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Intensivpflegekräfte: Nach der Ausbildung in Schwierigkeiten | BR24

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Intensivkrankenpfleger betreut Patient im Spezialbett

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    Intensivpflegekräfte: Nach der Ausbildung in Schwierigkeiten

    Die umstrittene IPK-Ausbildung sollte gegen den Pflegenotstand helfen. Doch die ist nicht staatlich anerkannt. Das stellt etwa 50 Absolventen und Absolventinnen aus Bayern jetzt vor Probleme: Sie enden als Hilfskräfte oder werden entlassen.

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    Von
    • Elsbeth Bräuer

    Melanie Frühholz ist Intensivpflegekraft im Krankenhaus Weilheim in Oberbayern. Sie kümmert sich auf der Station um schwerkranke Patienten. Zu ihren Tätigkeiten zählen etwa Tabletten herrichten, Blut abnehmen oder Infusionen vorbereiten.

    Einsatz auf der Intensivstation

    Ihren Job macht sie gerne, 2016 hat die gelernte Industriekauffrau dafür extra umgesattelt. Ihre Ausbildung hat sie an einer privaten Schule und an einem Krankenhaus in Tutzing absolviert, als Intensivpflegekraft, kurz IPK. Das Konzept: drei Jahre Schulung, aber nicht die klassische Krankenpflege-Ausbildung, sondern Theorie und Praxis für den Einsatz auf der Intensivstation.

    Das sollte in Zeiten des Pflegenotstands mehr Interessierte anwerben. "Krankenpflege wird ja immer verbunden mit alten Menschen, Dreck wegputzen, Schweiß, eher unangenehmen Dingen", sagt Frühholz‘ ehemaliger Ausbildungsleiter, Andreas Radis vom Benedictus Krankenhaus Tutzing.

    IPK-Ausbildung verhältnismäßig kurz

    Viele Bewerber hätte dagegen der eher technische Aspekt an der Intensivpflege gereizt. Außerdem ist die Ausbildung verhältnismäßig kurz. Um dagegen Fachpflegekraft für Intensivpflege und Anästhesie zu werden, muss man nach der dreijährigen Grundausbildung Berufserfahrung sammeln und noch zwei Jahre Weiterbildung dranhängen.

    Staatliche Anerkennung fehlt

    Doch der IPK-Ausbildung fehlt die staatliche Anerkennung. Die fertigen Intensivpflegekräfte dürfen zwar in Krankenhäusern arbeiten – doch sie zählen nicht als Fachkräfte. Das bringt etwa 50 Absolventen und Absolventinnen in Bayern jetzt in Schwierigkeiten. Denn auf Bereichen wie der Intensivstation gelten inzwischen Untergrenzen beim Personal. Krankenhäuser müssen also eine bestimmte Mindestanzahl an Pflegekräften für ihre Patienten garantieren. Tagsüber darf sich ein Pfleger derzeit auf der Intensivstation höchstens um 2,5 Patienten kümmern.

    Absolventen als Hilfskräfte eingesetzt oder entlassen

    Eigentlich eine gute Sache, sagt Melanie Frühholz. Doch mit ihrer Ausbildung zählt sie zu dieser Quote nicht dazu. Was das heißt, erklärt Andreas Radis: "Wenn ich vier Pflegekräfte im Frühdienst habe, vier im Spät- und drei im Nachtdienst, und da wäre ein IPKler, dann wäre das so, als ob er nicht da wäre", sagt er. "Er zählt in die Statistik nicht rein." Der Arbeitgeber muss es sich also durch einen guten Personalschlüssel leisten können, die privat ausgebildeten Pflegekräfte einzustellen.

    Melanie Frühholz hat Glück: Auf ihrer Station ist das so. Andere Absolventen aber haben es schwer. "Einige wurden von der Intensivstation abgezogen, die werden im Prinzip als Hilfskräfte eingesetzt. Andere wurden schlichtweg entlassen", sagt Frühholz. "Die investieren jetzt noch mal drei Jahre in die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger, obwohl wir schon eine dreijährige Ausbildung hinter uns haben." Auch der Weg zu verschiedenen Weiterbildungen ist den Absolventen ohne die reguläre staatlich anerkannte Ausbildung verschlossen.

    Kritik: Unklar, welche Standards gelten

    Melanie Frühholz fühlt sich allein gelassen, sie wünscht sich Rechtssicherheit. Dass die Ausbildung nicht anerkannt ist, wusste sie zwar von Anfang an. Aber es gab Gründe anzunehmen, dass sich das ändern würde: Bei zwei ähnlichen, ebenfalls dreijährigen Ausbildungen wird das bald der Fall sein – bei den Assistenten im OP-Saal und der Anästhesie (OTA und ATA). Ähnlich denkt Andreas Radis. Das Krankenhaus Tutzing sieht er nicht in der Verantwortung. Die private Schule nimmt derzeit unter Verweis auf Betriebsferien und Abschlussprüfungen keine Stellung.

    Bei der Vereinigung der Pflegenden in Bayern sieht man die Ausbildung sehr kritisch. Man will nicht einmal von Ausbildung sprechen. "Es ist eine selbstgestrickte Bildungsmaßnahme", sagt Stefanie Schlieben. "Bei den IPK-Kursen kürzt man die Ausbildung massiv ab." Man wildere in zwei Bereichen, der dreijährigen Grundausbildung und der zweijährigen Weiterbildung. Es sei unklar, welche Standards gelten, der Lehrplan sei nicht öffentlich einsehbar.

    Transparente Ausbildung - gerade im Umgang mit Schwerstkranken

    Gerade im Intensivbereich, wo es um schwerstkranke Menschen geht, hält sie das für problematisch. Zurecht seien bestimmte Tätigkeiten den Pflegefachkräften vorbehalten. "Vorbehaltsaufgaben nennt sich das", sagt Schlieben. Sie vermutet Ordnungswidrigkeiten, wenn die privat geschulten Pflegekräfte auf Intensivstationen genauso eingesetzt werden wie staatlich anerkannte Pflegekräfte.

    Auch Andreas Krahl, Grünen-Landtagsabgeordneter und selbst gelernter Pfleger, sieht die Ausbildung kritisch. Die Absolventen dürfe man aber trotzdem nicht im Regen stehen lassen. "Wir leben in Zeiten, in denen wir es uns nicht erlauben können, junge motivierte Menschen aus dieser Branche rauszudrängen", sagt er. Sein Vorschlag: eine Nachqualifizierung von etwa einem halben Jahr. Dabei sollen die Pflegekräfte bestimmte Dinge nachholen können – zum Beispiel einen Praxiseinsatz in einem ambulanten Pflegedienst oder auf der Geriatrie. Dann, hofft er, könnten sie als Gesundheits- und Krankenpfleger anerkannt werden.

    Anerkennung als Krankenpfleger umstritten

    Stefanie Schlieben kann sich das nicht vorstellen, auch, weil die Ausbildung vor Kurzem umgestellt wurde. Künftig lernen nämlich Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpfleger gemeinsam. Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml sagt, man bemühe sich, eine Lösung zu finden. Eine Anfrage ans Bundesgesundheitsministerium blieb bislang unbeantwortet.

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