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Hiroshima: Wie die Bombe bis heute nachwirkt | BR24

© BR / Kathrin Erdmann

Nach dem 8. Mai 1945 wurde im Pazifik wurde noch heftig gekämpft. Erst die beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zwangen die Japaner schließlich in die Knie. Die Folgen für die Menschen wirken bis heute.

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Hiroshima: Wie die Bombe bis heute nachwirkt

Nach dem 8. Mai 1945 wurde im Pazifik noch heftig gekämpft. Erst die beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zwangen die Japaner schließlich in die Knie. Die Folgen für die Menschen wirken bis heute.

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6. August 1945: Die BBC berichtet von einer japanischen Stadt, auf die erstmals eine Atombombe abgeworfen wurde. Mit dem Namen der Stadt, Hiroshima, können die britischen Hörer damals wenig anfangen. Die BBC schildert die Sprengkraft der Bombe und zitiert aus der Ansprache von US-Präsident Truman. Über die Opfer verliert der Sprecher kein Wort.

Bombe ursprünglich gegen Deutschland gerichtet

In Europa ist der Krieg zu diesem Zeitpunkt vorbei, Hitler tot und Deutschlands Kapitulation unterzeichnet. Doch im Pazifik vergehen weitere drei Monate, bis auch Japan, nach dem Abwurf der zweiten Atombombe auf Nagasaki, aufgibt. Die Atombombe, ursprünglich als Waffe gegen Hitler-Deutschland geplant, zerstört zwei Städte und das Selbstvertrauen einer Nation auf der anderen Seite der Welt.

Über die Opferzahlen gibt es unterschiedliche Angaben. Viele Quellen nennen jedoch für Hiroshima 140.000 und für Nagasaki bis zu 80.000 Menschen, die sofort ums Leben kommen. Viele Tausende sterben anschließend an den Folgen.

Heute erinnert in Hiroshima der weitläufige und schön angelegte Friedenspark an den Bombenabwurf. Umgeben von einem kleinen Lotusblumenteich steht, in einem Rondell, die Friedensglocke. Jeder kann sie mit einem Holzbock schlagen, dann schallt es dumpf durch das satte Grün.

Fotos von damals lassen das Grauen erahnen

Am südlichen Ende des Parks befindet sich das Friedengedächtnismuseum. Das Museum wurde im vergangenen Jahr umgestaltet. Es konzentriert sich jetzt mehr auf die Geschichten der Opfer.

Bevor man durch einen langen dunklen Gang zu diesem Teil der Ausstellung läuft, zeigt ein animiertes Modell die Zerstörung der Stadt. Erst liegt alles ganz friedlich da, dann blitzt es kurz - und Hiroshima liegt in Schutt und Asche.

Shuichi Kato, seit fünf Jahren stellvertretender Direktor des Museums, nimmt sich Zeit für eine Führung. Vom Tag des Bombenabwurfes auf Hiroshima gibt es nur zwei Fotos. Aufgenommen sind beide gegen elf Uhr morgens, drei Stunden nach dem Unglück. Obwohl unscharf, lassen sie das Grauen erahnen. Bei einigen Opfern sehen die Haare aus, als hätten sie den Finger in die Steckdose gesteckt. Eine Mutter hält etwas Dunkles im Arm, es ist ihr totes Kind. Einer anderen Frau scheint es den Rock verbrannt zu haben. Doch das sei ein falscher Eindruck, sagt Kato:

"Das, was ihr dort am Bein herunterhängt, ist ihre verbrannte Haut. Durch die Explosion und die enorme Hitze, hat sie sich abgeschält." Shuichi Kato, stellv. Direktor des Friedengedächtnismuseums in Hiroshima

Historische Aufarbeitung bis heute schwierig

Knapp sechs Wochen nach dem Bombenabwurf auf Hiroshima, am 15. August 1945, spricht Japans Kaiser Hirohito aus dem Radio zu seinem Volk. Das ostasiatische Land kapituliert - und zwar nicht nur wegen der beiden Atombomben, sagt der Historiker Sven Saaler von der Sofia Universität in Tokio, sondern vor allem wegen des Kriegseintritts Russlands:

"Von der Sowjetunion erwartete man sich in Japans Eliten natürlich eine noch harschere Besatzungspolitik als von den USA.“ Sven Saaler, deutscher Historiker in Tokio

In Japan ist der 15. August ein Gedenktag. Dabei müsste der eigentlich am 2. September sein, sagt der Historiker, denn erst da wurde die Kapitulationsurkunde unterzeichnet. Mit dem Friedensvertrag von San Francisco endete 1952 die Besatzung durch die USA.

In Japan begann damit die Zeit der Aufarbeitung des Krieges - bis heute ein schwieriges Thema. Das belegt ein Besuch in der Funairi-Oberschule in Hiroshima. Im Fach Weltgeschichte geht es gerade um Napoleon und Okinawa. Beim Bombenangriff hatte die Schule mit mehr als 600 Toten die meisten Opfer zu beklagen. Friedenserziehung wird großgeschrieben, kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte nicht.

