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"Ich wollte nur noch sterben": Gedenken an Srebrenica-Völkermord | BR24

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Vor 25 Jahren fand das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa sei dem Zweiten Weltkrieg statt. Mehr als 8.000 muslimische Männer und Jungen wurden von bosnisch-serbischen Truppen ermordert.

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"Ich wollte nur noch sterben": Gedenken an Srebrenica-Völkermord

Es war ein Genozid auf europäischem Boden: Vor 25 Jahren wurden in der Gegend um Srebrenica tausende Bosniaken ermordet. Die Überlebenden fühlen sich bei der Aufarbeitung allein gelassen - denn die Täter leugnen noch immer, was damals geschehen ist.

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Es war das bisher größte Verbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Juli 1995 ermordeten bosnisch-serbische Truppen unter dem Kommando von Ratko Mladic in der Gegend um Srebrenica mehr als 8.300 Bosniaken (muslimische Bosnier). Die Männer und Jungen wurden in tagelangen Massenerschießungen getötet, unter der Mithilfe örtlicher Polizisten und lokaler serbischer Zivilisten.

Die Leichen der Opfer wurden bewusst auf mehrere Massengräber verteilt, um die Suche zu erschweren und den Genozid zu verschleiern. Noch immer gelten rund 1.200 Menschen als vermisst.

UN-Soldaten verhinderten Völkermord nicht

Vor dem Genozid war das ostbosnische Srebrenica eine UN-Schutzzone, in der während des Bosnienkriegs (1992-1995) zeitweise mehr als 40.000 Menschen Zuflucht gesucht hatten. Vor dem Einmarsch der bosnisch-serbischen Truppen am 11. Juli 1995 nach Srebrenica erhielten die niederländischen Blauhelmsoldaten keine Unterstützung, etwa durch Luftschläge der Nato, und waren nicht in der Lage den Völkermord zu verhindern.

Sie ließen sich sogar zu Handlangern der serbisch-bosnischen Truppen machen. Auf ihrem UN-Stützpunkt in Potocari halfen sie, die todgeweihten Männer und Jungen von deren panischen Familien zu trennen.

Corona beeinflusst Gedenkfeier in diesem Jahr

Auf dem Gelände in Potocari liegt die Gedenkstätte Srebrenica, wo heute der Opfer des Genozids vor 25 Jahren gedacht wird. Auf dem großen Friedhof werden die menschlichen Überreste von neun Ermordeten beerdigt, die identifiziert werden konnten.

Aufgrund der Coronaregeln fällt das Gedenken in diesem Jahr deutlich kleiner aus. Anwesend sind Vertreter aus Politik, Gesellschaft und der Religionsgemeinschaften in Bosnien und Herzegowina. Darunter Obermufti und Erzbischof. Aus Serbien ist niemand da. Doch zahlreiche Staatschefs, UNO- und EU-Vertreter schalten sich per Video zu. Darunter Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und die Chefin der EU-Kommission Ursula von der Leyen.

Überlebende fühlen sich angefeindet

Auch für Nedžad Avdić ist das heutige Gedenken wichtig. Im Juli 1995 überlebt der damals 17-jährige Bosniake seine eigene Exekution durch Soldaten der bosnisch serbischen Armee. Bei dem Versuch den Tätern durch die weitläufigen Wälder zu entkommen wird er gefangen und später nahe dem Dorf Petkovci zur Erschießung geführt.

Die Hände gefesselt, liegt er wie alle flach auf dem Boden. "Dann haben sie angefangen zu schießen", erzählt Avdić. "Ich wurde in die rechte Seite getroffen, in den Bauch und in den Arm und dann in den linken Fuß. Um mich herum starben die Menschen und ich wollte in diesem Moment auch nur sterben." Schwer verletzt verliert Avdić das Bewusstsein und kann sich später auf abenteuerliche Weise retten.

25 Jahre später sitzt der 42-Jährige auf dem Friedhof in Potocari, nahe Srebrenica. Ein ruhig wirkender, höflicher Mann mit kurzen braunen Haaren, Brille und kariertem, gebügeltem Hemd. Der Ökonom kehrte 2007 in seine ostbosnische Heimat zurück und damit in den serbischen Landesteil von Bosnien und Herzegowina. Willkommen fühlt er sich nicht: "Wir werden hier als Fremdkörper betrachtet, den man versucht hat zu entfernen. Man macht weiter, wo man 1995 aufgehört hat, nur mit anderen Mitteln."

Politischer Wille zur Aufarbeitung fehlt

So sieht das auch Sadik Selimovic. Er arbeitet für das bosnisch-herzegowinische Institut für Vermisstensuche. Er hält den Fundort von menschlichen Überresten fest, informiert Staatsanwaltschaft, Gerichtsmedizin und Polizei bevor die Überreste dann in Tuzla forensisch untersucht, und wenn möglich zugeordnet werden.

Die Vermisstenfrage sei sehr wichtig, betont der 62-Jährige, der den Völkermord durch viele Zufälle überlebte und seinen Vater, drei Brüder sowie viele weitere Angehörige verloren hat. "Das Problem ist, dass auf allen Machtebenen Leute sitzen, die an solchen Verbrechen beteiligt waren. Von der kommunalen Ebene bis zu den höchsten Ebenen im Staat. Es gibt einfach keinen politischen Willen, denn die Menschen, die daran teilgenommen haben, sind Teil von Polizei oder Staatsanwaltschaft und behindern alles. Ihnen ist die Lösung dieses Problems überhaupt nicht wichtig."

