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Immer mehr Lieferengpässe bei Medikamenten | BR24

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Das Bundeskabinett hat heute einem Gesetzentwurf zugestimmt, der dem Bund künftig mehr Befugnisse gibt, um für Arzneimittelsicherheit zu sorgen. Unter anderem soll die Kontrolldichte erhöht werden, eine erste Konsequenz aus dem Valsartan-Skandal.

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Immer mehr Lieferengpässe bei Medikamenten

Aspirin, Ibuprofen, Blutdrucksenker: Die Lieferengpässe bei Medikamenten nehmen in Bayern immer mehr zu - auch weil die Produktion mehr ins Ausland verlagert wird. Zu spüren bekommen das vor allem Krankenhausapotheken - und letztlich die Patienten.

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Im Juli 2018 wurde bekannt, dass der Blutdrucksenker mit dem Wirkstoff Valsartan mit potenziellen krebserregenden Stoffen verunreinigt war. Nach einer Schätzung der Bundesregierung nahmen im vergangenen Jahr bundesweit rund 900.000 Patienten das Medikament ein.

Die Produktion des Wirkstoffs in China wurde eingestellt. Doch auch bei Ersatzprodukten fand eine Verunreinigung statt, sodass insgesamt Lieferengpässe entstanden. Doch nicht nur hier. Von Aspirin über Ibuprofen, Chemotherapien bis hin zu Schilddrüsen-Medikamenten nehmen die Lieferschwierigkeiten in Deutschland immer mehr zu.

Wirkstoff-Produktion immer mehr ins Ausland verlagert

Die Liste des Paul-Ehrlich-Instituts und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte über Lieferengpässe wird immer länger, wobei die Bundesbehörde lediglich auf freiwillige Meldungen der Pharmakonzerne angewiesen ist.

Die gesamte Branche hat ein Problem: Es gibt nur wenige Wirkstoffproduzenten - und die sitzen im Ausland wie China, Taiwan oder Indien. Der Ausfall eines Werkes hat schlimme Folgen.

"Der Exportanteil der pharmazeutischen Industrie in Deutschland lag 2016 bei 66,5 Prozent (...) Demgegenüber werden inzwischen aber lediglich noch etwa 20 Prozent der im EU-Markt für die Arzneimittelherstellung benötigten Wirkstoffe auch in der EU produziert. Etwa 80 Prozent der benötigten Wirkstoffe werden aus Drittländern, insbesondere China, Indien, Taiwan und Korea bezogen." Verband "Die forschenden Pharma-Unternehmen" (Stand: 10/2017)

Kassenärztliche Vereinigung Bayern bestätigt Lieferengpass

Wie die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) dem BR bestätigte, sind Lieferengpässe bei Medikamenten auch ein Thema für die niedergelassenen Ärzte. So kam es in den vergangenen Monaten insbesondere bei Impfstoffen häufiger vor, dass diese nicht geliefert werden können. Neben dem Grippeimpfstoff waren beispielsweise auch Masern-Mumps- und Röteln-Lebendvirusimpfstoffe betroffen. Im stationären Bereich sind Lieferengpässe besonders in den Bereichen Onkologie und Endokrinologie ein Thema. Dies betrifft die Versorgung von Patienten mit Krebs oder Schilddrüsenerkrankungen.

Beispiel: Apotheke des Nürnberger Klinikums

Die Lager schauen gut gefüllt aus, doch das täuscht, wie Dr. Annette Sattler, die leitende Apothekerin, bestätigt. Für sie liegt die Ursache an einer Kombination von Globalisierung und Gewinnstreben der Pharmaindustrie. Aus Kostengründen werde der überwiegende Teil der Arzneimittelproduktion schon seit Jahrzehnten immer mehr Richtung Fernost oder auch nach Indien verlagert, so Sattler.

