| BR24

 
 

Bild

Streit um Inhalierhilfe für Asthmatiker
© BR

Autoren

Jens Kuhn
© BR

Streit um Inhalierhilfe für Asthmatiker

Christoph Klein kämpft gegen Bayerns Gesundheitsministerium, die Regierung von Oberbayern, das Bundesgesundheitsministerium, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte – und die EU-Kommission. Die Behörden haben dafür gesorgt, dass die von Klein entwickelte Inhalierhilfe vom Markt verschwindet.

„Für den Außenstehenden sicher ein spannender Krimi. Ich find’s nicht witzig, weil ich seit 25 Jahren kämpfe!" Christoph Klein, Erfinder

Das EU-Parlament hat berechnet, dass der Inhalator Europas Gesundheitssystemen mehr als 50 Milliarden Euro gespart hätte. Weil Asthmatiker mithilfe des Geräts weniger Medikamente brauchen. Das Gerät hat keinen Knick, wie die herkömmlichen, L-förmigen Produkte, in dem Wirkstoff hängen bleiben kann. Deswegen kommt bei Kleins Inhalierhilfe mit einem Sprühstoß mehr Medikament in der Lunge an.

Bayerischer Erfinder fordert 300 Millionen Schadensersatz von EU-Kommission

Klein klagt gegen die EU-Kommission. Er fordert Schadenersatz in Höhe von 300 Millionen Euro. Weil die EU-Kommission das Verbot der deutschen Gesundheitsbehörden nicht überprüft habe. Begonnen hat der Kampf des bayerischen Erfinders bereits in den 90er Jahren. Kleins Asthma-Inhalierhilfe war auf dem Markt und verkaufte sich ganz gut. Doch dann melden Bayerns Behörden und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Bedenken an.

Dort macht man sich schon seit längerem wegen eines Zeitungsartikels Sorgen. Fünf ältere Damen hatten beim Haarewaschen beim Friseur minutenlang den Hals überstreckt und offenbar deshalb leichte Schlaganfälle erlitten. Auch beim Inhalieren mit Kleins Erfindung muss man den Kopf auch nach hinten neigen – allerdings nur ein paar Sekunden. Die Behörden sind trotzdem alarmiert.

Ein weiteres Argument gegen den neuartigen Inhalator: Asthma-Medikamente könnten vielleicht stärkere Nebenwirkungen haben, fürchten Bundesinstitut und Regierung von Oberbayern. Es sind Vermutungen. Mehr brauche es für ein Verbot auch nicht, behauptet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks.

Streit um Gutachten und kostspielige Studien

Christoph Klein gibt wissenschaftliche Untersuchungen in Auftrag. Unter anderem bei Hans Haindl, einem Arzt und Sachverständigen für Medizintechnik. Er kommt zum Ergebnis, dass die Nebenwirkungen sogar geringer sein könnten als bei L-förmigen Geräten.

"Wir haben eigene Untersuchungen zusammen mit dem Fraunhofer Institut durchgeführt und nach all dem kann ich nicht erkennen, dass eine Gefahr von dem Produkt für den Patienten ausgeht." Hans Haindl, Sachverständiger für Medizintechnik

Doch die Behörden fordern weitere, sehr kostspielige Studien. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte informiert sich auch selbst. Bei den Herstellern der Asthmamedikamente. Also bei denjenigen die wegen der Einsparungen durch Kleins Inhalierhilfe Einbußen haben. Die Pharmaunternehmen sind skeptisch, haben die Inhalierhilfe aber offenbar niemals richtig geprüft, geht aus den uns vorliegenden Unterlagen hervor.

Im September 1997 wird die Inhalierhilfe schließlich verboten. Ob zurecht – das sollte eigentlich die EU überprüfen. Doch die EU-Kommission entscheidet - anders als vorgeschrieben - einfach nicht. Das umstrittene Verbot der Inhalierhilfe gilt deshalb bis heute: ungeprüft, seit Jahrzehnten!

Entscheidung in Luxemburg: Muss EU-Kommission zahlen?

Die Richter am Europäischen Gerichtshof entscheiden am 6. September über die Schadensersatzforderung von Christoph Klein. In seinem Schlussantrag wurde der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofs schon vor Monaten deutlich: Die EU-Kommission muss Schadenersatz zahlen. 300 Millionen Euro stehen im Raum. Das letzte Wort haben die Richter.

"Ich bin zufrieden, aber ziemlich ausgepowert, also fertig. Diese Verfahren sind wahnsinnig anstrengend. Man muss sehr konzentriert arbeiten." Christoph Klein

An einem kann das heutige Urteil des Gerichtshofs aber nichts ändern: Kleins Inhalierhilfe dürfte nach gut 20 Jahren nicht mehr konkurrenzfähig sein. Und so profitiert vom Vorgehen der Behörden dauerhaft vor allem einer: Die Pharmaindustrie. Die Einsparungen bei Asthmamedikamenten haben sich dauerhaft in Luft aufgelöst.

Autoren

Jens Kuhn

Sendung

Der Funkstreifzug vom 02.09.2018 - 09:15 Uhr