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Im Niemandsland: Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze | BR24

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Griechenland versucht, die EU-Außengrenze zur Türkei gegen andrängende Flüchtlinge und Migranten geschlossen zu halten. Die Politik in Deutschland wirkt angesichts der neuen Flüchtlingskrise eher ratlos.

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Im Niemandsland: Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze

Es kommen immer noch mehr – inzwischen sollen tausende Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze bei Edirne ausharren. Griechenland hat die Grenze abgeriegelt und wehrt die Flüchtlinge ab. Wie viele trotzdem durchgekommen sind, ist unklar.

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Nachdem Präsident Erdogan erklärt hat, die Grenzen geöffnet zu haben, hoffen tausende Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze, in die EU gelangen zu können. Tausende von ihnen harren bei Edirne aus. Doch Griechenland hat die Grenze geschlossen, seine Sicherheitskräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt und will keine Flüchtlinge durchlassen. Die kommen zu Fuß, mit dem Bus oder Taxi, über die Hauptstraße und über die vielen kleinen Feldwege – und treffen sich dann alle auf einem Weg – dem Richtung Grenzübergang.

Was sie haben, haben die meisten am Leib

Locker komme man durch, erzählt der Flüchtling Reza, ein junger Mann aus dem Iran; Kontrollen gebe es nicht: "Wir können ohne Probleme durchlaufen, die türkischen Gendarme halten uns nicht auf, sie fragen uns nichts." Hinter ihm läuft gerade wieder ein Schwung an Leuten vorbei, einige ziehen Rollkoffer hinter sich her, andere haben dicke Rucksäcke auf dem Rücken, aber die meisten der Flüchtlinge tragen das Bisschen, was sie besitzen, auf dem Leib.

"Wir wollen nach Frankreich, weil meine Eltern da sind"

Der Syrer Weil ist gerade erst mit seiner Familie angekommen. Sie schleppen unzählige Plastiktüten mit Brot und Windeln für seine Kinder, drei hat er, keines älter als fünf Jahre:

"Ich will nach Europa, deswegen werden wir jetzt abwarten. Vielleicht wird die Grenze ja noch geöffnet. Im Fernsehen haben wir gehört, dass der Weg zur Grenze jetzt frei ist für uns an die griechische Grenze. Wir sind aus Kahramanmarasch hierher gekommen mit einem Taxi, das sind 1.200 Kilometer. Wir wollen nach Frankreich, weil meine Eltern da sind." Flüchtling Weil aus Homs in Syrien

Sechs Jahre hat der 27-Jährige in der Türkei gelebt, spricht Türkisch. Trotzdem will er weg, nach Frankreich, wo seine Eltern sind.

Diskriminiert aus Glaubensgründen

Reza, der junge Iraner, hat sogar in der Türkei studiert, Jura. Auch er sieht in der Türkei für sich keine Zukunft. Er ist Bahaai, damit gehört er nicht nur zu einer nichtmuslimischen religiösen Minderheit im Iran. Er wurde dort auch verfolgt und will sich eine neue Existenz aufbauen.

"Ich möchte in ein Land, das sich nicht in meinen Glauben einmischt. Die Türkei ist ok, aber nicht gut für uns. Warum? Die erste Frage, die man mir hier immer stellt, ist: Welcher Konfession gehörst Du an?" Flüchtling Reza aus dem Iran

Er hatte gleich in der Nacht zum vergangenen Freitag das Gerücht gehört, dass die Türkei die Grenzen in die EU aufmacht. Danach hat er sich sofort auf den Weg gemacht, erzählt der 31-Jährige:

"Wir waren mit die ersten, die angekommen sind, ich und ein paar Freunde. Wir waren immer in der vordersten Reihe. Es kam sowas wie ein Botschafter, ein Grieche, der hat zu uns gesprochen. Er hat gesagt, man warte auf Anweisungen aus Europa. Wir haben ihm gesagt, dass wir ja gar nicht vorhaben, in Griechenland zu bleiben und dass wir nur durch das Land durchwollen um nach Europa zu gelangen. Er hat gesagt, wir sollen warten, bis Anweisungen kommen." Flüchtling Reza aus dem Iran

