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Israels Wirtschaft in der Corona-Krise

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"Ich habe nichts mehr!" - Israels Wirtschaft in der Corona-Krise

Israels Wirtschaftsleistung wuchs in den vergangenen Jahren meist schneller als die der Euro-Zone. Doch dann kam die Corona-Krise. Am härtesten trifft sie Arbeiter im Niedriglohnsektor.

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Vor ein paar Wochen rührte ein Mann viele Israelis zu Tränen. Yuval Carmi betreibt einen Falafel-Imbiss in der Hafenstadt Aschdod. Ein Fernsehteam des Kanals 13 besuchte ihn und fragte, wie das Geschäft in der Corona-Krise laufe. Da brach der Israeli fast zusammen.

"Ich habe nichts mehr zum Leben. Ich weiß nicht, was ich tun soll." Yuval Carmi, Ladenbesitzer

Yuval Carmi hat eine Familie und Kinder zu Hause. Er sagt, angeblich hätten die Ladenbesitzer vom Staat Millionen bekommen. Aber das stimme nicht. "Wir haben keinen einzigen Schekel bekommen. Nichts. Ich verspüre das Bedürfnis, mich selbst zu verbrennen, ich weiß einfach nicht, wie es weitergehen soll."

Israels Wirtschaft stand gut da. Dann kam Corona

Yuval Carmi ist in Israel zu dem Gesicht der Wirtschaftskrise geworden, die durch das Coronavirus ausgelöst wurde. In einem Land, das auf den ersten Blick erfolgsverwöhnt war. So wuchs die Wirtschaftsleistung in den vergangenen 20 Jahren in der Regel schneller, als in der Euro-Zone. Wirtschaftskrisen meisterte Israel besser als die meisten anderen Länder. Die Corona-Krise sei ein tiefer Einschnitt, meint Shlomo Swirski, ein Forscher am wirtschaftspolitisch eher linken Institut Adva.

"Es ist klar, dass es diesmal sogar schlimmer wird als in der Zeit der zweiten Intifada von 2001 bis 2004." Shlomo Swirski, Forscher

Vor der Krise herrschte in vielen Teilen der israelischen Bevölkerung praktisch Vollbeschäftigung. Schon in guten Zeiten fragten Kritiker aber, wie nachhaltig diese Arbeitsplätze sind - vor allem im Niedriglohnsektor. Nun liegt die Arbeitslosenquote bei etwa 25 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland liegt sie aktuell bei knapp sechs Prozent.

Arbeitslose statt Kurzarbeiter - ein Modell mit Risiken

Der wichtigste Grund für den Unterschied: Die israelische Regierung setzt nicht auf Kurzarbeit. Ein Modell, bei dem die Arbeitnehmer ihre Jobs behalten, weniger arbeiten und der Staat Kurzarbeitergeld zahlt. In Israel werden die Arbeitnehmer in unbezahlten Urlaub geschickt und als arbeitslos registriert. Der Staat zahlt dann Arbeitslosengeld, nicht jedoch an Selbstständige. Das israelische Modell birgt Risiken.

"Wir haben weiterhin eine Million Arbeitslose", sagt der Forscher Swirski. "Jeden Tag kommen manche von ihnen zurück in den Arbeitsmarkt. Aber das reicht nicht. Es gibt viele, die voraussagen, dass die Hälfte in absehbarer Zeit ohne Job bleibt."

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist groß in Israel

Schon vor der Corona-Krise lebte in Israel jeder fünfte in Armut. In den Statistiken der Organisation OECD schneidet Israel in diesem Bereich regelmäßig mit am schlechtesten ab. Auch die Kluft zwischen Arm und Reich ist größer als im OECD-Durchschnitt. Der Ökonom Avi Weiss leitet das israelische Forschungszentrum TAUB. Er geht davon aus, dass die Ungleichheit in Israel wachsen wird.

"Es geht um die Schwächsten der Gesellschaft, die nun keine Arbeit mehr haben. Deshalb wird die Ungleichheit wachsen." Avi Weiss, Ökonom

Die Menschen, die ihren Job verloren hätten, seien die mit einem viel niedrigeren Einkommen als die meisten Israelis gewesen. Sie hätten im Schnitt nur 60 Prozent des Durchschnittslohns erhalten, sagt Weiss.

Israel: Starker Sozialstaat und sehr freie Marktwirtschaft

Israel blickt auch wirtschaftspolitisch auf eine bewegte Geschichte zurück. Von der Staatsgründung bis in die 80er-Jahre dominierte ein starker, lenkender Staat. Später wurden Teile der sozialen Marktwirtschaft aufgeweicht. Heute erinnert Israel in Teilen an Länder mit einem starken Sozialstaat wie in Skandinavien - zum Beispiel im Gesundheitssektor, in anderen Teilen jedoch an die sehr freie Marktwirtschaft der USA.

"Keine Frage: Die Menschen bekommen in Israel weniger Sozialleistungen für einen kürzeren Zeitraum", sagt der Ökonom Weiss. "Als Arbeitsloser hat man es hier also schwerer als in vielen anderen OECD-Ländern. Auf jeden Fall schwerer als in Skandinavien und Deutschland."

Der neue Arbeitsminister verspricht eine "ausgeglichene Wirtschaft"

Seit einer Woche hat Israel eine neue Regierung. Die hat erklärt, sich in den ersten Monaten fast ausschließlich um die Corona-Krise kümmern zu wollen. Wirtschaftsminister ist Amir Peretz von der Arbeitspartei. Er verspricht, sich um die Arbeitslosen zu kümmern.

"Ich trete dieses Amt an, um eine menschliche Wirtschaft zu fördern", sagte der dem israelischen Sender KAN. "Eine Wirtschaft, die zwischen Arbeitnehmern, Selbstständigen und dem Weltgeschehen einen Ausgleich findet. In vielen Ländern der Welt, vor allem in Skandinavien, wird das mit Erfolg umgesetzt. Wir sind nicht per se gegen eine freie Marktwirtschaft. Wir wollen eine ausgeglichene Wirtschaft."

Skandinavische Sozialpolitik in Israel?

Der Sozialforscher Shlomo Swirski ist skeptisch: "Ich würde sagen, dass Wirtschaftsminister Peretz gute Bücher liest, Bücher über den skandinavischen Ansatz. Aber so ist die Lage in Israel nicht." Amir Peretz sei nicht in der Lage, diese Pläne umzusetzen. Das Wirtschaftsministerium sei eines der schwächsten Ministerien, sagt Swirski.

Premierminister bleibt Benjamin Netanjahu. Ein Anhänger des freien Marktes. Für den stehen die vielen Start-ups, die in Israel gegründet wurden und die High-Tech-Branche. Doch von diesem Teil der Wirtschaft, meint der Sozialforscher Swirski, profitiere bislang nur ein kleiner Teil der israelischen Gesellschaft. Abgesehen davon, dass auch viele Start-ups in der Corona-Krise große Probleme haben, weil das Geld der dringend benötigten Investoren nicht mehr so locker sitzt. Es wird lange dauern, bis sich die israelische Wirtschaft von der schweren Krise erholt hat.

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