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Bildrechte: picture alliance / Jochen Tack

Die Landwirtschaft trägt maßgeblich zur Emission klimaschädlicher Gase bei. Unter dem Stichwort "Carbon Farming" wird jedoch erprobt, mehr Kohlenstoff in die Böden einzubringen und so den CO2-Gehalt der Atmosphäre zu verringern.

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Humusaufbau: Wirksamer Klimaschutz oder Green-Washing?

Die deutsche Landwirtschaft ist für ein Zehntel der Treibhausgase verantwortlich. Sie könnte aber auch Kohlendioxid speichern - durch die Anreicherung von Humus in landwirtschaftlich genutzten Böden. Eine relevante Maßnahme für wirksamen Klimaschutz?

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Von
  • Doris Fenske

Wachsen Pflanzen auf einem Acker, so speichern sie Kohlendioxid aus der Atmosphäre in Form von organischem Kohlenstoff. Verbleiben Pflanzenreste wie Wurzeln und Blätter auf dem Feld, werden sie von der Bodenfauna zerkleinert und zersetzt. Diese Arbeit übernehmen Regenwürmer, aber auch Mikroorganismen, wie Bakterien und Pilze.

Der gespeicherte Kohlenstoff aus dem Treibhausgas CO2 wird dabei teils wieder frei, ein Teil aber auch langfristig festgelegt im Humus. Das bedeutet: Humus ist ein enormer Kohlenstoffspeicher. Wenn Landwirte aktiv Maßnahmen durchführen, um den Humusgehalt ihrer Böden zu erhöhen, leisten sie einen Beitrag zum Klimaschutz. Diese Wirtschaftsweise wird auch als "Carbon Farming" bezeichnet.

Interesse an Humusaufbau als CO2-Kompensation wächst

In jüngster Zeit wird immer mehr mit privatwirtschaftlichen CO2-Zertifikaten gehandelt, die Humusaufbau auf heimischen Äckern als CO2-Kompensationsmaßnahme anbieten. Das Interesse daran wächst, die Maßnahme ist einfacher umzusetzen als beispielsweise Windräder zu bauen oder Freiflächenphotovoltaik zu errichten. Aber eignet sich Humusaufbau auf Ackerflächen als verlässlich seriöse CO2-Kompensation?

Humus in den Böden anreichern setzt voraus, dass die Felder kontinuierlich mit Pflanzenmaterial "gefüttert" werden. Das können Landwirte mit verschiedenen Maßnahmen erreichen. Zum Beispiel nach der Getreideernte im Sommer eine Zwischenfrucht anbauen, die im kommenden Frühling vor der nächsten Saat in den Boden eingearbeitet wird. Aber auch Untersaaten sind wirkungsvoll: wenn zwischen den Maisreihen Klee ausgesät wird. Auch vielfältige Fruchtfolgen mit tief wurzelnden Hülsenfrüchten fördern den Humusaufbau, genauso wie Stroh und Erntereste, die auf den Äckern verbleiben.

Öko-Landbau fördert Humusaufbau

Im ökologischen Landbau werden einige dieser Maßnahmen routinemäßig durchgeführt. Das führt dazu, dass Ökoäcker in der Regel höhere Humusgehalte aufweisen als konventionell bewirtschaftete. Betreiben Landwirte humusmehrenden Ackerbau, hat das viele Vorteile. Denn Humus wirkt sich auf die Bodenfruchtbarkeit insgesamt positiv aus, fördert das Wasserspeichervermögen der Böden und sorgt für verlässlich stabile Erträge. Trotzdem wird gezielter Humusaufbau in der konventionellen Landwirtschaft kaum betrieben. Die dafür nötigen Maßnahmen schmälern die Wirtschaftlichkeit.

Es muss zusätzlich Saatgut gekauft werden und weitere Bearbeitungsschritte fallen an, die kurzfristig betrachtet nicht für höhere Gewinne sorgen. Denn Humusaufbau erfolgt langsam, sagt Axel Don vom Institut für Agrarklimaschutz am Thünen-Institut: "Nur mit großem Aufwand mit vielen Bodenproben und Analytik sind Veränderungen der Humusvorräte nach frühestens fünf Jahren auf einem Acker sicher nachweisbar."

