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    Glücksspielstaatsvertrag: Ab 1. Juli sind Online-Casinos erlaubt

    Am 1. Juli tritt der neue Glücksspielstaatsvertrag in Kraft. Damit werden in ganz Deutschland Online-Casinos legal, die bisher nur in Schleswig-Holstein erlaubt waren. Forscher befürchten jedoch einen deutlichen Anstieg der Suchtgefahr.

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    Von
    • Fabio Taormina

    Was seit 2012 nur in Schleswig-Holstein zugelassen war, wird zur Freude ambitionierter Spieler ab 1. Juli in ganz Deutschland erlaubt: Der neue Glücksspielstaatsvertrag ermöglicht ab dem 1. Juli den Betrieb von Online-Casinos und Online-Glücksspiel in ganz Deutschland. Die Befürworter des neuen Staatsvertrags verweisen darauf, dass die Legalisierung mit Maßnahmen zum Spielerschutz und zur Suchtprävention einhergehen.

    Experten sehen massiv erhöhte Suchtanreize

    Der Bremer Glücksspielforscher Tobias Hayer sieht diese Entwicklung jedoch kritisch und befürchtet erhöhte Suchtgefahren: "Durch die Legalisierung wird Online-Glücksspiel noch populärer und die Spielanreize werden massiv erhöht", sagte der Psychologe der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Mit dem neuen Staatsvertrag werden bisher verbotene virtuelle Automatenspiele im Internet sowie Online-Casinos mit Poker oder Roulette erlaubt.

    Verbunden ist die Legalisierung mit Maßnahmen zum Spielerschutz wie ein monatliches Einzahlungslimit von maximal 1.000 Euro und eine zentralen Sperrdatei für abhängige Zocker, die auch für Spielhallen oder Spielbanken gilt.

    Die Werbung macht Glücksspiel salonfähig

    Bereits seit Oktober 2020 konnten Sportwetten-Anbieter Konzessionen erhalten. Kritisch sieht Hayer vor allem die "massive Produktvermarktung", wie zum Beispiel mit Banden- oder Trikotwerbung im Fußball. Laut dem Wissenschaftler werden durch die aggressive Vermarktung auch mit prominenten Fußballern diese Produkte gesellschaftsfähig und zum Teil glorifiziert. Auch bei der Werbung für Sportwetten gibt es jedoch Neuerungen - so dürfen aktive Fußballer beziehungsweise Funktionäre nicht mehr Wettanbieter anpreisen - Stars ohne aktuelles Amt wie zum Beispiel Lothar Matthäus aber schon.

    Der Staat verdient mit

    Als Begründung für die Legalisierung führen die Bundesländer gerne an, die an illegale Anbieter verlorenen Zocker zurückgewinnen zu wollen. Glücksspiel ist aber auch ein Milliarden-Geschäft, von dem auch der Staat profitiert. Der Fiskus kassierte laut dem Jahresreport der Aufsichtsbehörden 2019 etwa 5,4 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben im erlaubten Glücksspielmarkt. An alkoholbezogene Steuern seien es im gleichen Jahr nur rund 3,1 Milliarden Euro gewesen, sagt Tobias Hayer, der schon seit Jahrzehnten zur Glücksspielsucht forscht.

    Dieser Staatsvertrag sei laut Hayer ein fauler Kompromiss, er bediene in erster Linie die wirtschaftlichen Interessen der Glücksspiel-Anbieter, aber nicht die Interessen des Gemeinwohls. Zwar profitiere der Staat von den Steuereinnahmen, jedoch würden Spielanreize massiv erhöht. Die aggressive Vermarktung mache neugierig auf Konsumgüter, die mit Suchtgefahren verbunden sind.

    Spielsucht hat viele Gesichter

    Knapp eine halbe Million Menschen in Deutschland gelten als problematische oder sogar abhängige Spieler. Mögliche Folgen sind soziale Isolation, Jobverlust, sehr oft Überschuldung, manchmal auch das Abrutschen in Beschaffungskriminalität. Die Abwärtsspirale kann hier gravierende Folgen haben.

