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Hacker und Revolution - Armenien erfindet sich neu | BR24

© BR / Christine Auerbach

Armenien ist arm. Aber es ist ehrgeizig und technologieoffen. Nach der friedlichen Revolution baut die Kaukasus-Republik auf einen Boom internetbasierter Dienstleistungen.

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Hacker und Revolution - Armenien erfindet sich neu

Armenien ist arm, das Land im Kaukasus hat aber im Frühjahr eine unblutige Revolution geschafft. Die IT-Branche boomt. Sie hat Tradition seit der Sowjetunion. Die Hacker, die Revolution und ein Land im Ausnahmezustand.

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Es ist der 23. April 2018. Armenien feiert. Und wie. Heute ist der beste Tag Armeniens! Da sind sich die Leute auf den Straßen einig. Jubel vor dem Parlament.

Kämpfer gegen die Korruption übernimmt die Macht

Die sogenannte „samtene Revolution“ hat gesiegt. Vor ein paar Stunden ist der Regierungschef von Armenien zurückgetreten. Dafür sind die Menschen seit Wochen auf die Straße gegangen. Zuletzt war das halbe Land auf den Beinen. Versammelt hinter dem neuen Helden: Den Führer der Oppositin Nikol Paschinjan. Ein Mann mit Baseball Kappe, kamouflage-farbenem T-Shirt und drei-Tage Bart.

Mit der regierenden Partei sind Nikol Paschinjan und die Oppositionsbewegung schon früher aneinander geraten. 2008 starben bei Protesten gegen die Regierung 10 Menschen. Nikol Paschinjan galt als Rädelsführer und saß zwei Jahre in Haft. Auch dieses Mal kam er einen Tag ins Gefängnis. Trotzdem war er sich immer sicher, dass die Revolution diesmal gelingen wird.

Die meisten seiner neuen Minister sind unter 40, jede seiner Pressekonferenzen und Treffen mit den politischen Gegnern wurden per Live-Stream übertragen. Radikale Transparenz und Erneuerung also statt Vetternwirtschaft und Korruption.

Hoffnungsbranche IT

Trotz Euphorie ist klar: Wenn die samtene Revolution dauerhaft Erfolg haben will, muss sie es schaffen, das Leben der Armenier zu verbessern. Fast jeder fünfte hat keine Arbeit, eine Zahl, die seit Jahren nicht kleiner wird. Viele junge Menschen verlassen das Land. Wenn sie nicht gerade in der Software-Branche unterkommen, denn dort werden Leute gesucht. Auch deswegen sind die Kurse des „Iterate Hackspace“ so gut besucht. Dort kann jeder in Abendkursen und kostenlos programmieren lernen.

Die Kurse basieren auf der Idee, dass jeder jedem etwas beibringt. Denn die Programmier-Ausbildung an ihren Unis, sagen die drei Studenten, reicht nicht: zu viel Theorie, zu wenig Praxis – das gleiche Problem also, das Universitäten weltweit haben.

Der Gründer der Gruppe arbeitet inzwischen im Silicon Valley, Edgar und die Roberts waren seine ersten Schüler. Jetzt machen sie in Eigenregie weiter. Für sie ist Iterate nicht nur ein Weg, einen Job zu finden. Sie wollen mehr damit erreichen, erklärt Robert:

Wir lehren hier nicht nur programmieren. Wir lehren auch, Programmieren zu lieben! Und wir zeigen den Leuten, wie man eine Gemeinschaft bildet, wie man ein Teil von ihr wird und wie man zu ihr auch etwas beitragen kann. Denn das sind wirklich wichtige Fähigkeiten. Es gibt viele Programmierer, die sehr viel wissen, aber das nicht teilen wollen. Und das hilft nicht. Egoistisch zu sein hilft nie. Student Robert

Revolutions - App und Demonstrationen

Sich zusammenschließen und selbst etwas bewegen - anstatt abzuwarten, dass es ein anderer für einen macht. Ein bisschen also das, was auch bei der Revolution passiert ist. Für die hatten sie bei Iterate eine App entwickelt, über die die Demonstranten besser kommunizieren konnten und natürlich haben Robert und seine Freunde mit demonstriert. Sie hoffen, dass sich ihr Land so modernisiert, dass sie nicht ins Ausland gehen müssen. Denn auch wenn sie für armenische Verhältnisse gut verdienen werden als Software-Spezialisten, lähmen Korruption und Vetternwirtschaft jede größere Entwicklung in der Branche und schrecken Investoren ab. Doch das könnte sich durch die Revolution ändern, sagt Petros Dolashian. Schließlich war Nikol Paschinjan schon vor der Revolution für seinen Kampf gegen Korruption bekannt:

Es gibt da schon den ein oder anderen einflussreichen Armenier, der sagt, tolle Sache was passiert und die Leute kommen jetzt zurück und sagen, so, jetzt kann ich meinem Land helfen, weil jetzt weiß ich, dass das Geld nicht irgendwo verbraten wird!

Auslandsarmenier kehren zurück

Petros Dolashian ist auch Armenier und IT-Experte, lebt aber in München. Und er ist einer der rund 7 Millionen Auslandsarmenier, die Nikol Paschinjan bittet, zurückzukommen ins Land, um es mit ihrem Wissen und ihrem Geld aufzubauen. Petros Dolashian überlegt noch, schließlich ist er in Deutschland aufgewachsen. Aber insgesamt sind seit der samtenen Revolution wirklich erstmals mehr Leute nach Armenien zurückgekommen, als das Land verlassen haben.

Und da kann man schon voraussehen, dass IT in Armenien stärker und stärker sein wird und da baut man dann so ein IT Sillicon Valley aus eigener Kraft auf, um das Land technologisch zu stärken. Petros Dolashian

Ein armenisches Silicon Valley ist freilich noch weite Zukunftsmusik. Aber während der Sowjetunion war Armenien schon einmal IT-Zentrum: Es produzierte einen Großteil der Computer für das sowjetische Militär. Mehrere Tausend Menschen arbeiteten zur Hochzeit im „Eriwan Computer Forschungszentrum“. Das waren mehrere Steingebäude mitten in der Stadt, die aber so geheim waren, dass nicht einmal die normalen Armenier wussten, was darin passierte. Computer-Vergangenheit ist also da. Jetzt muss daraus nur noch eine Zukunft werden.

© In der armenischen Hauptstadt Eriwan feiern Demonsttanten den Sieg Paschinjans bei der samtenen Revolution.

In der armenischen Hauptstadt Eriwan feiern Demonstranten den Sieg Paschinjans bei der samtenen Revolution.