BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Homeschooling statt Schule: Corona frisst Lernzeit auf | BR24

© BR/Fabio Principe

Schulische Aktivitäten haben sich während Corona bei den Schülerinnen und Schülern auf 3,6 Stunden pro Tag reduziert.

33
Per Mail sharen

    Homeschooling statt Schule: Corona frisst Lernzeit auf

    Kinder haben sich in der Corona-Zeit deutlich weniger mit Schule beschäftigt. Laut einer repräsentativen ifo-Umfrage halbierte sich die Zeit für schulische Aktivitäten pro Tag. Das Forschungsinstitut ist für die Rückkehr zum normalen Schulunterricht.

    33
    Per Mail sharen

    Andreas Strobel aus Heretsried hat drei schulpflichtige Kinder und sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Homeschooling in der Corona-Zeit gemacht. Nur beim Großen in der Realschule habe es regelmäßig Video-Unterricht gegeben, bei den Kleinen kaum. Fernsehen und Computerspiele hätten seine Kinder nur "unmerklich mehr" genutzt. Ein Problem sei gewesen, sagt Strobel, dass es am Anfang chaotisch zugegangen sei und die Kinder mit Lernstoff überfrachtet worden seien. "Im Großen und Ganzen" habe das Lernen unter Corona-Bedingungen aber ganz ordentlich funktioniert.

    Das in München ansässige ifo Institut hat in einer bundesweiten Umfrage 1.000 Eltern wie Strobel zu ihren Erfahrungen in der Zeit der Schulschließungen befragt. Das Institut liefert damit den ersten repräsentativen Einblick in den Alltag von Schulkindern, Eltern und Schulen während der Corona-bedingten Schulschließungen. Außerdem wurden für den im Herbst erscheinende ifo-Bildungsbarometer insgesamt 10.000 Personen befragt, wie sie die Bildungspolitik während der Corona-Krise beurteilen. Teile davon flossen ebenfalls in diese Erhebung ein. Aus dem umfangreichen Report - fünf Erkenntnisse:

    1. Deutlich weniger Zeit zum Lernen

    Laut der heute veröffentlichten Studie waren während der Corona-Zeit 38 Prozent der Schulkinder höchstens zwei Stunden pro Tag mit Lernen für die Schule beschäftigt. Bei 74 Prozent seien es höchstens vier Stunden gewesen. In der Zeit vor Corona haben sich den Studienautoren zufolge 89 Prozent der Schulkinder mindestens fünf Stunden pro Tag mit schulischen Aktivitäten beschäftigt. Während die Schulen geschlossen hatten, hätten nur 18 Prozent der Schüler dieses Niveau halten können. 14 Prozent der Schüler hätten während Corona sogar nur maximal eine Stunde am Tag mit schulischen Aktivitäten verbracht.

    Im Durchschnitt hat sich demnach die Zeit für schulische Aktivitäten von 7,4 auf 3,6 Stunden am Tag reduziert - eine Halbierung der Lernzeit, die offenbar kompensiert werden konnte. Dazu heißt es: "Der Ausfall des Schulbesuchs konnte nur in geringem Maße durch gesteigerte Lernaktivitäten zu Hause aufgefangen werden."

    © BR

    Schulische Aktivitäten wurden weniger

    2. Eltern können Schule nicht ersetzen

    Den meisten Eltern ist das Problem offenbar bewusst. In der Studie heißt es, 64 Prozent der Befragten denken, dass ihr Kind während der Corona-Zeit viel weniger gelernt hat. Und das obwohl sie ihr eigenes Engagement verstärkt hätten. Vor den Schulschließungen brachten Eltern laut Studienleiter Ludger Wößmann und Kollegen eine halbe Stunde pro Tag für das gemeinsame Lernen mit ihrem Kind auf. Während der Corona-Zeit habe sich dieser Wert auf gut eine Stunde verdoppelt. Dabei mache es keinen Unterschied, welchen familiären Hintergrund die Kinder haben.