Flüchtlinge abwehren mit allen Mitteln

Im Moment scheinen Europa und Griechenland nur eine Antwort zu haben: die Grenze zu sichern und die Flüchtlinge auf keinen Fall hereinzulassen – sie abzuwehren mit allen Mitteln:

"Sie haben aus einem Meter Entfernung Gas geschossen auf einen Mann, aus nur einem einzigen Meter Entfernung. Gestern, habe ich gehört, sollen hier zwei Kinder gestorben sein, durch Gasgranaten. Wer übernimmt die Verantwortung dafür? Welches Land? Deutschland, Europa... wer, wer wird reagieren?" Flüchtling Reza aus dem Iran
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BR-Reporter Michael Schramm kann Berichte über erste Tote an der griechisch-türkischen Grenze nicht bestätigen. Diese Gerüchte könnten die Lage noch verschärfen.

Orangen für die Flüchtlinge

Hüseyin übernimmt die Verantwortung auf seine Weise. Der Rentner aus Istanbul hat am Morgen sein Auto vollgeladen. Jetzt verteilen er und seine Töchter Orangen, Kekse und Wasser. Er will den Flüchtlingen helfen, die hier gerade vorbeikommen und in einer so schwierigen Situation sind.

"Die meisten campieren in der Pufferzone, manche auch im Wald. In der Nacht ist es eiskalt, und es gibt wenig zu essen, und viele haben nichts Warmes anzuziehen. Das sind grade unsere größten Sorgen." Flüchtling Reza aus dem Iran

Reza selbst hat einen langen schwarzen Parka an, viele andere Flüchtlinge nur Sweatshirt-Jacken. Ihre Babys sind oft nur in ein dünnes Tuch gewickelt.

"Die Vereinten Nationen stellen sich tot"

Im Niemandsland zwischen der türkischen und der griechischen Grenze haben sie angefangen, Zelte aus Planen zu bauen. Reza will noch ein paar Tage bleiben, auch wenn er weiß:

"Es ist hoffnungslos durchzukommen. Unser Leben interessiert niemanden. Die Internationale Gemeinschaft, die Vereinten Nationen stellen sich tot." Flüchtling Reza aus dem Iran

Viele der Flüchtlinge sind wütend auf die Griechen, die sie an der Grenze abweisen, nicht auf den türkischen Präsidenten Erdogan. Auch der Rentner mit den Hilfspaketen sieht das so: "Im Fernsehen hat es der Präsident ja schon gesagt; wir haben Europa gesagt, dass es uns helfen soll, hat es aber nicht. Unsere Kapazitäten sind ausgeschöpft. Was sollen wir denn sonst machen?" Hüseyin aus der Türkei

Vier Millionen Flüchtlinge in der Türkei

Was sollen sie machen, als die Grenzen nach Europa zu öffnen, meint Hüseyin, und er spricht damit für viele Türken. Vier Millionen Flüchtlinge leben in der Türkei, teils seit Jahren. Und es droht eine neue Flüchtlingswelle unten im Süden aus der nordsyrischen Region Idlib. Da werden die Kämpfe um die letzte Rebellenhochburg immer heftiger. Die türkische Armee kämpft auf Seiten der Rebellen gegen das syrische Regime und dessen Schutzmacht Russland. Erdogan fordert internationale Unterstützung und versucht, die Europäer und die NATO unter Druck zu setzen. Reza zögert erst, dann muss er es doch loswerden: "Man betrügt uns, wir werden benutzt als Druckmittel. In Wirklichkeit interessiert sich niemand für uns", sagt er.

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Es kommen immer noch mehr – inzwischen sollen tausende Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze bei Edirne ausharren. Griechenland hat die Grenze abgeriegelt und wehrt die Flüchtlinge ab. Wie viele trotzdem durchgekommen sind, ist unklar.

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