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Ende der Anonymität durch hyperlokale Netzwerke.

Es gibt Facebook, die Plattform für Freunde, Bekannte und Familie, oder beispielsweise Xing für berufliche Kontakte. Und seit kurzem eine dritte Kategorie: sogenannte hyperlokale Netzwerke, die die Nachbarschaft abbilden.

Das bekannteste der dritten Kategorie ist in Deutschland nebenan.de. "Auf nebenan.de kann sich jeder anmelden, um seine Nachbarn kennenzulernen und sich gegenseitig zu helfen und auszutauschen", erklärt Christian Vollmann, Gründer und Geschäftsführer der Plattform.

nebenan.de ist in 350 deutschen Städten aktiv

Nachbarschaftsportale in den USA dienten als Inspirationsquelle. Der Gedanke, sich mit den Nachbarn zu vernetzen, um die Anonymität des urbanen Lebens zu durchbrechen, trifft offenbar einen Nerv. Das Startup wächst rasant. In den 350 größten Städten Deutschlands ist nebenan.de bereits aktiv. Es geht um Informationen über den Nahbereich, vor allem aber um organisierte Nachbarschaftshilfe.

Wer eine Bohrmaschine braucht oder jemanden, der auf seinen Hund aufpasst, kann im Netzwerk eine Anfrage veröffentlichen. "Online fällt uns dieser erste Schritt leichter, weil die Gefahr der Zurückweisung nicht so groß ist und man niemanden in eine blöde Situation bringt, wo er Nein sagen muss", erklärt Vollmann.

Veranstaltungen, Anfragen, Angebote, soziale Kontakte

Loggt man sich beispielsweise unter der Postleitzahl 80335 ein, die auch für den Bayerischen Rundfunk gilt, erhält man den Hinweis auf eine Veranstaltung über Stress und Burnout. Oder das Angebot eines Praktikumsplatzes bei "Gute Tat". Ein Mann sucht tageweise eine "liebevolle Betreuung" für seinen Hund Oskar. Das Münchner Bahnhofsviertel gilt als besonders aktive Nachbarschaft. 365 User haben sich hier registriert.

Auch in anderen bayerischen Städten funktioniert nebenan.de. Bayernweit laufe es in Nürnberg besonders gut – dort hätten sich bereits zehn Prozent der Haushalte angemeldet. Auch in Städten wie Regensburg und Würzburg sei das Interesse groß.

Es geht aber nicht nur um Veranstaltungen und um das Teilen von Dingen. "Wir kriegen jeden Tag sehr positives Feedback von den Nutzern", sagt Vollmann. "Die sagen: 'Das ist eine tolle Sache. Ihr habt mich aus der Einsamkeit geholt. Ich war depressiv, jetzt habe ich wieder Anschluss, ich habe hier eine Pool-Gruppe, eine Skat-Gruppe, eine Theatergruppe, einen Chor.'" Nebenan.de sei also nicht nur Ratgeber, sondern habe auch eine seelsorgerische Funktion.

Noch keine Umsätze durch nebenan.de

Noch erzielt nebenan.de keinerlei Umsätze. Die Anschubfinanzierung besorgten einige Venture-Kapitalgeber, darunter Burda sowie die Tochterfirmen zweier Regionalzeitungen, der Nordwest-Zeitung Oldenburg und der Augsburger Allgemeinen. Die wollen natürlich irgendwann positive Zahlen sehen. In Kürze führt nebenan.de eine freiwillige Fördermitgliedschaft ein. Als nächsten Schritt will Vollmann lokale Gewerbetreibende auf die Plattform bringen. "Die müssen dann allerdings ein Entgelt dafür bezahlen, weil sie ja schließlich auch ein gewerbliches Interesse haben", so Vollmann.

In Deutschland hat nebenan.de nach der Übernahme von wirnachbarn.com quasi keinen Wettbewerber. Die US-Plattform nextdoor zieht sich laut Vollmann vom deutschen Markt zurück. In Frankreich, Spanien und Italien ist Vollmann mit seinem Netzwerk auch vertreten – dort ist der Konkurrenzkampf aber härter.

Von Facebook will sich nebenan.de nicht nur wegen des Fokus auf die Nachbarschaft abgrenzen: "Wir sind keine Datensammelmaschine. Da unterscheiden wir uns ganz deutlich von Facebook", sagt Vollmann und ergänzt: "Es gibt keinen Algorithmus, der entscheidet, was Sie dort sehen, was Sie dort nicht sehen. Sondern es ist ein chronologischer Feed." Dadurch soll nebenan.de "transparent und für jeden verständlich" sein.

Autoren

Günter Herkel

Sendung

B5 aktuell vom 16.09.2018 - 12:05 Uhr