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Die psychische Situation von Kindern und Jugendlichen hat sich deutlich verschlechtert, so Kai Lanz von krisenchat.de. Einige melden sich sogar, um über Suizidgedanken zu sprechen. Wie können wir den Kindern helfen?

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Hilfe via Chat: Unterstützung für Jugendliche im Lockdown

Seit Beginn der Corona-Pandemie beraten Ehrenamtliche bei "krisenchat.de" junge Menschen in Krisensituationen. Einige melden sich sogar, um über Suizidgedanken zu sprechen. Wie können wir den Kindern helfen? Ein Gespräch mit dem Gründer Kai Lanz.

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Von
  • Ruslan Amirov

Die psychische Situation von Kindern und Jugendlichen hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie deutlich verschlechtert. Das sagt Kai Lanz von krisenchat.de, einem Angebot von Ehrenamtlichen für junge Menschen in Krisensituationen. Einige melden sich sogar, um über Suizidgedanken zu sprechen. Wie können wir den Kindern helfen? Darüber haben wir mit dem Gründer von krisenchat.de gesprochen

BR24: Was ist krisenchat.de?

Lanz: Bei krisenchat.de bieten wir Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 25 professionelle und kostenlose Krisenberatung in Notsituationen rund um die Uhr direkt per Chat.

BR24: Ist das so etwas wie ein Therapieersatz?

Lanz: Nein, das definitiv nicht. Und das wollen wir auch gar nicht ersetzen. Wir sehen uns da sehr komplementär. Zu uns kommen ganz viele Leute, für die vielleicht eine Therapie gut wäre, die aber gar nicht wissen, dass sie überhaupt eine Therapie machen können, oder wie sie überhaupt einen Therapieplatz finden würden. Wir werden manchmal auch sogar von Psychotherapeuten als etwas Komplementäres empfohlen. Wir sehen uns also als Ergänzung zur bisherigen Versorgungslandschaft.

Chat-Format als Medium der jungen Generation

BR24: Sie haben krisenchat.de während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2021 gegründet. Warum kam damals die Idee auf, dass wir so etwas wie krisenchat.de brauchen?

Lanz: Das Chat-Format ist einfach das Medium dieser Generation, und es gibt kaum ein solches Angebot für junge Menschen. Wir glauben, man muss Angebote dort ansetzen und da sein, wo die Leute wirklich sind. Das ist uns nämlich auch sehr wichtig. In einer Situation, wo die Emotionen hochkochen, wo Leute vielleicht Suizidgedanken haben, abends um 22 Uhr, muss man jetzt im Moment da sein. Denn die Person kann nicht auf ihren nächsten Termin in der Therapie warten, um darüber zu sprechen. Ganz abgesehen davon, hat sich natürlich die Situation durch Corona auch noch verschärft. Viele bisherige Ansprechpersonen sind womöglich weggefallen; vielleicht in der Schule, im Sportverein oder an anderen sozialen Plätzen für junge Leute.

"Wir wollen in dem Moment da sein." Kai Lanz

BR24: Wenn sich junge Menschen mit Suizidgedanken an Sie wenden: Wie liest sich dann so eine Nachricht? Wie kommt so jemand auf Sie zu, und wie können Sie da helfen?

Lanz: Über 50 Prozent der Personen, die sich bei uns melden, sagen uns ganz explizit, sie haben vorher mit niemandem über dieses Problem geredet. Wir wollen in dem Moment für die Person mit diesen Suizidgedanken da sein. Häufig sind es auch Leute, die einfach niemanden haben, mit dem sie darüber sprechen können; die sich nicht trauen, weil es vielleicht für sie Scham besetzt ist. Wir wollen in dem Moment da sein und sie unterstützen.

Häufig erste Anlaufstelle für Jugendliche im Lockdown

BR24: Wie hat sich die Situation von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie verändert?

Lanz: Krisenchat.de existiert erst seit dem ersten Lockdown, das heißt, wir kennen es nicht anders. Jedoch können wir seit Anfang Januar beobachten, dass die Zahl von Fällen von häuslicher Gewalt oder von Suizidgedanken, zumindest in den Anfragen, gestiegen ist.

"Junge Menschen haben quasi keine Lobby." Kai Lanz

BR24: Eine hohe Anzahl von Jugendlichen fühlt sich von der Politik allein gelassen. Haben Sie das Gefühl, wenn wir jetzt auf den Umgang mit der Pandemie und die Beschränkungen schauen, dass die Politik die jungen Menschen in Deutschland vergessen hat?

Lanz: Ja, ich glaube schon. Junge Menschen haben eigentlich quasi keine Lobby, keine Stimme, die für sie spricht. Wir versuchen natürlich gerade für die Leute in der Not zu sprechen, sie vielleicht auch teilweise zu repräsentieren, damit es eben nicht ungehört bleibt. Junge Menschen spielen vielleicht nicht so eine Rolle für viele Politikerinnen und Politiker: Sie zahlen keine Steuern, vielleicht können sie noch nicht einmal wählen. Aus diesem Grund sind sie für die Wahlen auch nicht so interessant. Die Politik spricht über sie, aber nicht mit ihnen. Und ich denke, das ist ein großes Problem.

Größtes Online-Beratungsangebot mit Hilfe von Ehrenamtlichen

BR24: Was könnte die Politik jetzt konkret tun, um jungen Menschen zu helfen?

Lanz: Die Politik sollte junge Menschen ernst nehmen, mit ihnen in Dialog treten und sie fragen: Was braucht ihr eigentlich? Wir sind in kürzester Zeit das größte Online-Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche geworden, ohne externe Unterstützung, nur mit Hilfe von Ehrenamtlichen aus der Zivilgesellschaft. Das zeigt, wie unterversorgt dieses ganze System ist. Und ich glaube, gerade so ein reiches Land wie Deutschland sollte sich da mehr leisten. Denn heute wird der Grundstein für morgen gelegt.

BR24: Wie sieht denn der Grundstein für morgen Stand jetzt aus?

Lanz: Die Auswirkungen werden uns nicht nur im Wirtschaftlichen, sondern auch mit der Psyche noch jahrelang begleiten.

BR24: Welche Auswirkungen könnte das haben?

Lanz: Depressionen, die ausgelöst wurden, die Menschen teilweise noch Jahre lang beeinflussen werden. Das ist ein großes Thema. Und wir wollen genau da ansetzen: Diese Dinge möglichst früh auffangen und nicht erst, wenn es zu spät ist.

Schnelle Hilfe in Notfällen

Welche Strategien bei erhöhtem Stress und dunklen Gedanken in der Krise helfen können, finden Betroffene auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, die psychologische Hilfsangebote in der Corona-Krise bündelt.

In Notfällen und Krisensituationen kann man sich Tag und Nacht an die Telefonseelsorge wenden: 0800 / 1110111 oder 0800 / 1110222.

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