Das Leugnen verhindert Frieden und Versöhnung

Der Internationale Gerichtshof in Den Haag stufte die Verbrechen von Srebrenica als Völkermord ein und das Jugoslawientribunal hat die Fakten auf hunderttausenden Seiten dokumentiert - auch in Prozessen gegen den damaligen Kommandeur der bosnisch-serbischen Truppen Ratko Mladic und weitere Srebrenica-Täter.

Doch serbische Spitzenpolitiker in Bosnien und Herzegowina wie Milorad Dodik bestreiten, dass es einen Völkermord gegeben hat. "1995 hat es Verbrechen gegeben, aber keinen Völkermord", sagt auch Mladen Grujicic, der erste serbische Bürgermeister in Srebrencia seit Kriegsende.

Offener Triumph und Verhöhnung der Opfer

Das Leugnen hat Methode, betont dagegen Emir Sulajgic, Direktor der Gedenkstätte Srebrenica. Nicht nur serbische Politiker, auch Medienvertreter, Wissenschaftler, Intellektuelle, Angehörige der serbisch-orthodoxen Kirche oder Durchschnittsbürger würden den Völkermord systematisch leugnen. Dazu gehöre unter anderem das Anzweifeln der Opferzahlen oder absurde Argumente gegen das Jugoslawientribunal und dessen Urteile. Offener Triumph und das Lancieren angeblich antiserbischer Verschwörung sei Teil der Gegenwart, sagt Suljagic.

Ein Beispiel aus dem Ort Bratunac nahe Srebrenica: Dort wird der Gedenktag am 11. Juli zu einem "Tag der Befreiung von Srebrenica" verbrämt. "Es ist ganz einfach," so Suljagic. "Wenn sie die Familie eines Menschen töten und das Haus niederbrennen, dann ist die Erinnerung alles was bleibt. Und Leugnen ist ein Angriff auf die Erinnerung an die Ereignisse die passiert ist."

Bosnien als "erstes Testfeld für Rechtsextreme" weltweit

Zum 25. Jahrestag hat die Gedenkstätte das systematische Leugnen des Genozids in einer Studie untersucht und in einen internationalen Zusammenhang gestellt. Leugnen und Islamophobie sind demnach die größten Hindernisse auf dem Weg zu Frieden und Versöhnung in Bosnien und Herzegowina. Die umstrittene Vergabe des Literaturnobelpreises für den mit Serbien sympathisierenden Peter Handke gilt für Suljagic ebenfalls als Beleg für Ignoranz.

Und er betont zudem, verurteilte Kriegsverbrecher wie Ratko Mladic seien für rechtsextreme Attentäter Helden, zum Beispiel für Anders Breivik. "Wir sollten nicht vergessen, dass Bosnien das erste Testfeld für Rechtsextreme in der Welt war", so Suljagic. "Hunderte russische Freiwillige kamen zwischen 92 und 95 hierher um Muslime zu töten (…) In vielerlei Hinsicht kämpfen viele dieser Extremisten immer gegen die Türken. Es gibt also eine größere Schlacht, die auch von der Schwächung des antifaschistischen Konsenses in Europa befördert wurde." Das Leugnen des Genozids unter Strafe zu stellen, eine umfassende Bildungsreform und Täter konsequent strafrechtlich zu verfolgen, dies wäre dringend notwendig, betont Suljagic.

"Soll ich das hier den Tätern überlassen?"

Nedžad Avdić mischt sich unterdessen ein in der Umgebung, die sich ihm gegenüber oft feindselig verhält. Seit sie ihre drei Töchter hätten würde seine Frau überlegen aus der Heimat wieder wegzugehen, erzählt er. Die Kinder lernen in der Schule nach dem Lehrplan des serbischen Landesteils von Bosnien und Herzegowina, der die Wahrheit über den Völkermord nicht vorsieht.

Der Überlebende erzählt Schülern von seinen traumatisierenden Erfahrungen, doch Schulen im serbischen Landesteil hätten kein Interesse an ihm. Er träume davon, allen Kinder in der Schule erzählen zu dürfen, sagt Avdić, egal welcher ethnischen Gruppe sie angehören wie er betont: "Wenn wir frei sprechen können wird die Situation normal, und dann werden wir nach vorne gehen können. Solange geschwiegen wird geht das nicht."

Er hat Vater, Onkel und zahlreiche weitere Angehörige im Völkermord verloren und die eigene geplante Erschießung überlebt. Als er damals schwer verletzt unter dem Leichenhaufen liegt bewegt sich etwas in seiner Nähe. "Lebst du?", fragt Nedzad Avdic und hat plötzlich einen Verbündeten, mit dem er gemeinsam auf das Gebiet entkommt, auf dem die bosnische Armee damals das Sagen hat.

Dieser Mann lebt heute in Kanada. Er wollte weg und Avdić versteht das gut. Doch für sich sieht er es im Moment noch so: "Ich weiß nicht ob ich hierbleibe, aber grundsätzlich will ich nicht weg. Das würde ich als Niederlage betrachten, weil ich damit den Verbrechern und ihren Sympathisanten das letzte Wort überlassen würde, und das will ich nicht."

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