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Internetportal informiert Deutsche über Belarus | BR24

© pa/dpa/Ramil Nasibulin

Internetportal informiert Deutsche über Belarus

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Internetportal informiert Deutsche über Belarus

Seit Monaten unterdrückt Präsident Lukaschenko in Belarus Proteste und unabhängige Berichterstattung. Auch in Deutschland wissen viele Menschen wenig über das Land. Das Internetportal Dekoder.org möchte das ändern – mit einer spannenden Idee.

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Von
  • Linus Lüring

In der vergangenen Woche wurden zwei Journalistinnen in Belarus zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die beiden hatten von einer Demonstration per Livestream berichtet. Der Vorwurf: Sie hätten Proteste organisiert. Solche Meldungen werden auch in Deutschland verbreitet. Ebenso Bilder von Menschen, die in Belarus seit fast 200 Tagen gegen die offensichtlich gefälschten Wahlen im August 2020 demonstrieren. Sonst ist über das Land, das zwischen Polen und Russland liegt, aber wenig bekannt.

Das kritisiert auch die Journalistin und Chefredakteurin der Webseite Dekoder.org, Tamina Kutscher. Es sei ein Problem, dass man 30 Jahre nach Ende des Kalten Krieges noch immer wenig über Länder wie Belarus wisse. Die Menschen nähmen immer noch diesen großen ex-sowjetischen Block wahr, anstatt die einzelnen Länder in ihren kulturspezifischen Eigenheiten zu sehen.

Das Ziel: Belarus entschlüsseln

Tamina Kutscher möchte jetzt mehr Verständnis für Belarus schaffen und Einblicke ermöglichen in das Leben im Land – auch jenseits der Politik. Das Portal "Dekoder" hat es sich zur Aufgabe gemacht, Belarus zu "dekodieren", also zu entschlüsseln.

Dazu wählt ein Redaktionsteam Artikel und Beiträge aus unabhängigen belarussischen Medien aus. Immerhin gibt es laut Kutscher eine "sehr lebendige, unabhängige Medienlandschaft (...) mit vielen interessanten und qualifizierten Beiträgen". Die Redaktion wähle wichtige aktuelle Themen aus, um deutschen Lesern neue Zusammenhänge zu erschließen.

Diese Artikel werden dann von qualifizierten Übersetzerinnen und Übersetzern ins Deutsche übertragen, damit sie auch für viele Leserinnen und Leser hierzulande verständlich sind. Die Idee ist erstmal einfach. Gleichzeitig benötigt die Redaktion aber auch bei der Auswahl einiges an Expertise, um Propaganda nicht weiterzuverbreiten oder Debatten richtig einzuschätzen.

Gestartet mit Russland-Fokus und preisgekrönt

Der Belarus-Fokus ist noch relativ neu bei Dekoder. Gestartet ist das Portal im Jahr 2015 mit einem Schwerpunkt auf Russland. Wie jetzt auch im Fall von Belarus war das Ziel, die hier geführten Debatten über Russland zu ergänzen und zu versachlichen. Bislang seien wir, wenn es um Länder wie Russland oder auch Belarus geht, "anfällig für Ideologien, Mythen und polemische Grabenkämpfe", heißt es auf der Webseite. Dem wollte der Gründer von Dekoder, Martin Krohs, etwas entgegensetzen.

Schon ein Jahr nach der Gründung wurde die Plattform im Jahr 2016 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Besonders hervorgehoben hat die Jury in ihrer Begründung damals das besondere Prinzip der Plattform.

Einordnung von Fachbegriffen durch Wissenschaftler

Denn Artikel werden nicht nur übersetzt, sondern auch ergänzt durch fundierte Hintergrundinformationen. So erklären Wissenschaftler in eigenen Beiträgen noch einmal bestimmte Phänomene oder bestimmte Begriffe, die in Russland oder Belarus ganz anders konnotiert sind als in Deutschland oder die hier wenig bekannt sind, sagt Chefredakteurin Tamina Kutscher.

Diese erklärten Begriffe sind in den Texten farbig hervorgehoben und können dann angeklickt werden oder sie poppen auf, wenn man mit der Maus darüberfährt. Außerdem bietet Dekoder auch ausführliche Analysen. Diese sogenannten "Gnosen" werden ebenfalls von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geschrieben, die zu den jeweiligen Themengebieten forschen.

Dekoder nennt sich deshalb selbst "Hybridmedium", das eine Brücke schlagen möchte zwischen Journalismus und Wissenschaft. Explizit sieht man sich nicht als Konkurrenz zu deutschen Korrespondentinnen und Korrespondenten vor Ort, sondern als Ergänzung.

Finanziert durch Spenden und Stiftungen

Dekoder finanziert sich ausschließlich über Spenden. Die Anschubfinanzierung kam aus einer privaten Erbschaft des Gründers Martin Krohs. Inzwischen fördern auch mehrere Stiftungen das Portal. Dazu kommen private Spenderinnen und Spender oder Menschen, die Fördermitglieder im sogenannten Dekoder-Klub werden. Auch im sechsten Jahr seit der Gründung ist Tamina Kutscher zufrieden mit der finanziellen Unterstützung. Die Spendenbereitschaft liege auch daran, "dass man sich im Verhältnis mit Russland so von Tiefpunkt zu Tiefpunkt hangelt". Belarus bleibe ein wichtiges Land.

Inzwischen auch russische Artikel auf Dekoder

Vor einiger Zeit hat die Plattform auch ein Angebot auf Russisch gestartet. Ausgewählte Artikel vor allem aus deutschen Medien werden übersetzt und für russischsprachige Leserinnen und Leser aufbereitet. Das Ziel bleibt dasselbe: Mehr Verständnis für die jeweils andere Gesellschaft und Kultur zu schaffen.

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alpha-demokratie befasst sich mit dem Thema: "Belarus: Diktator unter Druck". Zu Gast ist: Prof. Dr. Martin Schulze Wessel, Ludwig-Maximilians-Universität München.