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Flüchtlingslager Moria nach Brand vollständig zerstört | BR24

© dpa/picture-alliance/Arne Büttner

Nach einem Brand ist das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos vollkommen zerstört.

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Flüchtlingslager Moria nach Brand vollständig zerstört

Das berüchtigte Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos ist weitgehend abgebrannt. Unklar ist, ob es Verletzte gibt und was den Brand ausgelöst hat. Zahlreiche deutsche Politiker fordern jetzt weitere Geflüchtete aufzunehmen.

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Deutsche Politiker haben mit Entsetzen auf den Brand im griechischen Flüchtlingslager Moria reagiert und fordern die Aufnahme weiterer Menschen in Deutschland. Die Grünen etwa zeigten sich bestürzt über die Bilder aus Griechenland. "Europa kann und darf da nicht mehr wegsehen", sagte Grünen-Chefin Annalena Baerbock den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die griechischen Lager müssten evakuiert und die Menschen in Sicherheit gebracht werden. Deutschland müsse umgehend handeln - nicht erst seit heute, sondern schon seit Jahren, sagte die Politikerin. Auch die Sprecherin für Jugendpolitik der grünen Bundestagsfraktion, Beate Walter-Rosenheimer, forderte mehr Engagement der Bundesregierung: "Der Brand hat die letzten Habseligkeiten der geflüchteten Menschen zunichte gemacht. Wie viel Trauma und Leid sollen die Menschen noch ertragen?" Jetzt sei es Zeit zu handeln, so Walter-Rosenheimer.

Es gebe Kapazitäten und eine überaus große Bereitschaft von Ländern und Kommunen zu helfen. Baerbock kritisierte, die Bundesregierung. Die bremse ihrer Ansicht nach Hilfe aus, wo sie nur könne. Bisher seien Bundesländer, die mehr Menschen aufnehmen wollen, bei Innenminister Horst Seehofer "gegen die Wand" gelaufen.

Deutsche Politiker fordern Aufnahme von Flüchtlingen

Ähnlich äußerte sich der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Castellucci. Seehofer müsse nun umgehend den Weg dafür frei machen, dass aufnahmebereite Bundesländer sofort helfen können. "Deutschland muss außerdem humanitäre Hilfe zusagen, auch zur Versorgung der Coronafälle", erklärte Castellucci.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) sagte in Hannover, das vollkommen überfüllte Lager sei Symbol für das Versagen europäischer Flüchtlingspolitik. Die habe die Menschen vor Ort quasi zu Gefangenen gemacht. Mitten in der EU - in unmenschlichen Zuständen", kritisierte Pistorius. Er forderte die Bundesregierung und die europäischen Staaten auf, das Lager aufzulösen und die Menschen über die EU zu verteilen.

Flüchtlingsorgansationen kritisieren politische Untätigkeit

Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl hat unterdessen die Bundesregierung und die EU für den Brand im griechischen Flüchtlingslager Moria verantwortlich gemacht. Die Katastrophe von Moria sei eine Folge der skandalösen und menschenverachtenden deutschen und europäischen Politik, sagte der Geschäftsführer Günter Burkhardt. In dem Lager seien Tausende Menschen "psychisch zermürbt" worden. Anstatt für faire Asylverfahren zu sorgen hätten alle EU-Staaten bis zur jetzigen Katastrophe zugeschaut. Es sei erbärmlich, dass die Bundesregierung nur 928 Schutzsuchende aufnehmen wolle, so der Pro Asyl Chef weiter.

Und auch vom Augsburger Flüchtlingsrat kommt Kritik. Zweifelsohne wurden in dieser Nacht viele Menschen erstmals oder erneut traumatisiert", teilt der Flüchtlingsrat mit. Und auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat mit «Trauer und Entsetzen» auf die Bilder vom brennenden Flüchtlingslager Moria reagiert. Das Ausmaß des Brandes lasse Schlimmes befürchten. Noch sei unklar, ob Menschen zu Tode gekommen seien. "Meine Befürchtungen sind groß", sagte Bedford-Strohm der Deutschen Presse-Agentur.

EU-Kommissarin stellt Hilfe für unbegleitete Flüchtlinge in Aussicht

Derweil hat die Europäische Union finanzielle Hilfe für minderjährige Flüchtlinge angekündigt. Die Kommissarin für Inneres, Ylva Johansson schrieb auf Twitter: Sie habe zugestimmt die Kosten für den Transfer von rund 400 unbegleiteten Kindern und Jugendlichen auf das europäische Festland aus EU-Mitteln zu zahlen. Sie stehe bereits in Austausch mit den Verantwortlichen in Griechenland.

Verlauf der Brandnacht

Mehrere Brände hatten in der vergangenen Nacht das Flüchtlingslager Moria massiv verwüstet und Tausende Bewohner in die Flucht getrieben. Am Morgen wurde dann das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlich: Die Flammen haben das Lager vollständig zerstört. Das Feuer habe sich im und rund um das unter Quarantäne stehende Camp ausgebreitet, sagte der Bürgermeister von Mytilini, Stratos Kytelis, dem privaten Radiosender Skai. Mehr als 12.000 Migranten aus Moria würden aktuell auf einer Autobahn von der Polizei überwacht. "Es ist eine sehr schwierige Situation, weil einige von jenen, die da draußen sind, positiv auf das Coronavirus getestet worden sind."

