjordanland. In der Kleinstadt mit etwa 10.000 Einwohnern können ein paar Meter entscheidend sein. Kabaha hat einen grünen, palästinensischen Ausweis. In Corona-Zeiten wird das zum Problem. Nein, er habe noch keine Impfung gegen das Virus erhalten, sagt der Mann. "Vor einer Woche habe ich es auf der israelischen Seite versucht. Da haben sie mir gesagt, dass sie den Menschen dort schon die zweite Impfdosis verabreichen und für mich nichts mehr übrig ist."

    Die Menschen auf der westlichen Seite des Städchens sind arabische - manche sagen auch palästinensische - Israelis. Sie haben blaue, israelische Ausweise und von ihnen sind bereits 95 Prozent der über 16-Jährigen geimpft. Im Ostteil der Ortschaft leben Palästinenser mit grünen Ausweisen. Wie viele hier geimpft sind, kann keiner genau sagen. Mehr als 20 Prozent sind es aber wohl nicht.

    Geimpft werden nur Bewohner von West-Barta'a

    Die jüngere Geschichte von Barta'a wurde von Kriegen bestimmt. 1948 einigten sich Israel und Jordanien auf eine Waffenstillstandslinie - sie verläuft bis heute genau durch Barta'a. 1967, im Sechstagekrieg, eroberte Israel das Westjordanland. Seitdem kontrolliert Israel die ganze Stadt. Die israelische Sperranlage, die in der Hochzeit von palästinensischen Terroranschlägen gebaut wurde, befindet sich hinter Barta'a. Auch der palästinensische Teil der Ortschaft liegt somit auf der israelischen Seite. Doch die israelischen Behörden impfen offiziell nur die Bevölkerung von West-Barta'a.

    Besuch beim Vizebürgermeister von Ost-Barta'a: In einem großen Büro hängen zwar eine palästinensische Flagge und Fotos von Präsident Mahmoud Abbas und dessen Vorgänger Jassir Arafat. Doch die Palästinensische Autonomiebehörde hat hier kaum etwas zu sagen. In diesem Teil des Westjordanlandes ist Israel sowohl für die Sicherheit als auch für die Verwaltung zuständig. Aus dem Bürgermeisterbüro geht der Blick bis an die israelische Mittelmeerküste. Israel wirkt deutlich näher als das restliche Westjordanland. Doch ohne Genehmigung dürfen die Bewohner von Ost-Barta'a Israel gar nicht betreten. Offiziell noch nicht einmal den westlichen Teil ihrer Kleinstadt.

    Streit über Verantwortung im Gesundheitswesen

    Wenn die Bewohner von Ost-Barta'a schwer an Covid-19 erkranken, müssen sie einen israelischen Kontrollposten passieren und werden in Krankenhäuser im Westjordanland gebracht. Die sind aktuell überlastet. Im Westjordanland wütet die Corona-Pandemie, in Israel kehrt dank der hohen Impfquote immer mehr Normalität ein. Barta'a zeigt wie unterm Brennglas, wie unterschiedlich die Corona-Welten von Israel und den palästinensischen Gebieten sind.

    "Das ist alles völlig verrückt", sagt der palästinensische Vizebürgermeister. "Hier leben Verwandte fünf Meter voneinander entfernt. Einer hat einen israelischen Ausweis, der andere nicht. Und was die Impfungen betrifft: Israel muss das übernehmen. Israel ist als Besatzungsmacht verantwortlich für alle Belange der Palästinenser." Eine Sichtweise, die Israel entschieden zurückweist. Laut den Oslo-Verträgen seien die Palästinenser für den Gesundheitssektor verantwortlich. Das wiederum sehen die Palästinenser anders.

    Israel hat etwa 100.000 Palästinenser geimpft. Auch für die Bevölkerung von Ost-Barta'a wurden vereinzelt Ausnahmen gemacht. So bekam auch der Vizebürgermeister eine Impfung. Darüber will er aber nicht so gerne reden. Es wirkt, als sei es ihm unangenehm, einer der wenigen Bewohner von Ost-Barta'a zu sein, die geimpft wurden. Und dann auch noch von Israel, einem Land, das er scharf kritisiert. Neben dem Bürgermeister sitzt eine Mitarbeiterin des Rathauses. Sie probierte mehrfach, an den begehrten Impfstoff in Israel zu kommen, und schaffte es nicht.

    Bürgermeister: "Es ist eine politische Entscheidung"

    Auf dem Weg zum Rathaus von West-Bart'a befinden sich viele Geschäfte am Straßenrand. Die absurde Teilung des Ortes hat auch wirtschaftliche Vorteile. In Ost-Barta'a sind viele Produkte viel günstiger, als in Israel. Und weil das Städtchen auf der israelischen Seite des Zaunes liegt, kommen viele arabische und jüdische Israelis zum Einkaufen.

    Das Rathaus von West-Barta'a ist ein schöner, moderner Bau. Im Büro von Bürgermeister Raed Kabaha wäre ein Foto von Arafat undenkbar. Kabaha war einer der ersten, die sich impfen ließen. Er sei Israel dankbar, sagt er. Aber der arabische Israeli versteht einfach nicht, warum Israel nicht auch die Bewohner von Ost-Barta'a impft: "Das ist auf jeden Fall eine politische Entscheidung. Für Israel geht es ja nicht um eine hohe Zahl von Impfdosen. Vielleicht will die Regierung einfach keinen Präzedenzfall schaffen und damit anerkennen, dass sie eine Verantwortung hat."

    Auch Israelische Epidemiologen fordern, dass Israel die Palästinenser impft. Dies sei einfach im Interesse beider Seiten. "Unsere Stadt spiegelt wider, was zwischen Israel und Palästina geschieht", sagt der Bürgermeister. "Wir reden hier von zwei Ländern mit sehr engen Kontakten. Wenn Sie sich hier an einem Samstag umschauen: 60 Prozent der Menschen sind jüdische Israelis, die zum Einkaufen kommen - in beide Stadtteile. Warum also diese Trennung? Wenn sich Israel kümmert, wären beide Seiten geschützt."

    Der Bürgermeister verhandelt mit israelischen Behörden. Er will sie davon überzeugen, auch die Menschen auf der anderen Seite der Grenze zu impfen. Ein Ort, eine Familie, ein Volk - so sieht er es. Die Corona-Krise habe die Menschen des geteilten Städtchens noch enger zusammengeschweißt.

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