    3. Leistungsschwächere Kinder leiden mehr

    Die Analyse legt nahe, dass insbesondere leistungsschwächere Schüler besonders stark getroffen sind. Folgt man den Autoren, haben Schüler mit unterdurchschnittlichen Noten ihre schulischen Aktivitäten um 4,1 Stunden pro Tag reduziert, bei den leistungsstärkeren Schüler lag die Reduzierung bei 3,7 Stunden. Während der Corona-Zeit haben demnach die leistungsschwächeren Schüler mit 3,4 Stunden täglich rund eine halbe Stunde weniger mit schulischen Aktivitäten zu tun gehabt als ihre leistungsstärkeren Schülerkameraden.

    Davor sei der Zeitaufwand aufgrund der gemeinsamen Präsenzzeit in der Schule nur minimal voneinander abgewichen. Die Corona-Krise dürfte, so der Schluss der Forscher, "die ohnehin schon hohe Bildungsungleichheit in Deutschland weiter verschärft haben".

    4. Freie Zeit ist passive Zeit

    Während der Corona-Zeit haben den Daten aus München zufolge Schüler pro Tag 5,2 Stunden mit passiven Tätigkeiten verbracht, also mit Fernsehen, Computer- und Handyspielen und dem Konsum Sozialer Medien. Das sind über eineinviertel Stunden mehr als in der Zeit vor der Pandemie und auch über anderthalb Stunden mehr als Zeit, die mit schulischen Aktivitäten gefüllt ist. Auch hier sei die Tendenz bei leistungsschwächeren Schülern noch einmal ausgeprägter.

    © BR

    Die Zeit für Freizeitaktivitäten wie TV schauen und PC spielen stieg an

    5. Online-Möglichkeiten nur mäßig genutzt

    Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) spricht davon, dass man in Sachen Digitalisierung einen "Kaltstart" hingelegt habe. Den Eindruck teilen auch die Befragten der bundesweiten Studie: 57 Prozent der Schüler hatten demzufolge seltener als einmal pro Woche gemeinsamen Online-Unterricht, nur 6 Prozent der Schüler täglich. Insbesondere Nicht-Akademikerkinder und Leistungsschwächere seien vom Online-Unterricht abgeschnitten gewesen. Fast alle (96 Prozent) hätten wöchentlich Aufgabenblätter erhalten, 64 Prozent hätten zumindest einmal pro Woche eine Rückmeldung zu den Aufgaben bekommen.

    Bei der Vorstellung des Digitalisierungskonzepts der bayerischen Staatsregierung vergangene Woche hatte Söder einen "Digital-Turbo für die Schulen" angekündigt. Es sollen unter anderem eine sogenannte Bayern-Cloud, eine Schul-Videoplattform und ein eigenes Schul-Rechenzentrum eingerichtet werden. Nach Söders Worten würden bis zum Jahr 2024 zwei Milliarden Euro fließen, darunter 900 Millionen Euro Bundesmittel. Für digitale Lehrer-Fortbildungen seien 100 zusätzliche Stellen vorgesehen.

    Die meisten Studienteilnehmer würden das wahrscheinlich begrüßen. Laut Umfrage wollen 87 Prozent, dass Lehrer dazu verpflichtet werden, sich zum Thema Online-Unterricht fortzubilden.

    Trotzdem alles richtig?

    Trotz der Probleme, die Studie zeigt: 79 Prozent aller Deutschen - mit oder ohne Kinder - fanden die Schulschließungen richtig. Um zukünftig eine bessere Beschulung zu erreichen, befürworten dem ifo Institut zufolge mehr als drei Viertel der Eltern die Lehrerinnen und Lehrer stärker in die Pflicht zu nehmen: Sie wünschen sich verpflichtenden Online-Unterricht (79 Prozent) und einen zwingenden täglichen Kontakt der Lehrkräfte mit ihren Schülerinnen und Schülern (78 Prozent).

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!