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Glyphosat-Zulassung: Neue Vorwürfe gegen Prüfbehörde | BR24

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Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Kritiker vor, es habe bei der Industrie abgeschrieben, als es um die erneuerte Zulassung für das Pflanzenschutzmittel Glyphosat ging. Ein neues Gutachten bringt das BfR jetzt noch mehr unter Druck.

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Glyphosat-Zulassung: Neue Vorwürfe gegen Prüfbehörde

Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Kritiker vor, es habe bei der Industrie abgeschrieben, als es um die erneuerte Zulassung für das Pflanzenschutzmittel Glyphosat ging. Ein neues Gutachten bringt das BfR jetzt noch mehr unter Druck.

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Das Bundesinstitut für Risikobewertung soll im Bewertungsbericht für Glyphosat in einzelnen Kapiteln mehr als die Hälfte der wissenschaftlichen Risikobewertungen wörtlich vom Zulassungsantrag der Hersteller abgeschrieben haben. Zu diesem Schluss kommt das neue Gutachten, das heute in Straßburg vorgestellt wird und das BR Recherche vorliegt.

Im Auftrag mehrerer Fraktionen aus dem EU-Parlament haben der renommierte Plagiatsforscher Stefan Weber und der Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden von der österreichischen Umweltorganisation Global 2000 den Bewertungsbericht des BfR zum umstrittenen Wirkstoff Glyphosat umfassend untersucht. Die Wissenschaftler hatten bereits 2017 erste Hinweise auf Plagiate gefunden.

Hat das BfR mehr als die Hälfte abgeschrieben?

Das aktuelle Ergebnis: Das BfR soll in noch größerem Umfang abgeschrieben haben als bisher bekannt. Die Forscher kritisieren vor allem die Arbeitsweise des BfR in den Teilen des Bewertungsberichts, die sich mit der Einordnung veröffentlichter Studien zum Gesundheitsrisiko durch Glyphosat befassen: "In diesen Kapiteln wurden 50,1% der Inhalte als Plagiate identifiziert", heißt es in dem Gutachten.

Gutachter vermissen eigene Bewertung von Glyphosat

So soll das BfR die Bewertung von 58 wichtigen Studien, die sich mit der Gesundheitsgefahr für den Menschen befassen, direkt aus dem Zulassungsantrag der Hersteller in den eigenen Bewertungsbericht übernommen haben. Keine der Studien war vom Herstellerkonsortium als "zuverlässig" eingestuft worden – diese Einschätzung kopierte das BfR wortgleich – ohne eine erkennbare eigene Bewertung und ohne die Übernahme kenntlich zu machen.

Täuschung der Öffentlichkeit oder gängige Arbeitsweise?

Der Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden, Co-Autor des Gutachtens, sieht in den breiten Übernahmen eine Täuschung der Öffentlichkeit und stellt die Zulassung von Glyphosat in Frage:

"Da die Bewertung als Grundlage für die Wiederzulassung von Glyphosat in vielen Fragen von den Herstellern abgeschrieben worden war, ist die wissenschaftliche Grundlage der Zulassung stark in Frage gestellt, um das einmal vorsichtig zu formulieren." Helmut Burtscher-Schaden, Co-Autor des Gutachtens

Glyphosat-Kritiker sehen sich bestätigt

Die SPD-Europaabgeordnete Maria Noichl sagte dem BR, das Bundesinstitut für Risikobewertung habe mit dem im Gutachten beschriebenen Kopieren und Plagiieren von Hunderten Seiten industrieller Evaluierung von wissenschaftlichen Studien den eigenen Kodex guter wissenschaftlicher Arbeit verletzt und die Gesundheit der Bürger aufs Spiel gesetzt. Noichl hat das Gutachten zusammen mit anderen Abgeordneten in Auftrag gegeben:

"Glyphosat ist aktuell nicht auf der Grundlage einer unabhängigen objektiven und transparenten Bewertung auf dem Markt, sondern auf Grundlage des von Monsanto und Co. erarbeiteten Zulassungsantrags. Das ist ein Skandal." Maria Noichl, SPD-Europaabgeordnete

BfR: "Keine unkritische Übernahme"

Das Bundesinstitut für Risikobewertung antwortete auf BR-Anfrage, man habe "keineswegs die Sicht der Antragsteller und deren Interpretation entsprechender Studien unkritisch und ungeprüft übernommen". Wenn die Prüfbehörde mit einer bestimmten Zusammenfassung oder Bewertung der Antragsteller übereinstimme, könne sie diese direkt in den Bericht integrieren, schreibt das BfR. Plagiatsvorwürfe weist die Behörde zurück. Das BfR war im Rahmen der Zulassungserneuerung für Glyphosat im Jahr 2017 in ganz Europa dafür zuständig, das Gesundheitsrisiko des Wirkstoffes, der zur Unkrautbekämpfung eingesetzt wird, zu bewerten.

Copy and Paste in weiteren Pestizid-Prüfverfahren

Fast 500 Pestizid-Wirkstoffe sind derzeit in der EU zugelassen. Jeder einzelne musste ein langwieriges Zulassungsverfahren durchlaufen. Die Investigativ- und Datenjournalisten des BR hatten im Dezember eine Datenanalyse von 25 weiteren Pestizidwirkstoffen veröffentlicht. Die Auswertung zeigt: Zahlreiche Behörden haben großzügig Textteile aus den Zulassungsanträgen der Industrie kopiert, ohne dies ausreichend zu kennzeichnen. Bei 15 von 25 untersuchten Wirkstoffen ist das besonders problematisch, denn es wurden sogar Einschätzungen zum Risikopotential der Stoffe übernommen – ohne dass klar wird, ob die Textteile von der Behörde kritisch überprüft wurden.