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ARD-Iran-Expertin Amiri: "Sie mussten den Abschuss zugeben" | BR24

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Der Iran hat eingeräumt, dass die bei Teheran abgestürzte ukrainische Passagiermaschine abgeschossen wurde, unabsichtlich und durch einen menschlichen Fehler. "Die Wut in der Bevölkerung ist groß", bericht Iran-Korrespondentin Natalie Amiri

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ARD-Iran-Expertin Amiri: "Sie mussten den Abschuss zugeben"

Der Iran hat eingeräumt, dass die abgestürzte ukrainische Passagiermaschine abgeschossen worden sei. Es sei unabsichtlich durch menschlichen Fehler passiert. "Bisher gab der Iran niemals etwas zu", berichtet Iran-Korrespondentin Natalie Amiri im BR.

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Der Iran hat eingeräumt, dass die abgestürzte ukrainische Passagiermaschine abgeschossen worden sei. Es sei unabsichtlich durch einen menschlichen Fehler passiert. Nathalie Amiri, ARD-Korrespondentin und Leiterin des Studios Teheran, im Interview in der Sendung "Bayern2 am Samstagvormittag":

Johannes Marchl (Bayern2 am Samstagvormittag): Frau Amiri, was ist denn da jetzt genau von den Iranern zugegeben worden?

Natalie Amiri: Es ist ganz klar zugegeben worden, dass aus Versehen, das sagen sie schon auch, aus Gründen menschlichen Versagens das Passagierflugzeug mit 176 Insassen abgeschossen wurde vom iranischen Abwehrraketen-System, das ja in Alarmbereitschaft war.

"Bevölkerung wirft Regierung vor, dass sie den Flugverkehr nicht eingestellt hat"

Es war in Alarmbereitschaft gesetzt worden, nachdem die Iraner amerikanische Stellungen im Irak bombardiert hatten, und dann ist es hochgefahren worden. Sie hatten eben nicht gleichzeitig den Flugverkehr eingestellt, und das ist jetzt der riesengroße Vorwurf, auch von der iranischen Bevölkerung.

Johannes Marchl: Aber nochmal: Wie geht denn der Iran normalerweise mit solchen Anschuldigungen um? Die iranische Führung gibt doch normalerweise nicht einfach zu, dass sie das abgeschossen haben. Ist da jetzt einfach die Beweislast zu heftig geworden?

"Bisher hat der Iran niemals etwas zugegeben"

Natalie Amiri: Ich bin jetzt seit fünf Jahren die Leiterin des Studios in Teheran und ich habe noch nie mitbekommen, dass der Iran irgendetwas zugegeben hat. Sei es bei der Niederschlagung der Proteste, wenn es um die Toten geht oder bei ihren ausländischen Aktivitäten in der Region.

Für mich ist das ein Novum, das ich beobachten kann. Ich denke, der internationale Druck war zu groß. Die Beweislage war eindeutig. In den sozialen Netzwerke sagen die Iraner: "Wenn es ein Inlandsflug gewesen wäre und der internationale Druck nicht so groß gewesen wäre, hätten sie es auf jeden Fall vertuscht."

Johannes Marchl: Und wer hat das letztendlich eingestanden? Sind es die Militärs? Oder auch wirklich wichtige Personen des iranischen Systems?

Natalie Amiri: Zunächst wurde von einer Nachrichtensprecherin eine Bekanntgabe verlesen. Und jetzt, vor ein paar Minuten, hat der Chef der iranischen Luftwaffe der Revolutionsgarden auch nochmal ein Live-Statement gegeben, in dem er sagt: "Ich würde an diesem heutigen Tag lieber selbst tot sein, als das jetzt zu verkünden. Aber es war unser menschliches Versagen und wird werden die Konsequenzen tragen."

Johannes Marchl: Wie werden die Konsequenzen sein aus Ihrer Sicht? Wie müssten sie sein?

Natalie Amiri: Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Die schwerste Strafe ist natürlich die Todesstrafe.

"Elite im Iran wird nie bestraft, wenn sie sich nicht gegen das System stellt"

Dass sie aber jetzt einen so hohen General der Revolutionsgarde so bestrafen werden, kann ich mir nicht vorstellen. Denn die Hohen, die Elite im Iran, wird eigentlich nie bestraft, wenn sie sich nicht gegen das System stellt. Und das hat er ja nicht. Es war menschliches Versagen. Ich denke, es wird nicht sehr große Konsequenzen tragen. Wie die Bevölkerung aber jetzt auf diesen Vorfall reagieren wird, kann ich mir schon vorstellen. Dass da wirklich die Wut auch wieder die Menschen eventuell auf die Straße bringt.

Johannes Marchl: Das war ja in den letzten Tagen anders, oder hab ich das falsch verfolgt?

Natalie Amiri: Das war sehr anders. Die Tötung des Generals Soleimani hat sehr, sehr viele Massen auf die Straße bewegt. Denn viele standen hinter diesem General, die auch gegen das System der Islamischen Republik sind.

Sie haben ihn bewundert. Auch dafür, dass er den "IS" von Irans Grenzen abgehalten hat. Diese Menschenmassen waren auf den Straßen. Das hat dem System der Islamischen Republik natürlich enorm geholfen, sich auch wieder etwas zu konsolidieren.

Sie sind ja auch in ihrem System ins Wanken geraten, gerade durch die immer größer werdenden Proteste der Menschen, die aufgrund der wirtschaftlichen Lage, aber auch aufgrund der Korruption im Land und der Vetternwirtschaft unzufrieden sind. Diese Bilder haben ihnen Stärke verliehen. Mit diesen Bildern liefen sie jetzt tagelang im Fernsehen rauf und runter, haben sich damit geschmückt.

Vom Flugzeugabsturz wurden keine Bilder gezeigt

Man muss dagegenstellen: Es wurde kein einziges Bild von Opfern des Flugzeugabsturzes im iranischen Fernsehen gezeigt. Die Nachrichtenagenturen haben heute Morgen noch nichts gemeldet und die Zeitungen haben keinen einzigen Titel über diese Tragödie gebracht. Das sind alles Dinge, die Salz in die Wunden streuen und die Menschen natürlich noch verzweifelter machen dort vor Ort.

Johannes Marchl: Eine Folge könnte es sein, wenn ich Sie richtig verstehe, dass die Opposition, die oppositionellen Kräfte, wieder etwas mehr Auftrieb gewinnen und auch wieder eine Stimme bekommen. Können Sie sich vorstellen, dass das auch Folgen für die Führung im Iran hat?

Natalie Amiri: Das kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen. Die Führung im Iran sitzt ziemlich sicher im Sattel.

"Wut in der Bevölkerung ist groß"

Aber wie gesagt, die Wut der Bevölkerung ist groß. Militärisch ist die Führung mit ihren Milizen, der Revolutionsgarde, der Bevölkerung weit überlegen. Dass es für die Führung Konsequenzen gibt, kann ich mir nicht vorstellen. Aber das muss man sehen, auch im Laufe des Tages. Es ist ein Novum für den Iran, dass sie so offen etwas zugeben und wie man damit umgeht, wird dann auch ein Novum sein. Wir müssen jetzt die weiteren Stunden abwarten um zu sehen, wie sich das Ganze entwickelt.

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Die Beweislast war eindeutig und der Iran konnte den Abschuss der nahe Teheran abgestürzten Passagiermaschine nicht mehr leugnen, so die ARD-Korrespondentin Natalie Amiri. Das Militär habe die Maschine unbeabsichtigt abgeschossen.