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Homeschooling verstärkt Ungerechtigkeit in der Bildung | BR24

© HMB Media/Oliver Mueller

Ein junge sitzt an seinem Schreibtisch und erledigt seine Mathe-Aufgaben im Homeschooling.

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    Homeschooling verstärkt Ungerechtigkeit in der Bildung

    Kinder aus Akademiker-Familien haben die besseren Noten. Das war schon vor der Corona-Pandemie so. Darum warnen Lehrer und Bildungsexperten: Für Kindern aus sozial schwächeren Familien könnten die Corona-Krise nun auch noch zur Bildungs-Krise werden.

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    Hamza und Ensar Bahçi gehen in die vierte und fünfte Klasse. Ohne die Hilfe ihres großen Bruders Mücahid ginge in Sachen Homeschooling gar nichts. Er ist 22 und studiert in Heidelberg Jura. Sein Vater arbeitet ganztags und spricht schlecht Deutsch. Die Mutter und sein Onkel arbeiten im Schichtbetrieb. Sie haben kaum Zeit für Homeschooling. Deshalb hat Mücahid beschlossen, seine zwei kleineren Brüdern und die Kinder seines Onkels zu Hause zu betreuen. Sie treffen sich zweimal die Woche und arbeiten die Aufgaben ab, die die Lehrer den Kindern zugeschickt haben.

    "Ich habe das übernommen und einen Stundenplan gemacht. Vier Stunden mit je 45 Minuten, dazwischen ist immer 15 Minuten Pause, damit die Kinder ein bisschen Luft schnappen können. Bisher klappt es ziemlich gut." Mücahid Bahçi, Jurastudent

    Der Lernerfolg hängt vom Elternhaus ab

    Doch nicht alle Familien haben jemanden wie Mücahid daheim, der einspringen kann, wenn die Eltern tagsüber arbeiten müssen. Lehrerinnen wie Birgit Dittmer-Glaubig erleben immer wieder, wie sehr der Lernerfolg im Homeschooling vom sozialen Umfeld abhängt. Eltern mit höherem Schulabschluss eignen sich nicht nur besser als Aushilfslehrer, sie haben auch öfter Homeoffice als Menschen in handwerklichen Berufen. Dittmer-Glaubig unterrichtet in der Grund- und Mittelschule an der Simmernstraße in München-Schwabing. Seit Wochen versorgt sie ihre Schüler per Email mit Aufgaben und merkte dabei, dass Kinder aus ärmeren Familien mit weiteren Problemen zu kämpfen haben.

    "Ich bekomme die Rückmeldungen selbst von den Zehntklässlern: Mein Internet ist zusammengebrochen, ich habe kein Guthaben mehr. Da hakt es natürlich an vielen Ecken und Enden." Birgit Dittmer-Glaubig, Lehrerin

    Manche haben auch keinen Laptop zu Hause und sind nur noch per Handy online. Das eignet sich kaum für den Onlineunterricht. Jetzt hinterlegt die Lehrerin Ausdrucke auf Papier im Pausenhof. Dort können die Kinder ihre Hausaufgabenblätter abholen und ganz analog bearbeiten.

    Bildungswissenschaftler warnen vor Benachteiligung

    Dass vielen die Möglichkeit fehlt, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen, merkt Birgit Dittmer-Glaubig auch an den Anfragen der Eltern: Manche wollen ganz schnell neue Aufgaben für ihre Kinder. Andere melden sich nie, oder die Arbeitsaufträge werden gar nicht zurückgeschickt. Das Homeschooling stößt hier an seine Grenzen. Und Bildungswissenschaftler wie Professor Ludger Wößmann vom IFO Zentrum für Bildungs-Ökonomik in München warnen: Viele Schüler könnten wegen Corona auf der Strecke bleiben.

    "Wir kennen das von vielen Studien, die sich Entwicklungen über die Schulferien anschauen: Da ist es so, dass bildungsnahe Kinder in den Schulferien häufig noch dazu lernen und bei den Tests nachher besser abschneiden. Und bei bildungsfernen Schichten ist ein sehr starker Einbruch zu sehen. Wir nennen das die “Sommerschmelze”. Da verschwindet vieles von dem was man gelernt hat, und man muss wieder sehr tief anfangen." Prof. Ludger Wößmann, IFO Institut für Bildungsökonomie, München

    Schon ohne Corona entscheidet in Deutschland die Herkunft mehr als anderswo über den Bildungserfolg. Jetzt kommt die Krise dazu und könnte das Problem verschärfen, Bildungswissenschaftler Ludger Wößmann. "Wenn das länger andauert, dann am Ende, zum Jahresende das Lernziel zu schaffen, Übertritte zu bekommen: Das wird sich noch stärker auseinander entwickeln."

    Prüfungen nicht gleich zu Beginn

    Bayerns Kultusminister Michael Piazolo hat jetzt angekündigt, dass es in der Zeit nach Corona nicht gleich wieder voll losgehen soll, sondern dass die Schüler eine "gewisse Zeit des Ankommens" in der Schule bekommen sollen.

    "Dass nicht schon an den nächsten Tagen was abgefragt wird. Sondern dass hier die Lehrerinnen und Lehrer drauf achten: Wie ist denn das unterschiedliche Wissen. Was hat man denn in der Pause getan. Wie können wir es schaffen, die Schülerinnen und Schüler wieder auf ein entsprechendes Level zu bringen." Michael Piazolo, Freie Wähler, Bayerischer Kultusminister 

    Jurastudent Mücahid Bahçi hofft, dass, dank seines Homeschoolings, seine zwei Brüder und die Kinder seines Onkels das nicht nötig haben. Aber allzu lang kann er den Aushilfslehrer-Job nicht mehr übernehmen, weil er sich dann auch wieder um sein Jurastudium kümmern muss. Deshalb hofft er auch, dass die Schule, natürlich unter Sicherheitsvorkehrungen, möglichst bald wieder starten kann.

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