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Wohl zweiter HIV-Patient per Stammzell-Transplantation geheilt | BR24

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Die Infektion mit dem HI-Virus, das die Immunschwäche AIDS auslöst, ist mit Tabletten gut behandelbar, aber eine Heilung gelang bisher nur in einem einzigen Fall 2007 in Berlin per Stammzell-Transplantation. Jetzt war ein Team in London erfolgreich.

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Wohl zweiter HIV-Patient per Stammzell-Transplantation geheilt

Die Infektion mit dem HI-Virus, das die Immunschwäche Aids auslöst, ist mit Tabletten gut behandelbar, eine Heilung gelang weltweit aber bisher nur in einem einzigen Fall: per Stammzell-Transplantation. Jetzt gibt es offenbar einen zweiten.

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Set in einem HIV-Health-Center in London

Mit Tabletten können Menschen, die nach einer HIV-Infektion an der Immunschwäche Aids erkrankt sind, fast ein ganz normales Leben führen. Erstmals gelang im Jahr 2007 in Berlin eine Heilung durch Stammzell-Transplantation, nach der beim betroffenen Patientienten keine HI-Viren mehr nachweisbar waren. Einem Team um den Londoner HIV-Spezialisten Ravindra Gupta ist nun Ähnliches gelungen. Der Patient sei seit eineinhalb Jahren frei von HI-Viren, ohne noch Tabletten einnehmen zu müssen.

"Nach 18 Monaten sind wir zuversichtlich, dass das HI-Virus nicht zurückkommt. Auch wenn es vielleicht noch zu früh ist, von Heilung zu sprechen." Ravindra Gupta, University London

Fehlender Rezeptor verhindert Andocken des Virus

Bei der Behandlung haben die Ärzte auf denselben Trick zurückgegriffen, wie beim ersten geheilten Patienten aus Berlin: Der Stammzell-Spender war dank einer natürlichen Genveränderung immun gegen HI-Viren. Die Genveränderung führt dazu, dass auf den Lymphzellen ein Rezeptor fehlt, an den das Virus normalerweise andockt und eindringt, um dann allmählich das Immunsystem zu zerstören. Diese Resistenz hat Ravindra Gupta mit der Spende auf den Patienten übertragen.

"Einen Spender zu finden, der nicht nur vom Gewebe her zu dem Patienten gepasst hat, sondern auch noch auf beiden Chromosomen diese Genveränderung zu haben, ist so gut wie unmöglich. Deshalb konnte das auch noch nicht öfter gemacht werden." Ravindra Gupta

Wiederholungserfolg bringt Hoffnung

Dass es jetzt zum zweiten Mal geklappt hat, führt in der Fachwelt zu Erleichterung. Denn nach dem Berliner Fall vor zwölf Jahren waren sich Forscher uneins: Hatte die Heilung wegen der Stammzell-Transplantation geklappt, oder lag es doch an irgendwelchen anderen Faktoren?

"Jetzt atmen alle auf und sagen: Ja, jetzt ist es einmal wiederholt und das Prinzip mal gezeigt worden, und das könnte dann vielleicht noch öfter funktionieren, und das macht natürlich Hoffnung." Johannes Bogner, LMU München

Jetzt könnte man meinen: wunderbar, HIV-geheilt! Aber so einfach ist es nicht - und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Der Londoner und auch der Berliner Patient hatten Lymphdrüsen-Krebs, an dem sie ohne Stammzell-Transplantation verstorben wären. Die Heilung von HIV war quasi ein Nebeneffekt. Als Standardbehandlung für HIV-Patienten hätte eine Stammzell-Transplantation aber keinen Sinn.

"Ein HIV-Infizierter, dessen Therapie funktioniert, hat heute eine normale Lebenserwartung. Diesen Zustand zu gefährden durch eine Maßnahme, Knochenmarkstransplantation, die eine Tödlichkeit von fünf bis zehn Prozent hat, das ist ethisch gar nicht machbar." Johannes Bogner

Transplantation birgt Risiko eines Rückfalls

Und es gibt noch ein zweites Problem: Die Stammzell-Transplantation bringt nur etwas gegen den Haupttyp des HI-Virus'. Doch die Patienten können zusätzlich mit einem Subtyp infiziert sein, der einen anderen Rezeptor auf den Zellen verwendet. Dieser Subtyp kann sich in verschiedenen Körperzellen verstecken, und bisher fehlt ein Testsystem, um ihn verlässlich nachzuweisen.

"Und wenn er von dort wieder rauswächst, könnte der in Fall von einer Knochenmarkstransplantation dann die Virusinfektion wieder aufflammen lassen oder wieder neu unterhalten." Johannes Bogner

Genau einen solchen Rückfall hatte ein Patient erlitten, der in Essen mit Stammzellen behandelt worden war. Die Transplantation ist also risikoreich und nur in Ausnahmefällen sinnvoll. Jetzt hoffen die Forscher, in Zukunft HIV-Resistenzen mit gentechnischen Methoden zu erzeugen: an Patienten-eigenen Stammzellen und für unterschiedliche HI-Viren.