BR24 Logo
BR24 Logo
Deutschland & Welt

Holocaust-Gedenken: Fußballfans besichtigen Auschwitz | BR24

© picture-alliance/dpa

Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau

Per Mail sharen
Teilen

    Holocaust-Gedenken: Fußballfans besichtigen Auschwitz

    Antisemitismus im Fußball ist Realität. Es gibt schockierende Beispiele - aber auch Fans, die sich damit auseinandersetzen. Vor dem 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz haben Anhänger des TSV 1860 München das frühere Vernichtungslager besucht.

    Per Mail sharen
    Teilen

    Fußball und Antisemitismus – immer wieder gibt es Beispiele aus den Stadien, die für Entsetzen sorgen: Rechte, die den Hitlergruß zeigen, etwa. Oder Neonazis in den Reihen der Fans von Energie Cottbus, die im April 2017 den gegnerischen Verein Babelsberg 03 beschimpfen: "Zecken, Zigeuner und Juden – Babelsberg 03."

    Anfeindungen gegen jüdischen Spieler

    Selbst vor konkreten Anfeindungen gegen jüdische Spieler machen Fans nicht Halt: Der Israeli Almog Cohen zum Beispiel wird im März 2019 - damals als Kapitän von Ingolstadt - nach einem Foul auf Twitter übelst beschimpft. Wortlaut: "Verpisse dich für immer Scheiss Judenvieh; Ab in die Kammer mit dir!"

    Auch Fans des Drittligisten TSV 1860 München wurden schon auffällig. Zum Beispiel im März vergangenen Jahres. Löwen-Fans singen in der Münchner U-Bahn ein antisemitisches Lied: "Eine U-Bahn bauen wir, vom FC Bayern bis nach Auschwitz, eine U-Bahn bauen wir!" Auschwitz. Das heute wohl bekannteste und einst größte Vernichtungslager der Nazis. Mehr als eine Million Menschen wurden im damaligen KZ Auschwitz-Birkenau ermordet.

    Löwen-Fans besuchen Auschwitz

    Kurz vor dem 75. Jahrestag der Befreiung des Lagers hat sich nun eine Gruppe von Löwen-Fans auf den Weg nach Auschwitz gemacht, um sich dort aktiv mit dem Thema zu beschäftigen. Einer von ihnen ist Stefan, Löwen-Fan seit mehr als 40 Jahren, Dauerkartenbesitzer. Er ist das erste Mal in Auschwitz. Für ihn ist es wichtig: "Das schlimmste Kapitel der deutschen Geschichte mal vor Ort kennenzulernen."

    Der Besuch ist Teil einer mehrtägigen Bildungsfahrt des Fanprojekts München. Dieses bietet regelmäßig Fahrten zu Gedenkstätten an - nicht nur für die Fans der Löwen, sondern auch die des FC Bayern.

    Auschwitz steht symbolisch für die Gräueltaten der Nationalsozialisten gegenüber Juden. Stefan ist angesichts der Konfrontation mit den damaligen Verbrechen fast sprachlos: "Es sind zu viele Eindrücke, die man erstmal verarbeiten und verdauen muss."

    Spaenle: "Starkes Signal für Auseinandersetzung mit Holocaust"

    Der Antisemitismus-Beauftragte der Staatsregierung, Ludwig Spaenle, selbst seit den 1990er Jahren Mitglied der Münchner Löwen, hat den Besuch von Fans des TSV 1860 München in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im Umfeld des 75-jährigen Jubiläums der Befreiung des KZ ausdrücklich gewürdigt.

    "Der Besuch ist ein starkes Signal für den Verein zur kritischen Auseinandersetzung mit der dunkelsten Epoche der deutschen Geschichte und ist auch mit Blick auf die eigene belastete Vergangenheit des Vereins als sehr positiv zu werden." Ludwig Spaenle, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus

    Forderung der Fans: Spieler sollten aktiver sein

    Die Eindrücke gemeinsam zu verarbeiten, dafür ist Zeit am Abend - und um sich mit Antisemitismus im Fußball zu beschäftigen. Die Fans, die hier dabei sind, setzen sich sowieso schon gegen Diskriminierung ein.

    Doch die Organisatoren hätten sich mehr Teilnehmer gewünscht. Wie erreicht man mehr Fans? Stefan hat einen Vorschlag: "Wenn es gelingen würde, dass mal ein Spieler oder Ex-Spieler mitkommen würde, dann hätte es, glaube ich, eine ganz andere Zugkraft." Spieler müssten also Zeichen setzen.

    Zweiter Tag im Lager Auschwitz-Birkenau. Die Gruppe wird zur damaligen Selektionsrampe geführt. Hier wurde entschieden, wer zu Tode gearbeitet "wurde" und wer direkt vergast. Die Mitarbeiterin der Gedenkstätte liest aus den Erzählungen eines Überlebenden vor: "Tierischer Hunger, unmenschliche Arbeit und am Ende die gleiche Gaskammer. Nur der Tod ist noch hässlicher. Noch scheußlicher, noch widerlicher als dieses Leben. Wer einmal hier hereinkommt, der bringt noch nicht mal seine Asche aus der Postenkette vorbei hinaus. Der kehrt nie wieder ins andere Leben zurück."

    Löwen-Fans legen Kranz in Auschwitz nieder

    Dort, wo einst Gaskammern und Krematorien standen, gedenken die Löwen-Fans der Opfer. Der Kranz, den Sebastian Weber vom TSV 1860 und Christian Exner vom Fanprojekt niederlegen, soll auch ein offizielles Zeichen sein.

    Zuhause gibt es geteilte Reaktionen

    Um dieses Zeichen nach Hause und in die Fanszene zu tragen, postet der Verein Fotos von der Kranzniederlegung in den sozialen Medien – am nächsten Tag gibt es schon etliche Reaktionen darauf. Von den Fans zu Hause: vor allem Zuspruch - aber auch ganz andere Reaktionen auf Facebook: "Bis in alle Ewigkeit….i kanns nimma hören." oder: "Immer wieder und an jedem Tag im Jahr an diesen Schmarrn erinnern." oder: "Lüge".

    Sebastian Weber von 1860 München ist entsetzt: "Sprachlos! Einfach nur sprachlos, wenn man sich damit beschäftigt, und was wir die letzten Tage erlebt haben. Und dann liest man so eine Aussage, einfach nur sprachlos." Christian Exner vom Fanprojekt München meint: "Der Typ soll einfach mal herfahren und sich das mal anschauen, was wir die letzten Tage gemacht haben. Wobei fraglich ist, ob das Sinn machen würde."

    Die Reaktionen zeigen: Antisemitismus im Fußball ist leider immer noch eine Realität.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!