In den frühen Morgenstunden wütete das Feuer weiter, angefacht von Winden mit bis zu 70 Stundenkilometern. Die Brandursache und das volle Ausmaß der Schäden seien noch unklar. Örtliche Medien berichteten, die Feuer in Moria seien aus Protest gegen einen über das Camp verhängten Corona-Lockdown gelegt worden. Dies wollten die Behörden nicht bestätigen, erklärten aber, dass Feuerwehrleute auf so wörtlich "Widerstand" einiger Lagerbewohner gestoßen seien.

Am frühen Morgen hatten sich Bereitschaftspolizisten rund um das Lager und entlang einer fünf Kilometer langen Route zu Mytilini postiert. Die Stadt ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum von Lesbos. Mit dem Vorgehen wollten die Einsatzkräfte offenbar verhindern, dass Migranten den Hafen von Mytilini erreichen.

Kritik an den Zuständen im Lager

Moria ist das größte Flüchtlingslager Europas. Es ist seit Jahren heillos überfüllt, zuletzt lebten dort nach Angaben des griechischen Migrationsministeriums rund 12.600 Flüchtlinge und Migranten - bei einer Kapazität von gerade mal 2.800 Plätzen. Die Journalistin Natalie Amiri schreibt auf Twitter: "Keine Eile liebe EU Länder, überlegt und streitet noch in Ruhe weiter, wer von euch 50 oder 60 Menschen pro Land aufnehmen wird." Die Seenotrettungsmisson Mission Lifeline twittert: "Wir sind so nah dran und können im Moment nichts machen. Tausende Menschen sind jetzt obdachlos und sitzen im Dschungel fest.

Erneut Unruhen in Moria wegen Corona-Infektionen

Im massiv überfüllten Lager Moria und Umgebung lebten rund 12.500 Menschen. Dort wurden vergangene Woche die Beschränkungen verschärft, nachdem bei einem Bewohner das Corona-Virus festgestellt worden war. Nach Angaben von Gesundheitsämtern vom Dienstag sind inzwischen 35 Fälle bestätigt. Die Betroffenen wurden an einem separaten Ort in Isolation gehalten, der von den Bränden verschont geblieben sei, hieß es.

In der Nacht begannen die Behörden laut griechischen Medienberichten mit der Evakuierung des Lagers, nachdem Wohncontainer Feuer gefangen hatten. Über Verletzte oder gar Tote gab es zunächst keine Informationen. Viele der Bewohner sollen in die umliegenden Wälder geflohen sein. Ob die Brände von Migranten oder Inselbewohnern gelegt wurden, blieb vorerst unklar - die Angaben dazu gingen zunächst auseinander.

Randale nach Ausbruch des Feuers

Nach Ausbruch des Feuers sollen Lagerbewohner die Feuerwehrleute mit Steinen beworfen und versucht haben, sie an den Löscharbeiten zu hindern, berichtete der Einsatzleiter im Fernsehen. Sondereinheiten der Bereitschaftspolizei waren im Einsatz. Videos in sozialen Netzwerken zeigten herumirrende, verängstigte Menschen und auch solche, die "Bye bye, Moria!" sangen.

Tausende Geflüchtete, die zuletzt im Lager lebten, flohen in die umliegenden Wälder und auf Hügel, andere machten sich auf den Weg zur Inselhauptstadt Mytilini, wie griechische Medien berichteten. Stellenweise sollen sich ihnen Inselbewohner entgegengestellt und ihnen den Weg versperrt haben.

Am frühen Morgen postierten sich Bereitschaftspolizisten rund um das Lager und entlang einer fünf Kilometer langen Route zur Stadt Mytilini, dem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum von Lesbos. Dabei handelte es sich offenbar um einen Versuch, Migranten am Erreichen des Hafens zu hindern.

Moria unter Quarantäne

Vorangegangen waren Unruhen unter den Migranten, weil das Lager seit voriger Woche nach einem ersten Corona-Fall unter Quarantäne gestellt worden war. Am Dienstag wurde dann bekannt, dass die Zahl der Infizierten bei 35 liege. Manche Migranten hätten daraufhin das Lager verlassen wollen, um sich nicht mit dem Virus anzustecken, berichtete die halbstaatliche griechische Nachrichtenagentur ANA-MPA. Einige Infizierte und ihre Kontaktpersonen, die isoliert werden sollten, hätten sich hingegen geweigert, das Lager zu verlassen und in Isolation gebracht zu werden.

Spannungen habe es in Moria immer gegeben, wegen der Corona-Problematik sei die Situation nun regelrecht explodiert, sagte Mytilinis Bürgermeister Stratos Kytelis dem griechischen Staatssender ERT. Man wisse nicht, wo die Menschen nun untergebracht werden sollten, Tausende seien obdachlos. Auch für die Einheimischen sei die Situation eine enorme Belastung.

Hilfsgruppen haben wiederholt die widrigen Lebensbedingungen kritisiert. Vergangene Woche wurde das Lager unter Quarantäne gestellt, nachdem dort die ersten Corona-Infektionen bestätigt wurden. Auf der Insel tobten auch Waldbrände, angefacht durch starke Winde.

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© BR

In dem überfüllten Flüchtlingslager Moria mit auf der griechischen Insel Lesbos mehr als 12.000 Menschen ist ein Feuer ausgebrochen. Berichte über Verletzte lagen vorerst nicht vor. Die Brandursache war zunächst nicht bekannt.