Damit Landwirte Humus aufbauen, reichen die guten Gründe dafür allein nicht aus, es bräuchte zusätzliche finanzielle Anreize.

Experte empfiehlt Hecken pflanzen

Bodenwissenschaftler Axel Don hält es für sinnvoll, Humus in allen Ackerböden anzureichern, auch auf Sandböden, die ein geringeres Potential haben als tonhaltige Böden. Er empfiehlt noch ein anderes wirksames Instrument, das Humusaufbau und gleichzeitig die Biodiversität fördert: Hecken pflanzen.

"Hecken sind ein extrem guter Kohlenstoffspeicher. Wenn wir nur 0,02 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland mit Hecken bepflanzen, dann könnten wir eine Million Tonnen CO2 speichern." - Axel Don, Bodenwissenschaftler

Auch Wiesen und Weiden können viel CO2 speichern

Klimaschutz durch mehr Humus ist nicht nur auf Ackerflächen möglich, sondern auch auf Wiesen und Weiden. Die haben von vornherein ein höheres Potential, Kohlenstoff zu speichern. Grünland wurde in den vergangenen Jahrzehnten in großem Stil umgeackert, schädliches Kohlendioxid dadurch freigesetzt. Grünland schützen und erhalten ist also eine wichtige Klimaschutzmaßnahme.

Es kommt aber auch auf den Grundwasserstand an. Viele Wiesen sind drainiert, das heißt, der einstmals hohe Grundwasserstand wurde abgesenkt, um sie intensiver nutzen zu können. Je höher aber der Grundwasserstand, umso mehr Kohlenstoff speichert das Grünland. "Für den Klimaschutz wäre es vorteilhaft, Drainagerohre zu entfernen und Wiesen und Weiden insbesondere auf Moorböden wieder stärker zu vernässen", meint Axel Don vom Thünen-Institut.

Humusaufbau könnte jährlich drei Millionen Tonnen CO2 speichern

Selbst wenn aber auf Äckern flächendeckend alle Anstrengungen zum Humusaufbau ergriffen werden, könnten damit etwa drei Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr in Deutschland im Humus festgelegt werden. Die gesamten Treibhausgasemissionen der Bundesrepublik betragen 800 Millionen Tonnen. Im Vergleich dazu ein kleiner, aber dennoch nicht unerheblicher Beitrag.

Diesen fest einzurechnen in nationale Emissionseinsparungs-Potentiale oder als private CO2-Zertifikate zu handeln, halten Bodenwissenschaftler wie Axel Don nicht für seriös. Denn Humusaufbau ist reversibel: Sobald der Landwirt weniger Maßnahmen durchführt, wird der festgesetzte Kohlenstoff in Form von CO2 wieder frei. Außerdem kann der Klimawandel mit höheren Temperaturen und weniger Niederschlägen zu einem vermehrten Abbau von Humus führen. Dabei wird ebenfalls Kohlendioxid freigesetzt. Steigt die Jahresmitteltemperatur um ein Grad, müsste sich der Eintrag aus Ernterückständen um etwa 14 Prozent erhöhen, um den Humusverlust auszugleichen.

Dauergrünland ist langfristig der beste Klimaschutz

"Schon der Erhalt der Humusvorräte wird ein Kraftakt für die Landwirtschaft, denn jedes Dürrejahr so wie 2018 vernichtet auch Humus." - Axel Don, Bodenwissenschaftler

Damit Humusaufbau eine Klimaschutzmaßnahme ist, muss garantiert werden, dass der Kohlenstoff auf lange Zeit, im Prinzip für immer, gespeichert wird. Am sichersten festgelegt ist Humus in langfristig stabilen Systemen, wie Dauergrünland oder Hecken. Humusaufbau nur im Hinblick auf die CO2-Minderung zu sehen, hält Axel Don für falsch. "Der Klimaschutz ist ein Nebenprodukt, es gibt viele wichtige Gründe, unsere Böden mit Humus anzureichern."

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