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Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Wirecard, Markus Braun.

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    Herr Braun aus Hanau in den Wirren des Wirecard-Skandals

    Ein unbescholtener Bürger aus Hessen gerät im Sommer 2020 kurz ins Visier deutscher Behörden, die seit Monaten wegen des Zusammenbruchs von Wirecard ermitteln. Der Grund: Der Mann heißt Markus Braun - wie der frühere Chef des Skandal-Unternehmens.

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    Von
    • Arne Meyer-Fünffinger
    • Josef Streule

    Mit Wirecard, dem insolventen Zahlungsdienstleister, hat Markus Braun aus Hessen bisher nicht viel zu tun gehabt - "abgesehen davon, dass mich meine Freunde in den vergangenen Monaten wegen meines Namens spaßeshalber immer wieder mal gefragt haben, ob ich irgendwo Geld gebunkert habe", erzählt der Mann aus Hanau, als BR Recherche ihn am Telefon erreicht. Was Braun bis zu diesem Anruf nicht weiß: Im Zuge der laufenden Ermittlungen gegen ehemalige Wirecard-Verantwortliche ist er selbst - zumindest kurzzeitig - in den Fokus der Behörden geraten.

    Auffällig? Sparkassen-Kunde bezahlt Tauchurlaub mit Kreditkarte

    Tauchen zählt zu den großen Leidenschaften des Mannes aus Hanau. "Indonesien, das ist einer der letzten schönen Tauchplätze dieser Erde", erzählt Markus Braun. Schon lange macht er dort immer wieder Urlaub. Auch im Juni 2020, kurz nachdem Wirecard kollabiert, ist Braun dort. Er bezahlt einen Teil des Reisepreises mit der Kreditkarte. Diese ist verbunden mit seinem Giro-Konto bei der Sparkasse Hanau.

    In einer Geldwäsche-Verdachtsmeldung mit Jan Marsalek

    Das undurchsichtige Asien-Geschäft von Wirecard sowie philippinische Treuhandkonten, auf denen eigentlich 1,9 Milliarden Euro liegen sollten, die im Juni nicht mehr auffindbar waren - am Ende führt dieses Loch in der Wirecard-Bilanz dazu, dass der Konzern am 25. Juni 2020 Insolvenz anmelden muss. Einer britischen Bank scheint das zu reichen, um kurz danach den Hanauer Markus Braun und die IBAN seines Kontos bei der Sparkasse Hanau in eine Geldwäsche-Verdachtsmeldung aufzunehmen. Und dabei hat der Mann aus Hessen, abgesehen vom Namen, nichts mit Wirecard und dem früheren Vorstandschef gemein.

    Die Meldung ist Teil der vertraulichen Unterlagen des Wirecard-Untersuchungsausschusses im Deutschen Bundestag, BR Recherche konnte davon eine Abschrift einsehen. Eigentlich geht es darin um eine Geldüberweisung, die mit der Übernahme eines indischen Unternehmens durch den Aschheimer Konzern zusammenhängt. Die IBAN eines Wirecard-Kontos, das dem vor mehr als einem halben Jahr untergetauchten Ex-Vorstandsmitglied Jan Marsalek zugeordnet wird, ist in dem mehrseitigen Schreiben ebenfalls aufgeführt.

    FIU leitet Verdachtsmeldung an LKA Bayern weiter

    Die Verdachtsmeldung der britischen Bank geht an die beim deutschen Zoll angesiedelte "Financial Intelligence Unit" (FIU). Die wiederum leitet sie an das bayerische Landeskriminalamt weiter, inklusive der Angaben zum Sparkassen-Konto von Markus Braun aus Hanau. Ein unbescholtener Bürger, der mit einem der größten Wirtschaftsskandale in der Geschichte der Bundesrepublik in Verbindung gebracht wird - für den Mann aus Hessen eine bemerkenswerte Erfahrung: "Da in einem Atemzug genannt zu werden, nur weil da eine Namensgleichheit vorhanden ist - das finde ich erschreckend, dass einem dieser Skandal dann plötzlich so nah kommt."

    Behörde: Keine Korrektur notwendig

    Die FIU will sich zu dem Vorgang nicht äußern, sie verweist auf die Staatsanwaltschaft München I. Die Staatsanwaltschaft wiederum, die seit Monaten unter anderem gegen den Ex-CEO Markus Braun und Jan Marsalek ermittelt, kann kein Fehlverhalten der Anti-Geldwäsche-Behörde erkennen. Die FIU habe in ihrer Verdachtsmeldung lediglich die Informationen zu dem Konto eines Markus Braun bei der Sparkasse Hanau aufgeführt: "Dies hat die FIU in ihrer Meldung bzw. in beigegebenen Excel-Tabellen auch von Anfang an richtig dargestellt, es bestand also kein Anlass für eine Korrektur."

    Untersuchungsausschuss fordert Aufklärung

    Fabio De Masi, der für die Linken-Bundestagsfraktion im Wirecard-Untersuchungsausschuss sitzt, nimmt die Sache nicht ganz so leicht. Der Ausschuss habe die FIU wegen mehrerer grober Fehler "um die Abklärung der Meldung gebeten. Ihrer Aufgabe, die Vorarbeit für die Strafverfolgung zu machen, wird die FIU so in keiner Weise gerecht."

    Ähnlich fällt das Urteil von Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) aus. Die FIU habe eine Filterfunktion, immer wieder hätten er und seine Kollegen in den vergangenen Jahren von "Stilblüten" gehört: "Es gab schon häufiger mal Verwechslungen, falsche Schreibweisen bis hin zum Vertauschen von Zahlungsempfänger und -sender." Das könne gravierende Folgen haben, so Fiedler weiter: "Es besteht schließlich die Gefahr, dass Leute zu Unrecht in Haft genommen werden, weil sie verwechselt worden sind. Und deshalb ist Sorgsamkeit in der ersten Phase von Ermittlungen von überaus großer Bedeutung."

    Dem Hanauer Markus Braun ist das glücklicherweise nicht passiert. Er hat erst durch den Anruf von BR Recherche davon erfahren, dass er und sein Konto mit dem Wirecard-Skandal in Verbindung gebracht worden sind. Auf seine Kreditkarte will er trotz dieser Erfahrung auch beim nächsten Urlaub nicht verzichten: Sobald es die Corona-Pandemie zulässt, will er wieder nach Indonesien.

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