BR24 Logo
BR24 Logo
BR24

Griechenland zehn Jahre nach der Finanzkrise | BR24

© picture alliance / NurPhoto

Griechische Fahne neben der EU-Flagge

22
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Griechenland zehn Jahre nach der Finanzkrise

Vor zehn Jahren schlitterte Griechenland in die größte Krise der Nachkriegszeit. Um die Staatspleite abzuwenden, brauchte Athen Milliardenkredite. Im Sommer 2018 ging es endlich wieder aufwärts. Jetzt trifft Corona das Land mit voller Wucht.

22
Per Mail sharen
Von
  • Thomas Bormann
  • Henryk Jarczyk

Giorgos Papandreou hatte sich eine idyllische Kulisse ausgesucht, um seinem Volk am 23. April 2010 die Schreckensnachricht zu übermitteln. Der damalige Ministerpräsident Griechenlands war in den südöstlichsten Zipfel seines Landes gereist, auf die Insel Kastellorizo. Papandreou stand am Hafenbecken der Insel, hinter ihm leuchtete türkisblau das Meer und Fischerboote tuckerten vorbei, als er eine Art Offenbarungseid leistete. "Wir sind auf einem Boot, das am Sinken ist", sagte er, gab der Vorgängerregierung die Schuld für die leere Staatskasse und stellte klar: Die einzig mögliche Rettung sei Finanzhilfe der europäischen Partner. Papandreou war klar, dass die Milliardenkredite an strenge Spar-Auflagen geknüpft würden. Er verglich den schwierigen Weg hin zu wirtschaftlichen Gesundung mit einer neuen Odyssee für die Hellenen.

Eine neue Odyssee für die Hellenen

Odysseus, der Held aus der Antike, musste einst zehn Jahre lang gegen einäugige Riesen oder menschenfressende Völker kämpfen. In der modernen Odyssee der 2010-er Jahre hatten es die Griechen mit Feinden zu tun, die ihnen genauso unberechenbar und grausam erscheinen. Sie hießen: EU-Troika, Massenentlassungen, Lohnkürzungen und Steuererhöhungen. Überall gingen die Griechen aus Protest auf die Straße. Zumal von den Milliarden Euro aus den Hilfskrediten kein Cent bei den Bürgern ankam. Denn mit dem Geld mussten in erster Linie fällige Staatsschulden bei Banken abbezahlt werden. Eine Grundbedingung – so das Argument - um Griechenland vor der Pleite zu bewahren.

Euro-Zone in Gefahr

Würde es zur Pleite kommen, dann drohte das Land andere hoch verschuldete Euro-Staaten mit in den Abgrund zu reißen. Der Euro als gemeinsame Währung war in Gefahr – und das durfte nicht passieren. Der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble meinte, dass es keinen Staatsbankrott in Griechenland geben werde. Weil es ihn eben auch nicht geben durfte. Griechenland sollte um jeden Preis in der Euro-Zone gehalten werden. Deshalb die Milliardenkredite, deshalb die Sparpolitik. Viele Griechen dachten damals so wie dieser junge Mann: "Was nutzt es uns in der Euro-Zone zu sein, wenn wir selbst keinen Euro mehr im Portemonnaie haben?"

Noch mehr Angst vor dem Grexit

Die meisten Griechen aber fürchteten: Nach einem Grexit, also einem Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone, würden sie noch tiefer in Not und Armut versinken. Dann lieber in der Euro-Familie bleiben und die strengen Spar-Auflagen durchstehen. Egal, ob in Athen die Konservativen oder die Linkspartei Syriza an der Regierung war – letztlich haben sie alle Löhne gekürzt, Renten gesenkt, Steuern erhöht. Und siehe da – nach mehr als acht Jahren Odyssee hatten es die Griechen geschafft: "Griechinnen und Griechen! Heute ist der Tag der Erlösung", sagt feierlich der damalige Ministerpräsident Alexis Tsipras.

Sparprogramm am Ziel - Sehnsucht nach "Normalität" getrübt

Am 21. August 2018 war das Sparprogramm am Ziel. Griechenland hatte endlich einen ausgeglichenen Haushalt. Die Finanzkontrolleure der anderen Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds zogen aus Athen ab. Natürlich war nicht alles von heute auf morgen wieder gut. Griechenland muss noch auf Jahrzehnte die Raten für all die Milliardenkredite abstottern. Was dazu führt, dass eine ganze Generation junger, gut ausgebildeter Griechinnen und Griechen sich um ihre Chancen betrogen fühlt. So zum Beispiel die Museumspädagogin Daphne Dionysopóulou. Sie findet bis heute keine Arbeit in ihrem Beruf. Wie ihr geht es Tausenden, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. Sie sagt, wonach sich ihre Generation sehnt:

"Ich träume davon, dass irgendwann mal "Normalität" in Griechenland herrscht. Dass Du Arbeit hast und dafür auch gut bezahlt wirst - und dass Du nicht nur ständig Steuern zahlst, ohne etwas zurück zu bekommen. Ich hoffe, dass wenigstens meine Kinder diese 'Normalität' erleben werden." Museumspädagogin Daphne Dionysopóulou

Corona-Krise - zurück ins Schlamassel?

Griechenland war langsam unterwegs zur ökonomischer Normalität. Die Wirtschaft kam in Gang, überall gab es Wachstum, auch im Souvenirladen von Kostas Panagopoulos in der Athener Altstadt. Bis zur neuen Katastrophe:

"Und jetzt werden unsere Läden vom Coronavirus lahmgelegt. Der Tourismus ist halt eine empfindliche Branche. Ich fürchte, wir werden um viele Jahre zurückgeworfen und landen in dem Schlamassel, in dem wir 2014 oder 2015 waren." Souvenirhändler Kostas Panagopoulos

Der neue Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis beschwichtigt: So schlimm werde es nicht werden, meint er. Denn im Gegensatz zu 2010 sei Griechenland heute nicht pleite und könne die Corona-Krise überstehen. Der Aufschwung im Jahr 2021 könnte dafür umso größer werden, verspricht der Regierungschef. Und alle Griechen hoffen, dass er Recht behält, damit nicht noch einmal eine Krisen-Odyssee über sie hereinbricht.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!