Immer wieder gäbe es chargenweise Probleme bei Lieferungen. Mittlerweile nimmt dies zu und immer häufiger würden Produktionsstätten entweder ausfallen oder von den Behörden geschlossen werden aufgrund von Mängeln. Ein weiteres Problem ist auch der Grundsatz "Just in time", das heißt: Die Pharmaindustrien in Deutschland unterhalten keine aufwendige Lagerhaltung, sie bestellen kurzfristig. Fällt jedoch ein Produzent aus, komme es dann eben schnell zu Engpässen, so Sattler. In den letzten zwei bis drei Jahren habe sich die Situation zugespitzt, bestätigt die Apothekerin. Die Nürnberger erstellen seit Jahren eine eigene Liste, in der Lieferschwierigkeiten dokumentiert werden - und die wird immer länger.

"Wir hatten 2016 an Vorgängen, wo sich wirklich jemand drum kümmern muss, wo es einen Engpass gab, knapp 200. Ein Jahr später waren es 285 oder 286 und jetzt im vergangenen Jahr hatten wir 408 solcher Vorgänge." Dr. Annette Sattler, leitende Apothekerin des Klinikums Nürnberg

Vor allem Krankenhausapotheken spüren die Auswirkungen

Nürnberg bildet da keine Ausnahme. Auf Nachfrage bestätigt auch das Universitätsklinikum in Würzburg: "Im Allgemeinen spitzt sich die Situation von Lieferengpässen und auch -abrissen sicherlich immer mehr zu. Betroffene Anwendungsgebiete sind breit gefächert, von Spül- oder Trägerlösungen über Schmerzmittel, Antibiotika, Blutdruckmittel bis hin zu den Chemotherapien. Mittlerweile gibt es eigentlich keine Ausnahmen mehr."

Es fehlen Alternativpräparate

Immer häufiger fehlen mittlerweile auch Alternativpräparate. Das beginnt bei Pulver zur Herstellung einer Infusionslösung, reicht bis zu Mitteln bei allergischen Erkrankungen und Notfallmedikament zur Behandlung von akuter Herzinsuffizienz oder eines kardiogenen Schocks. So informiert "Jazz Pharmaceuticals" in einer Mitteilung über Lieferengpässe eines Mittels bis voraussichtlich März 2019:

"Wir sind uns bewusst, dass Erwinase für Patienten, die allergisch auf E. Coli-Asparaginasebasierte Medikamente reagieren, das einzige Medikament zur Behandlung der akuten lymphatischen Leukämie (ALL) ist. Unser oberstes Ziel ist es, durch eine transparente, schnelle und effiziente Behebung sämtlicher Unterbrechungen, die reibungslose Patientenversorgung zu sichern." 'Jazz Pharmaceuticals' (14. Januar 2019), Hauptsitz des Unternehmens ist Dublin, Irland

Patienten bekommen Engpass zu spüren

Die Apotheker versuchen, Alternativen zu besorgen, doch für Patienten heißt das zum Teil auch, dass sie ständig wechselnde Präparate bekommen und zum Teil deshalb auch neue Rezepte bei ihren Ärzten einholen müssen. Apotheker hingegen können Rabattverträge mit den Krankenkassen eventuell nicht mehr einhalten und das wiederum geschieht dann zu ihrem Nachteil. Bei bestimmten chronischen Krankheiten ist ein Umstieg von einem auf das andere Medikament auch nicht ganz einfach. So sind zum Beispiel manche Epileptiker schwer medikamentös einstellbar. Hat der Arzt dann die richtige Dosierung gefunden, sollten die Präparate nicht mehr gewechselt werden, denn gerade bei dieser Arzneimittelgruppe können minimale Unterschiede der Zusammensetzung des Arzneimittels deutliche Wirkunterschiede verursachen.

"Es hat sich aber in großen Untersuchungen in der praktischen Wirklichkeit gezeigt, dass unter laufender Therapie Herstellerwechsel (insbesondere bei Änderungen des Aussehens der Tabletten) zu einer geringeren Adhärenz (Einhalten, Anm. d. Redaktion) und bei anfallsfreien Patienten somit zu einem erhöhten Rezidivrisiko (Wiederauftreten, Anm. d. Redaktion) führen." Deutsche Gesellschaft für Epileptologie e.V. (Januar 2019)