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Sebastian Urbanski, Schauspieler mit Down-Syndrom
© pa/dpa/Britta Pedersen

Autoren

Marcus Overmann
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Sebastian Urbanski, Schauspieler mit Down-Syndrom

Wenn die Eltern eines ungeborenen Kindes erfahren, dass ihr Kind Trisomie 21 hat - das Down-Syndrom - dann werden neun von zehn Babys abgetrieben.

Früher gab es allerdings nur die Möglichkeit einer Fruchtwasseruntersuchung, um absolute Gewissheit zu bekommen. Diese Untersuchung birgt Risiken, Verletzungen des Babys sind möglich, weil mit einer Nadel Proben aus dem Fruchtwasser entnommen werden. Das ist der Grund dafür, dass nicht so viele Untersuchungen durchgeführt wurden und werden.

Neue Tests könnten zu mehr Abtreibungen führen

Mit neuen Testverfahren wird das wohl anders. Seit 2012 gibt es vorgeburtliche Bluttests, um herauszufinden, ob ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt kommt. Und es wird weitere Testverfahren geben, die immer besser und schneller sind.

Weil deshalb davon auszugehen ist, dass immer mehr Eltern diese Tests durchführen lassen, wollen Abgeordnete des Bundestags darüber reden, welche Folgen das haben wird. Denn es werde vermutlich immer mehr Abtreibungen geben, wenn ein Gendefekt festgestellt wird.

"Es geht nicht nur um die Frage der Trisomie 21. Sondern es geht um die Frage der Testverfahren“, sagt die Grünen-Abgeordnete Corinna Rüffer. Denn "viele Testverfahren stehen jetzt vorm Durchbruch. Und noch ist Zeit für die Gesellschaft, innezuhalten und zu entscheiden, wo wir hin wollen."

Bezahlen die Krankenkassen die neuen Tests?

Doch die Zeit drängt: Im kommenden Jahr wird der Gemeinsame Bundesausschuss, in dem Vertreter der Ärzte, der Krankenkassen und der Krankenhäuser sitzen, darüber entscheiden, ob Bluttest auf Trisomie 21 (Down-Syndrom) und weitere Gendefekte künftig von den Krankenkassen bezahlt werden sollen.

"Es ist damit zu rechnen, dass schon in absehbarer Zeit weitere molekulargenetische Testverfahren zur Verfügung stehen", sagt Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses. Deshalb sei es "zwingend notwendig, eine parlamentarische Diskussion herbeizuführen, ob und wie weit molekulargenetische Testverfahren in der Schwangerschaft zur Anwendung gelangen können."

Ab Januar diskutiert der Bundestag

Der Bundestag wird sich daher mit der Frage befassen, ob jeder einfach so einen Test durchführen kann, um zu entscheiden, ob ein Kind zur Welt kommen soll oder nicht.

Parteiübergreifend haben sich schon jetzt Mitglieder des Bundestages zusammengefunden, um zu beraten, ob Grenzen gezogen werden müssen. Sie wollen darüber reden, ob es moralisch vertretbar ist, Kinder mit Down-Syndrom oder anderen Gendefekten abzutreiben.

Das Down-Syndrom macht nur den Anfang

In einer gemeinsamen Pressekonferenz dieser Gruppe gibt der CDU-Abgeordnete und Arzt Rudolf Henke zu bedenken, dass der Bundestag die Entscheidung darüber an sich ziehen könne, welche Leistungen die Krankenkassen finanzieren. Die Trisomie-Tests seien nur der Anfang, sagt Henke, "es wird wohl auch weitere Gentests geben." Und darüber müsse man reden. Denn auch hier stelle sich die Frage: Wie weit darf der Mensch eingreifen, darf er das ungeborene Leben beenden, wenn Krankheiten drohen? Und wenn ja, welche Krankheiten sind das?

Es gibt bei der Diskussion keine allein richtige Antwort, sagt die SPD-Abgeordnete Dagmar Schmidt, die selbst Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom ist: "Es ist gut, wenn wir es schaffen, dass Menschen, die noch keine Meinung haben, jetzt eine Gelegenheit bekommen, sich eine Meinung zu bilden."

"Ich freue mich, dass ich leben darf!"

Sebastian Urbanski hat das Down-Syndrom, arbeitet als Schauspieler und Synchronsprecher. Er ist bei der Pressekonferenz der Bundestagsabgeordneten mit dabei und erklärt seine Sicht der Dinge:

"Meiner Mutter wurde damals gesagt, wenn sie mich nicht abtreiben lässt, werde ihr der Mann davonlaufen. Doch mein Vater ist ihr nicht davongelaufen. Meine Eltern haben es gewagt mit mir. Und darüber freue ich mich. Dass ich leben darf!" Sebastian Urbanski

Böse Blicke auf der Straße

Es gibt viele Probleme in der Gesellschaft für Menschen mit Down-Syndrom. Fehlende Kindergarten- und Schulplätze. Sportvereine, in denen ein Kind mit Down-Syndrom überhaupt angenommen wird. Böse Blicke auf der Straße. Eltern, die angefeindet werden, weil sie ein Kind mit Down-Syndrom überhaupt bekommen haben.

"Der Stress ist der, dass man halt alles erkämpfen muss. Man muss sich den Platz im Kindergarten erkämpfen, man muss sich den Platz in der Schule erkämpfen, das ist Stress! Die Gesellschaft ist eigentlich der Stress! Und nicht das Kind." Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom

Und dann ist da auch noch das Problem, dass es falsche positive Ergebnisse beim Bluttest geben wird. Die werdende Mutter wird dann eine Fruchtwasseruntersuchung durchführen, um absolute Klarheit zu bekommen. Doch die Fruchtwasseruntersuchung ist nicht völlig ungefährlich. Sie kann das Kind schädigen.

Die Debatte um das Down-Syndrom hat viele Facetten.