    Dabei fängt es häufig harmlos an, wie Betroffene anonym im Forum auf der Internetplattform Glücksspielsucht beschreiben. Da schildert ein nach eigenen Angaben 20-Jähriger, wie er vor kurzem erstmals im Online-Casino 20 Euro setzte, schnell 400 Euro gewann und bald aber auf seinem Konto 900 Euro im Minus war. "Bin kurz davor abzustürzen", schreibt der junge Mann, der nach eigenen Worten seine Ausbildung geschmissen hat.

    Andere Teilnehmer berichten davon, ihre gesamten Finanzen an die Partnerin abgegeben zu haben, um nicht wieder rückfällig zu werden. Ein 53-Jähriger erzählt, dass er seit seiner Jugend abhängig sei und rund eine Million Euro verzockt habe - zuerst nur an Automaten, dann Casino, Poker, Online-Casino, zuletzt allein Sportwetten.

    Online wird Glücksspiel immer und überall zugänglich

    "Durch die Digitalisierung des Glücksspiels besteht die Möglichkeit zu spielen 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche", sagt Ilona Füchtenschnieder, Vorsitzende des Fachverbands Glücksspielsucht. "Das ist so, also ob Sie in jeder Wohnung neben dem Wasserhahn einen Whiskyhahn einbauen." Sie plädiert für einen besseren Verbraucherschutz, etwa was Kreditkarten-Zahlungen angeht.

    Für die meisten Menschen ist gelegentliches Glücksspiel kein Problem. Bei gewissen psychischen Konstitutionen bestehe ein erhöhtes Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln, sagt Alexander Glahn, Leiter der Abhängigenambulanz in der Medizinischen Hochschule Hannover. So sind Fachleuten zufolge besonders Personen mit geringem Selbstwertgefühl und gesteigerter Impulsivität gefährdet. Erste Gewinnerfahrungen aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn.

    Psychotherapeuten erwarten mehr Spielsüchtige

    Unter den glücksspielabhängigen Patienten in der MHH haben mehr als 70 Prozent eine weitere psychische Erkrankung wie Depressionen, Alkoholsucht oder Angststörungen. "Diese Störungen können sowohl vorab bestehen als auch durch das pathologische Spielverhalten entstehen", erklärt der Oberarzt.

    Etwa die Hälfte der Patienten in der Glücksspiel-Ambulanz ist abhängig vom Automatenspiel. Während der coronabedingten Schließung der Spielhallen hätten mehr als zwei Drittel von ihnen online weitergezockt, berichtet Glahn. 20 Prozent der Patienten hatten Spielbanken besucht, 10 Prozent waren süchtig nach Sportwetten. Der Psychotherapeut geht davon aus, dass die Zahl abhängiger Spieler mit Bezug zu Online-Casinos und Sportwetten steigen wird.

    Bisher mussten sich exzessive Spieler, die den Absprung schaffen wollten, bei jedem einzelnen Anbieter sperren lassen. Das wird sich nun ändern. "Die übergreifende Sperrdatei ist ein Meilenstein in der Prävention", sagt Betroffenen-Vertreterin Füchtenschnieder. Wermutstropfen seien die sehr kurze Dauer der Sperre von einem Jahr und dass die Datei nicht sofort am 1. Juli greifen werde. Wenn sich ein Spieler beim zentralen System OASIS anmeldet, ist er automatisch für Spielhallen, Spielbanken, Online-Casinos sowie Sportwetten gesperrt.

    Auswirkungen des neuen Staatsvertrags noch ungewiss

    Die Auswirkungen des neuen Glücksspiel-Staatsvertrages auf das Spielverhalten werden sich erst in einigen Jahren zeigen. Der Bremer Forscher Tobias Hayer bedauert, dass der Sonderweg in Schleswig-Holstein nicht wissenschaftlich begleitet wurde. Dies hätte Erkenntnisse bringen können, was jetzt in ganz Deutschland bevorsteht.

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