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Im Gespräch: Die ehemalige Ordensschwester und der Kardinal | BR24

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Kardinal Christoph Schönborn und Doris Wagner

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    Im Gespräch: Die ehemalige Ordensschwester und der Kardinal

    Vor laufenden Kameras sprechen der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn und Doris Wagner, die in einem Orden furchtbare Dinge erlebt hat, mehrere Stunden miteinander. Wie kam es dazu? Ein Interview mit dem Fernsehautor Stefan Meining.

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    BR24: Herr Meining, wie kompliziert war es, dieses Gespräch zu arrangieren?

    Stefan Meining: Im November 2018 recherchierte ich zum Thema Nonnen und Ordensfrauen als Opfer sexueller Gewalt. Ich interessierte mich für dieses Thema, da zu diesem Zeitpunkt eine Diskussion entbrannte, ob der Missbrauchsskandal lediglich eine Folge unterdrückter homosexueller Neigungen von Priestern darstellte. Ich las das beeindruckende autobiografische Buch von Doris Wagner, in dem sie ihre schrecklichen Jahre in einem Orden beschrieb. Ich telefonierte sehr lange mit ihr und sie berichtete mir, dass sich Kardinal Christoph Schönborn bei ihr gemeldet hätte und mit ihr auch ein Gespräch führen möchte. Ich machte den Vorschlag eines unmoderierten Unterhaltung der beiden an einem neutralen Ort. Alles würde aufgezeichnet werden; dennoch könnten beide Gesprächspartner jederzeit das Gespräch beenden oder unterbrechen. Kardinal Schönborn war wie Doris Wagner von der Idee angetan. So kam es zur Aufzeichnung am vergangenen Samstag in einem Studio des Bayerischen Rundfunks.

    Wie haben Sie dieses Gespräch erlebt?

    Beide Gesprächspartner hatten sich zuvor noch nie richtig persönlich kennengelernt. Im Laufe des Gesprächs wurde die Atmosphäre immer vertrauter. Beide waren hoch konzentriert und dennoch sehr, sehr offen. Jeder einzelne Satz dieser absolut faszinierenden Persönlichkeiten hätte gesendet werden können. Am Ende gaben beide das gesamte Material ohne Einschränkungen frei. Für mich war das ein großer Vertrauensbeweis.

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    Doris Wagner und Kardinal Christoph Schönborn

    Was macht dieses Gespräch so besonders?

    Das Besondere war ohne Zweifel das Zusammentreffen von zwei Menschen, die der Katholischen Kirche sehr eng verbunden sind oder, wie im Fall von Doris Wagner, einmal waren. Beide Gesprächsteilnehmer ließen sich auf den anderen ein und übten Kritik; ohne dabei jemals die Hochachtung gegenüber dem anderen zu vergessen. Gleichzeitig war die Atmosphäre vor allem am Ende hochemotional. Eine unglaubliche Spannung verbreitete sich. Ich habe so etwas noch nie erlebt.

    Warum haben Sie als Ort ein Studio ausgewählt?

    Das BR-Studio bot den optimalen neutralen Boden für dieses Gespräch. Die beiden Gesprächspartner waren Gäste; keiner schuldete dem anderen etwas. In einer kirchlichen Einrichtung oder mit Publikum hätte dieses Gespräch nie funktionieren können.

    Wie geht es nun weiter?

    Ich hoffe, dass viele Menschen, die der Kirche kritisch oder selbstkritisch gegenüberstehen, diesen Film ansehen werden und sich dann ein eigenes Bild machen können. Gleichzeitig hoffe ich, dass die Verächtlichmacher von Doris Wagner, die es leider auch gibt, ebenfalls diesen Film sehen werden und erkennen, dass sich hier zwei kluge, sensible wie auch hochgebildete Menschen gegenüber saßen, die Dinge zum Besseren verändern wollen.

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    Kardinal Christoph Schönborn und Doris Wagner