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Impfstoff-Studie: Dämpfte Astrazeneca die Nebenwirkungen? | BR24

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Biontech, Moderna, Astrazeneca. Drei Firmen, drei unterschiedliche Corona-Impfstoffe. Wie läuft die Impfung für mich ab? Wo sind die Unterschiede? Wo die Gemeinsamkeiten?

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Impfstoff-Studie: Dämpfte Astrazeneca die Nebenwirkungen?

Lieferprobleme und eine niedrige Effizienz des Corona-Impfstoffs bei Älteren: Astrazeneca stand zuletzt in der Kritik. Doch die Europäische Arzneimittelagentur war großzügig. Zu großzügig? Erfahrungen von Geimpften und Studiendaten werfen Fragen auf.

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Von
  • Ralph Sina
  • Florian Haas

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) ist großzügig in Sachen Astrazeneca. Sie ließ den Impfstoff Ende vergangener Woche für alle Altersgruppen zu. Anders als die Ständige Impfkommission (STIKO), die davon abrät, Über-64-Jährige mit Astrazeneca zu impfen; und im Gegensatz zu Italien, das den Einsatz des Vektor Impfstoffs nur für die Altersgruppe bis 55 empfiehlt.

EMA winkte Astrazeneca-Stoff durch

Die Zulassung von Astrazeneca erweitere die Palette der verfügbaren Corona-Impfstoffe und werde helfen, die Menschen in Europa besser zu schützen, betonte EMA-Chefin Emer Cooke. Doch nicht nur in puncto Altersfreigabe ist die europäische Arzneimittelbehörde beim Astrazeneca-Impfstoff großzügig.

Sondern auch beim Thema Nebenwirkungen. Bei den systemischen Nebenwirkungen nach der zweiten Impfung steht das britisch-schwedische Vakzin auf dem Papier der klinischen Studien auffallend gut da - zum Beispiel im Vergleich zu dem Impfstoff des US-Herstellers Moderna.

Ob bei Kopfschmerz, Muskelschmerz oder Gelenkschmerz - der Vector-Impfstoff von Astrazeneca schneidet beim Thema Schmerz zum Teil deutlich besser ab als die neue mRNA-Impftechnologie von Moderna; in puncto Abgeschlagenheit schlägt Astrazeneca sogar beide Konkurrenten, nämlich Comirnaty (das Produkt von Biontech/Pfizer) und das Vakzin von Moderna.

Viele nahmen parallel Paracetamol - auch in der Studie

Wer allerdings unter dem Stichwort Astrazeneca in den sozialen Medien die Erfahrungsberichte von frisch Geimpften liest, dem fällt eines auf: viele haben nach der Impfung das fiebersenkende Schmerzmittel Paracetamol genommen, um die angeblich so seltenen Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit zu minimieren.

Nicht anders haben es zahlreiche Probanden bei der klinischen Studie von Astrazeneca gemacht. Allerdings haben sie Paracetamol nicht erst nach, sondern bereits vor der Injektion des Impfstoffs bekommen. Einige der potenziellen Impfstoff-Nebenwirkungen wurden auf diese Weise in mehreren Teilen der Astrazeneca-Studie von vornherein gedämpft. Deshalb steht das Vakzin des britisch-schwedischen Konzerns in der Rubrik "Nebenwirkungen" auf dem Papier der Studien so gut da.

RKI verweist auf Vorteile der Paracetamol-Gabe

Das Robert Koch-Institut bringt es in seinem Epidemiologischen Bulletin auf den Punkt: Durch die prophylaktische Paracetamol-Gabe konnten Nebenwirkungen wie Schmerzen an der Einstichstelle Fieber, Schüttelfrost, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit signifikant reduziert werden, heißt es wörtlich in der Ausgabe Nummer zwei dieses Jahres. Mit anderen Worten: In puncto Nebenwirkungen sind die Studien zu Astrazeneca, Moderna und Biontech/Pfizer nur sehr bedingt vergleichbar, weil die mRNA-Impfstoff-Produzenten bei den Probanden nicht vorbeugend Paracetamol verabreicht haben.

