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Homeoffice und flexible Arbeitszeiten in der Corona-Pandemie haben bei den Unternehmen in Deutschland einen Bewusstseinswandel ausgelöst

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    Homeoffice? "Wer möchte, der sollte auch gerne!"

    Homeoffice und flexible Arbeitszeiten in der Corona-Pandemie haben bei den Unternehmen einen Bewusstseinswandel ausgelöst. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf werde zunehmend als Produktivitätsfaktor gesehen - das zeigt eine neue Studie.

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    Von
    • Birgit Schmeitzner

    Ohne Stress arbeitet es sich besser. Doch wenn Kitas und Schulen wegen Corona schließen müssen und Homeschooling auf Homeoffice trifft, kann das Stress auslösen. Eine repräsentative Studie des Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, die dem ARD-Haupstadtstudio exklusiv vorliegt, hat ergeben: Mithilfe guter Kommunikation konnten Probleme der angestellten Eltern in den Betrieben gelöst werden.

    Im Verlauf der Pandemie ist außerdem den Führungskräften klarer geworden, dass eine familienfreundliche Personalpolitik das Unternehmen produktiver und attraktiver macht. Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht sieht große Chancen für den Weg in eine moderne Arbeitswelt und warnt zugleich: "Wir dürfen nicht zurückfallen in alte Muster."

    Individuelle Lösungen, nicht eine Schablone für alle

    Die Prognos-Studie belegt: Viele Mütter und Väter mit Kindern unter 15 Jahren haben in den Pandemie-Monaten das Gespräch mit Vorgesetzten gesucht. 81 Prozent gaben an, dass ihnen weitergeholfen wurde und 30 Prozent sind der Meinung, durch Corona habe sich in ihrem Betrieb jetzt insgesamt die Möglichkeit verbessert, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen.

    Laut Dagmar Weßler-Poßberg, die bei Prognos den Bereich Gesellschaftspolitik leitet, kommt es dabei vor allem auf die Kommunikation an. Nicht der "fertige Maßnahmen-Katalog" führe zum größten Erfolg für mehr Vereinbarkeit, sondern "die Bereitschaft zu einer offenen Kommunikation auf Augenhöhe".

    "Es wird auf meine Bedürfnisse eingegangen"

    Ein Unternehmen, das an der Studie teilgenommen hat, ist Fujitsu in München. Das Technologieunternehmen hat zum Beispiel die Kernarbeitszeiten aufgeweicht. Business Development Managerin Eva-Maria Zölfl sieht sich in ihren Bedürfnissen wahrgenommen. Sie war im Homeoffice und hatte in der Mittagszeit mehr Zeit für ihre Kinder, für das gemeinsame Kochen und die Hausaufgaben. Für die Zukunft wünscht sich Zölfl ein hybrides Arbeiten: zwei Tage von zuhause aus und drei Tage im Büro, "das wäre mir für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf am liebsten".

    Vereinbarkeit als Produktivitätsfaktor

    Laut Prognos-Studie sind 88 Prozent der Unternehmen zufrieden mit ihrer Entscheidung, mehr zu tun für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. 65 Prozent der Führungskräfte ist klarer geworden, dass sich ein Familienbewusstsein positiv auswirkt, der Produktivität dient. Dazu kommt laut Bundesfamilienministerin Lambrecht noch, dass ein Unternehmen nur dann "gute, qualifizierte Fachkräfte" anlocken kann, wenn diese dann im neuen Job "Familie und Beruf unter einen Hut bekommen können."

    Kein Kontrollverlust festgestellt

    Homeoffice und individuell flexible Arbeitszeiten bedeuten auch: das Modell "Führung durch Kontrolle" greift dann nicht mehr unmittelbar. Den Prognos-Forschern zufolge war das aber kein Problem, laut Weßler-Poßberg überwiegen die positiven Erfahrungen: "Die Mehrheit sagt, dass weder die Produktivität gelitten hat noch, dass sie Misstrauen hatten."

    Der Geschäftsführer der Flensburger Kinder- und Jugendhilfe Adelby 1, Heiko Frost, erzählt, dass die Umstellung in der Krise schon "ein dickes Brett war", ein Lernprozess für alle Beteiligten. Es gehe darum, auch niemanden zu überfordern. Frost räumt ein, dass er früher Wünsche nach Arbeitstagen zuhause kritisch gesehen hat, aber schon da mit dem Gedanken: "Ich glaube, dass das die Zukunft ist, und wir müssen uns damit auseinandersetzen."

    "Das Rad kann nicht mehr zurückgedreht werden"

    Auch die Prognos-Forscher haben einen Blick in die Zukunft geworfen: 65 Prozent der Unternehmen wollen die flexibleren Arbeitsmodelle nach dem Ende der Corona-Krise zumindest zum Teil beibehalten. "Das Rad kann nicht mehr zurückgedreht werden", sagt Dagmar Weßler-Poßberg, der Zugzwang sei für die Unternehmen einfach zu groß, weil die Beschäftigten jetzt wissen: "Es funktioniert ja!" Adelby1-Geschäftsführer Frost will auch künftig achtsam mit dem Thema Vereinbarkeit umgehen. Flexibles Arbeiten von zuhause aus anbieten, wann immer es geht. Denn: "Wer möchte, der sollte auch gerne."

    Methodik: Die repräsentative Studie wurde von der Prognos AG (Europäisches Zentrum für Wirtschaftsforschung und Strategieberatung) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Demoskopie Allensbach erstellt. Für die Unternehmenssicht wurden in zwei Wellen Personalverantwortliche befragt: im Frühjahr/Sommer 2020 in 750 Telefoninterviews, im Frühjahr 2021 waren es 700 Interviews. Auch die beschäftigten Eltern (mit Kindern unter 15 Jahren) wurden zwei Mal gefragt, und zwar online: knapp 1.500 Befragungen im Jahr 2020, gut 1.000 Befragungen im Jahr darauf. In einem zweiten Schritt wurden für Fallstudien sechs Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen und Regionen genauer betrachtet, Fujitsu und Adelby1 gehören zu diesen vertieft befragten Unternehmen.

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