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Tarek Al-Wazir (l-r) und Priska Hinz, Annalena Baerbock, Ludwig Hartmann, Robert Habeck, Katharina Schulze
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Janina Lückoff
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Tarek Al-Wazir (l-r) und Priska Hinz, Annalena Baerbock, Ludwig Hartmann, Robert Habeck, Katharina Schulze

Es wurde doch gejubelt, am ersten Tag dieses Parteitags, dabei wollen die Grünen doch "einen richtigen Arbeitsparteitag machen“, wie Parteichefin Annalena Baerbock es in den vollen Saal ruft. Mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben, bloß nicht die Bodenhaftung verlieren, das schwebt wie ein selbstbeschwörendes Credo über den rund 800 Delegierten in Leipzig.

Raus und unters Volk

Doch zumindest ein bisschen durfte gejubelt werden, nach dem guten Abschneiden bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen, nämlich als die Spitzenkandidaten Katharina Schulze, Ludwig Hartmann, Priska Hinz und Tarek Al-Wazir auf die Bühne kamen. Schulze hatte den Delegierten einen Ratschlag mitgebracht.

"Wir aus Bayern können Euch nur zurufen: Ich glaube, wenn wir Grüne diesen Weg weitergehen, konsequent die Inhalte nach vorne stellen, konsequent unsere Haltung nach vorne stellen, und vor allem: Raus aus unserem Bereich zu gehen, sondern die Polizei besuchen, die Feuerwehr besuchen, die Kirchen, die Industrie- und Handelskammer, die Sportvereine, dann wird es auch so weitergehen." Katharina Schulze, Grünen-Spitzenkandidatin der bayerischen Landtagswahl

Doch es gab auch ruhigere Töne zu Beginn des Parteitags: Der in Russland geborene, jüdische Pianist Igor Levit spielte als Gast der Grünen die "Ode an die Freude" auf dem Flügel. Das passte gut ins Programm, doch Levit hatte das Stück nicht aus Freude über die Wahlergebnisse ausgewählt, sondern als Mahnung: Für ihn sei die Ode an die Freude eine "Deklaration für das gute Menschsein".

"Alle Menschen werden Brüder: Das ist keine romantische Verklärung. Sondern ein andauernder Arbeitsauftrag an uns alle." Pianist Igor Levit

"Europa, das ist das größte Friedensversprechen dieser Welt"

Damit war der Bogen gespannt zum Thema dieses Parteitags: „Europa, das ist das größte Friedensversprechen dieser Welt“, rief Parteichefin Annalena Baerbock gleich zu Beginn ihrer Rede. Die Europawahl werde eine Richtungswahl, mahnte sie. Es gehe darum, Antworten zu geben auf die Zukunftsvisionen von Kommissionspräsident Juncker und die Reformvorschläge des französischen Präsidenten Macron. Dazu gehörten Antworten in der Klimapolitik ebenso wie in der Sozialpolitik; eine gemeinsame europäische Verteidigungspolitik ebenso wie das Bestreben, "die Finanzmärkte zu bändigen“, wie Baerbock es formulierte - mit einem Seitenhieb auf Äußerungen von Bundesinnenninister Horst Seehofer.

"Wir müssen die Finanzmärkte bändigen, denn wir sollten nicht vergessen, dass es nicht die Flüchtlinge 2015 waren, sondern die Finanzkrise der erste große Push für die Europafeinde war. Sie – nein eigentlich Er: Er, der zügellose Finanzmarkt, war der Vater aller Probleme der letzten Jahre!" Grünen-Chefin Annalena Baerbock

Auch den Debatten um die Migrationspolitik, um die Reform des Dublin-Systems, werde man sich stellen, so Baerbock: Wer meine, Humanität und geordnete Flüchtlingspolitik gingen nicht zusammen, weil nicht alle mitmachten, der kenne Europa wirklich schlecht, so die Grünen-Vorsitzende. Der Euro, Schengen und andere europäische Integrationsschritte seien entstanden, weil einige vorangegangen seien.

Strukturwandel in der Arbeitswelt

Mahnende Worte kamen von einem weiteren Gast der Grünen, dem IG Metall-Vorsitzenden Jörg Hofmann. Allein das Thema Elektromobilität werde 100.000 Job in der Automobilindustrie kosten, sagte er – und fügte hinzu:

"Trotzdem ist die IG Metall dafür, diesen Strukturwandel voranzubringen. Aber dann brauchen wir Unterstützung auch, wenn es darum geht: Wie sieht es mit Ersatzarbeitsplätzen aus, wie begleiten wir die Menschen von heute in eine Arbeit, eine Tätigkeit von morgen? Wer diese Fragen nicht beantwortet, der versündigt sich letztlich auch am Klima." Jörg Hofmann, IG-Metall-Vorsitzender

Das klingt dann schon sehr nach "Arbeitsparteitag". Und das Motto "Europa - dafür kämpfen wir" nehmen die Delegierten an diesem Wochenende wörtlich - mehr als 900 Änderungsanträge für das Wahlprogramm gab es zu Beginn des Parteitags. Da würde zu viel Jubel dann wahrscheinlich doch nur stören.

Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag

Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag

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Janina Lückoff

Sendung

B5 Nachrichten vom 10.11.2018 - 06:45 Uhr