Ein Unterschied, über den die Europäische Arzneimittel-Agentur in der vergangenen Woche kein Wort verlor. Auf andere unkonventionelle Praktiken in den Versuchsreihen von Astrazeneca hatte der Mediziner und EU-Parlamentarier Peter Liese bereits Anfang Januar in Brüssel aufmerksam gemacht, also vor der Zulassung durch die EMA: Bei einem Teil seiner klinischen Tests habe Astrazeneca nur die Hälfte der protokollierten Impfdosis verabreicht, sagte Liese. Und weiter:

"In der anschließenden Pressemitteilung hat das britisch-schwedische Unternehmen den Fehler dann als Erfolg verkauft. Und zwar nach der Devise: eine halbe Dosis wirkt noch besser als die ganze Dosis." EU-Parlamentarier und EVP-Gesundheitsexperte Peter Liese

Unter normalen Umständen (sprich: in der vor-Corona-Ära) hätte man in einem solchen Fall von Betrug gesprochen, betonte der gesundheitspolitische Sprecher der EVP-Fraktion im EU-Parlament. Aber eine Notsituation, wie sie zurzeit herrsche, erlaube eine andere Beurteilung. Sagte Peter Liese vor der Zulassung.

Speziell die Debatte über den Astrazeneca-Wirkstoff hat die Diskussion über die Impfreihenfolge angefacht. Auch in Bayern. Ministerpräsident Söder fordert eine neue Priorisierung - eben weil die STIKO dieses dritte zugelassene Vakzin nur für Unter-64-Jährige empfiehlt. "Die Priorisierung und auch die Kapazitäten müssen angepasst werden", sagte Söder. Zuvor hatten sich auch Politiker unter anderem aus SPD und FDP für eine neue Reihenfolge ausgesprochen, etwa SPD-Chefin Saskia Esken oder FDP-Chef Christian Lindner; letzter will etwa Lehrkräfte und Erzieherinnen beim Impfen vorziehen.

Für eine veränderte Impfstrategie ist auch der Virologe Hendrik Streeck. Die Zulassung des Astrazeneca-Impfstoffs sei der richtige Zeitpunkt für eine solche Diskussion, sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Der Impfstoff sei zu etwa 33 Prozent weniger wirksam als die Mittel von Biontech/Pfizer und Moderna und erst gar nicht für die ältere Bevölkerung zugelassen.

Deshalb könnte es "durchaus sinnvoller sein, mit dem Astrazeneca-Vakzin in die Breite zu gehen und dort zu impfen, wo das Infektionsgeschehen am stärksten ist". Denn, so Streek weiter: "Die Menschen mit den meisten Kontakten können sich am ehesten anstecken und das Virus schneller weitergeben. Würde man also die sozial aktivste Gruppe impfen - also eher die Jüngeren -, würde die Corona-Verbreitung auch schneller gebremst."

© ARD/WR
Bildrechte: dpa/picture alliance/empics/Stefan Rousseau

Dämpfte Astrazeneca die Nebenwirkungen des Impfstoffs?

Doch nicht nur die Wirksamkeitsfragen und die Studiendaten (für deren Umgang der Konzern seitens einiger Virologen bereits 2020 kritisiert wurde) haben zuletzt Aufsehen erregt. In der Kritik stand Astrazeneca auch deshalb, weil man der EU weniger Dosen liefern kann als ursprünglich zugesagt. Zwar wurde am vergangenen Wochenende bekannt, dass die Liefermenge ein wenig erhöht wird - laut EU um neun Millionen Dosen auf nun 40 Millionen. Das ist zwar mehr als zuletzt gedacht, aber insgesamt auch nur die Hälfte der anfangs anvisierten Menge von 80 Millionen Dosen.

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