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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Oded Balilty

In Israel stellen sich derzeit mehrere ethische Fragen in der Corona-Pandemie. Sind die geplanten Pässe für Geimpfte gerecht? Werden Regelbrüche bei Ultraorthodoxen ausreichend geahndet? Eine Reportage von Benjamin Hammer.

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Sonderrechte? Freifahrtscheine? Israel, Corona und die Ethik

In Israel stellen sich derzeit mehrere ethische Fragen in der Corona-Krise. Sind die geplanten Pässe für Geimpfte gerecht? Werden Regelbrüche bei Ultraorthodoxen ausreichend geahndet? Und dann ist da noch das Problem mit Impfstoff für Palästinenser.

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Von
  • Benjamin Hammer

Ein Impfzentrum in Tel Aviv. Mittlerweile können sich auch jüngere Israelis impfen lassen. Zum Beispiel eine Frau Mitte 30. "Das ist sehr wichtig. Ich habe zwei Kinder. Ich denke, dass es wichtig ist, dass sich meine Altersgruppe impfen lässt", sagt sie.

Grüne Pässe für Geimpfte

Drei Wochen nach der ersten wird die zweite Dosis folgen. Nach ein paar weiteren Tagen – so plant es die israelische Regierung - erhält die Frau einen grünen Pass. So wie alle Israelis, die zweifach geimpft wurden. Das Gesundheitsministerium schickt einen QR-Code. Der führt zu einem Dokument. Ausdrucken. Fertig. Wer einen grünen Pass hat, soll Kinos, Restaurants oder Hotels besuchen dürfen. Es gibt sogar Pläne, dass Israel mit bestimmten Ländern kooperiert. Mit Griechenland zum Beispiel. Dann sollen Urlaube ohne Test- und Quarantänepflicht möglich werden.

Viele Fragen zum grünen Pass, aber wenig Kontroversen

Die große Frage lautet: Ist das alles sicher? Was geschieht, wenn Corona-Mutationen die Impfwirkung abschwächen? Stellen die Freifahrtscheine am Ende eine Infektionsgefahr dar? Und die zweite große Frage, die sich daran knüpft: Ist das gerecht? Kommen die grünen Pässe nicht einer Impfpflicht gleich? Hier gibt es in Israel relativ wenige Kontroversen. Der Bürgermeister einer Stadt bei Tel Aviv plant sogar, allen Einwohnern ohne grünen Pass städtische Dienstleistungen zu entziehen. Ungeimpfte Eltern zum Beispiel sollen ihre Kinder nicht mehr in die Kita schicken dürfen.

Ein Aufschrei ist bislang ausgeblieben. Noch sind die Grünen Pässe in Israel aber nicht im Einsatz. Die Regierung hält aber daran fest: Auch, um Impfskeptiker, nun ja, zu überzeugen.

Ist die Polizei gegenüber Ultra-Orthodoxen blind?

Vor ein paar Tagen gingen diese Bilder im Internet viral: Eine Beerdigung. Zehntausende ultra-orthodoxe Männer liefen durch die Straßen Jerusalems. Ohne Abstand. Ohne Masken. Die Polizei war nicht zu sehen. Obwohl in Israel ein strenger Lockdown herrscht.

Recht aktiv ist die Polizei hingegen in Städten wie Tel Aviv. Dort verteilt sie fleißig Strafzettel wegen kleiner Vergehen gegen die Corona-Regeln. Dabei ist die Infektionsrate in den säkularen Städten viel geringer als in den ultra-orthodoxen Vierteln und Städten. Die weltlichen Israelis werfen der Polizei vor, mit zweierlei Maß zu messen. Die Corona-Pandemie droht, die gesellschaftliche Spaltung in Israel noch zu vergrößern. Der Frust vieler Israelis richtet sich auch gegen Premierminister Benjamin Netanjahu. Der ist politisch von den ultra-orthodoxen Parteien abhängig. Deshalb – so der Vorwurf – unternehme die Polizei so wenig gegen die Regelbrüche in diesem Teil der Gesellschaft.

Muss Israel die Palästinenser mit Impfstoff versorgen?

Vor ein paar Tagen wurden in den palästinensischen Gebieten die ersten Ärztinnen und Ärzte geimpft. Israel liefert dafür 5.000 Dosen. Mehr erst mal nicht. Während in Israel über ein Drittel der Bevölkerung geimpft wurde, ist es in den palästinensischen Gebieten praktisch niemand.

Nicht unsere Schuld – heißt es von Israel. Laut den Oslo-Verträgen sei die Palästinensische Autonomiebehörde alleinig für Impfkampagnen verantwortlich. Stimmt nicht, sagen Kritiker. Israel bleibe Besatzungsmacht. Oslo-Verträge hin oder her.

Auch die Frage, ob Israel neben der rechtlichen eine moralische Verpflichtung hat, zu helfen, wird unterschiedlich bewertet. Expertinnen und Experten sind sich aber in einem Punkt weitgehend einig: Israel hat ein Interesse daran, dass die Palästinenser rasch geimpft werden. Zehntausende Palästinenser arbeiten in Israel.

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