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Haben Neu-Christen bessere Chancen auf Asyl? | BR24

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Der iranische Geflüchtete Josef ist vom Islam zum Christentum konvertiert

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    Haben Neu-Christen bessere Chancen auf Asyl?

    Als das BR-Fernsehen den iranischen Flüchtling Josef vor zweieinhalb Jahren in Bayreuth besucht, lebt er noch in einer Flüchtlingsunterkunft und träumt von einem Theologie-Studium. Was ist aus Josef geworden?

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    Wenn Josef in der Flüchtlingsunterkunft Schweinefleisch kochte, erntete er häufig misstrauische Blicke von vielen seiner Mitbewohnern: "Sie sagen, das Schweinefleisch ist haram, also verboten. Da verlassen sie meistens die Küche und entfernen sich von mir." Aber auch die Christen hierzulande begegneten dem frisch getauften Christen kritisch: Mit einer Konversion wollten die Ex-Muslime nur ihre Asylchancen erhöhen, so ein häufiger Vorwurf.

    Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren etliche Asylbewerber zum Christentum konvertiert. Wie viele es konkret sind, ist nicht bekannt. Zahlen erhebt weder die evangelische noch die katholische Kirche. Auch im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge liegen keine statistischen Daten zu konvertierten Asylsuchenden vor.

    Ins Herz eines Menschen schauen

    Der evangelische Pfarrer Gottfried Martens aus Berlin meint, dass eine Konversion immer seltener bei der Anerkennung für Asyl ausschlaggebend ist. In seiner Kirchengemeinde sollen schon über 1.000 Konvertiten getauft worden sein.

    Vor zwei Jahren, sagte Martens der Berliner Zeitung, hätten seine neuen Schäfchen noch eine 100-prozentige Anerkennungsquote gehabt. Inzwischen seien es nur noch wenige. "Wir haben mittlerweile eine Situation, in der fast alle Asylanträge konvertierter Christen vom BAMF abgelehnt werden", schreibt Martens auf der Website der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte. Und weiter: "In den Ablehnungsbescheiden des BAMF wird ganz regelmäßig den Kirchengemeinden, aus denen die Asylbewerber kommen, Unterstützung von Asylbetrug vorgeworfen."

    Tatsächlich sei es nicht leicht, ins Herz eines Menschen zu schauen, sagt auch Hans-Dietrich Nehring, Pfarrer der evangelischen Friedenskirche in Bayreuth. Aber er habe schon ein Gefühl dafür "bei dem einen, da ist es ernsthaft, bei dem anderen weiß ich nicht genau, warum kommt der eigentlich hierher".

    Prüfung des Glaubenswechsels

    Der Bayerische Rundfunk hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge um eine Stellungnahme auf die Vorwürfe von Pfarrer Gottfried Martens gebeten. "Die Konversion eines Asylbewerbers wird im Asylverfahren berücksichtigt", sagt Christoph Sander, Pressesprecher des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Sie führe grundsätzlich zur Schutzgewährung, wenn dem Asylbewerber wegen seines Glaubensübertritts im Heimatland Verfolgung drohe, so Sanders.

    "Das Bundesamt zweifelt den durch Taufbescheinigung nachgewiesenen Glaubenswechsel nicht an", sagt Sanders. Dennoch prüfen die Entscheider des BAMF die genauen Umstände des Glaubenswechsels. Vor allem versuchen sie, herauszufinden, wie intensiv der Glaube praktiziert wird und wie das Umfeld im Herkunftsland auf den Glaubenswechsel reagiert hat. "Konvertiten müssen ihre Beweggründe für den Glaubenswechsel darlegen und auch nachweisen, wie intensiv sie ihren Glauben leben - etwa auch durch eine Bescheinigung aus der Gemeinde. Aus der Gesamtschau heraus ist schlussendlich eine Entscheidung über die Ernsthaftigkeit des Engagements für den neuen Glauben zu treffen", erklärt Sanders. Aus den Schilderungen des Konvertiten und der Bescheinigung der Gemeinde werde dann rückgeschlossen, wie der Geflüchtete seinen neuen Glauben bei Rückkehr in sein Heimatland voraussichtlich leben werde und welche Gefahren sich hieraus ergeben könnten.

    Zusammenarbeit mit Kirche

    "Dem Bundesamt ist die Qualität seiner Arbeit sehr wichtig", sagt Sanders. Diese solle, wo es möglich sei, verbessert werden. Die von den Kirchen vorgetragenen Beanstandungen werden dabei berücksichtigt. In der Dienstanweisung Asyl werde daher der Abschnitt Konversion ergänzt.

    Das Bundesamt hat deshalb im April 2019 außerdem einen Multiplikatoren-Workshop zum Thema "Konversion zum Christentum" durchgeführt - unter Beteiligung des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz, des Kirchenamts der EKD und des Bundes evangelisch-freikirchlicher Gemeinden. Seitdem verfügt jede Außenstelle über einen Mitarbeiter als Wissensmultiplikator zum Thema Konversion.

    Glaubenswechsel oft nach der Flucht

    Oft erfolge die Orientierung zum christlichen Glauben erst während des Aufenthalts in Deutschland, schildert Sanders. Sie gelte daher als sogenannter Nachfluchttatbestand. Das Bundesamt muss in diesen Fällen zusätzlich prüfen, ob dieses Verhalten "Ausdruck und Fortsetzung einer bereits im Herkunftsland bestehenden Überzeugung" ist, erklärt Sanders.

    Das Bundesamt erfasst zwar die Religionszugehörigkeit der Antragsteller, Gründe der Schutzgewährung werden aber statistisch nicht erfasst. Daher liegen dem Bundesamt keine Informationen vor, wie viele Asylsuchende bisher einen Glaubenswechsel als Grund der Schutzgewährung angaben. "Erfahrungswerte aus der Praxis zeigen jedoch, dass eine Konversion zum Christentum überproportional häufig von Antragstellern aus dem Iran vorgetragen wird", bemerkt Sanders.

    "Ich habe euch erwählt"

    Josef meint es ernst. Als das BR-Fernsehen ihn vor zweieinhalb Jahren das erste Mal traf, lebte er noch im Flüchtlingsheim mit ungewisser Zukunft. Seine Flucht lag noch nicht lange zurück und seine Abkehr vom Islam war auch der Grund, weshalb ihn seine Familie verstoßen hat. Trotzdem war Josef zuversichtlich. Für sein ersehntes Theologiestudium hat Josef fleißig die Bibel studiert. Schon damals, im Sommer 2017, kann er besser aus der Bibel zitieren als mancher Christ hierzulande. Besonders wichtig ist für ihn diese Stelle: "Jesus Christus im Johannes-Evangelium, 15. Kapitel, 16. Vers, hat gesagt: Nicht ihr habt mich erwählt, ich habe euch erwählt."

    Heute ist Josef anerkannter Asylbewerber und studiert in Wuppertal Theologie. Aufgrund seines Alters hat Josef keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung fürs Studium. Die evangelische Friedensgemeinde unterstützt ihn mit mehr als 700 Euro monatlich. Davon finanziert er seinen Lebensunterhalt. Wenn er Pfarrer Nehring in Bayreuth besuchen kommt, ist das für ihn wie ein zweites Zuhause.

    Nach seiner abenteuerlichen Flucht über die Ägäis fühlt sich hier sicher, geborgen, angenommen. Für viele Exil-Iraner ist die Friedenskirche zum Symbol geworden. Und eines steht fest: Zumindest die Gemeinde der Bayreuther Friedenkirche ist durch die konvertierten Flüchtlinge wieder jünger geworden.

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