Täterbewusstsein nicht sehr stark ausgeprägt

Die Abiturienten wissen wenig, doch die vorab eingereichten Fragen der deutschen Journalistin haben ihnen zumindest einen Anstoß gegeben. Die 18-jährige Minami sagt:

"Die Rolle Japans als Aggressor wird im Unterricht überhaupt nicht gelehrt, das Opferbewusstsein ist deshalb – anders als das Täterbewusstsein - sehr stark ausgeprägt." Minami, Abiturientin in Hiroshima

Doch jetzt sehe man zum ersten Mal auch die ausländische Perspektive, dafür sei sie dankbar. Selbst wenn sich Japan nur als Opfer betrachte, habe das Land doch eine Verantwortung, der es gerecht werden müsse, findet auch ihre Mitschülerin Nozomi:

"Japan sollte sich wesentlich mehr für eine atomwaffenfreie Welt einsetzen und auch den Atomwaffenverbotsvertrag unterschreiben. Gerade, weil Japan mit Hiroshima und Nagasaki als einziges Land unter der Atombombe gelitten hat, kommt ihm eine besonders wichtige Rolle zu. Es wäre wichtig, das Bewusstsein dafür in der gesamten Bevölkerung zu erhöhen." Nozomi, Abiturientin in Hiroshima

Dies zu tun, wäre zunächst einmal die Aufgabe der Politik. Besuch beim Bürgermeister von Hiroshima: Kazumi Matsui ist selbst ein Hibakusha - so die Bezeichnung der Strahlenopfer - in zweiter Generation:

"Wichtig ist, dass sich das, was den Hibakusha wiederfahren ist, niemals wiederholt. Deshalb sind zwei Dinge wichtig: Über die Vergangenheit nachzudenken, aus den Fehlern zu lernen. Und auf der anderen Seite auch in die Zukunft zu blicken und sich für eine friedliche Welt einzusetzen." Kazumi Matsui, Bürgermeister von Hiroshima

Die Gesellschaft ist pazifistisch, aber das Land hortet Plutonium

Die Mehrheit der japanischen Gesellschaft ist nach wie vor pazifistisch eingestellt. Und spätestens seit dem Reaktorunglück von Fukushima wünschen sich die meisten Japaner und Japanerinnen einen Ausstieg aus der Kernenergie. Doch die Politik kümmert das wenig. Das Verhalten der Regierung in Tokio ist ambivalent.

Auf der einen Seite propagiert man eine friedliche Welt, auf der anderen setzt Japan auf Atomkraft und hat bereits massenhaft Plutonium angereichert. Ende 2018 verfügte das Land bereits über 46 Tonnen. Zehn Tonnen lagern in Japan selbst, der Rest im Ausland. Von den Nicht-Atommächten besitzt kein anderes Land so viel Plutonium. Und es soll noch mehr werden.

Die Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho ganz im Norden der japanischen Hauptinsel hat kürzlich die Sicherheitstests bestanden. Robert Jacobs, Professor für Nukleargeschichte am Friedensinstitut in Hiroshima, hält das Vorhaben für unverantwortlich:

"Japan ist kein Land, in dem man Plutonium sicher lagern kann. Es besteht überall die Gefahr von Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Dass sich Japan für die Wiederaufbereitungsanlage stark macht, ist aus meiner Sicht unethisch." Robert Jacobs, Nuklearexperte und Friedensforscher

Material würde für 6.000 Bomben reichen

Die aktuelle Regierung unter Premierminister Shinzo Abe hält sich einerseits an die drei nicht nuklearen Prinzipien "Hikaku San Gensoku": keine Nuklearwaffen herzustellen, zu besitzen oder einzuführen. Andererseits begann das Land Ende der 1960er-Jahre eine geheime Nuklearpolitik. Sie wurde zwar nie gesetzlich verankert, aber darin setzt Japan auf technologische Abschreckung. Also darauf, dass es theoretisch Atomwaffen bauen könnte…

"Es würde zwar zu internationaler Kritik führen, wenn Japan eine Atombombe hätte, deshalb argumentiert das Land damit, dass es Plutonium nur zur Friedenssicherung besitzt. Aber zugleich will es immer in der Lage sein, eine Bombe bauen zu können. Das ist ein Widerspruch in sich, aber so wird es seit den 1960er-Jahren begründet." Hideyuki Ban, Atomkraftgegner vom City Nuclear Information Centre in Tokio

Technisch, sagt Hideyuki Ban, besitze Japan auf jeden Fall die Fähigkeit, Atombomben zu bauen. Mit der Menge des Plutoniums wären es bis zu 6.000.

© BR

Seit 1945 gilt sie als die ultimative Bedrohung: die Atombombe. Wie hat das Ringen ums Auf- und Abrüsten die Welt geprägt? Genau 70 Jahre nach der Bombardierung von Hiroshima haben die Anrufer im Tagesgespräch darüber diskutiert.

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