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Fußball liegt ein einem eingerollten 100 Euro Geldschein.

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    Glücksspiel: Das gilt künftig für Online-Sportwetten

    13 Milliarden Euro verlieren die Bundesbürger beim Glücksspiel im Jahr, auch bei Sportwetten. Was bisher häufig im Graubereich oder illegal stattfand, bekommt nun einen rechtlichen Rahmen: den Glücksspielstaatsvertrag. Wer profitiert davon?

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    Von
    • Claudia Erl

    Kaum eine andere Sucht führt so schnell in den Ruin, keine andere hat so hohe Selbstmordraten wie die die Spielsucht. Prominente Sportler geben der Wett-Branche einen guten und seriösen Ruf, indem sie breitflächig dafür werben. So verdienen sie kräftig mit am Milliarden-Geschäft. Der typische Sportwetter ist laut Tobias Hayer, Glücksspielforscher an der Universität Bremen, eher, jung, männlich und sportbegeistert. Und online unterwegs.

    Experten: Online gesteigerte Suchtgefahr

    Zwischen 2013 und 2019 hat sich der Umsatz mit Sportwetten mehr als verdoppelt – 9,3 Milliarden Euro wurden alleine 2019 umgesetzt. Das liegt auch an der Schlagzahl der Wettmöglichkeiten und der Verfügbarkeit: Sportwetter können auf alles, was in der Sportwelt irgendwo passiert, Geld setzen. Und zwar jederzeit, egal von wo, sie brauchen nur eine Internet-Verbindung. Die ständige Verfügbarkeit über das Handy und die schnelle Abfolge von Ereignissen steigern die Suchtgefahr, sagen Experten.

    Legalisierung durch Staatsvertrag

    Dabei waren bis vor kurzem die meisten Online-Sportwetten nicht legal. Online-Casinos sind im Internet verboten. Zwar sollten laut Staatsvertrag von 2012 Sportwetten für 20 Anbieter in einer Experimentierphase zugelassen werden, doch gegen die Vergabe wurde geklagt. Deshalb wurden die ersten Lizenzen erst im Oktober 2020 vergeben.

    Die Länder waren sich nicht einig beim Verbot von Glücksspiel im Internet. Schleswig-Holstein erlaubte das Online-Glücksspiel im Alleingang. Die anderen Bundesländer blieben beim Internetverbot. Die Anbieter wiederum beriefen sich auf europäisches Recht und boten Online-Casinos und Sportwetten im Internet an – gerne über eine Lizenz aus Malta. Darüber wurde jahrelang vor Gericht gestritten, die Verbote nicht durchgesetzt. Ein Milliarden-Geschäft im Graubereich. Jetzt haben sich die Länder endlich geeinigt, zum 1. Juli kommt ein neuer Glücksspielstaatsvertrag.

    Was sieht der Vertrag vor?

    Online-Glücksspiel und Livewetten werden erlaubt, es gibt aber ein anbieterübergreifendes Einzahlungslimit von 1.000 Euro pro Monat. Alle Anbieter müssen sich an die Spielersperrdatei OASIS anschließen. Und für Sportwetten kommt ein Werbeverbot für aktive Sportler und Funktionäre.

    Wer kontrolliert das?

    Die Aufsicht über das Glücksspiel ist derzeit noch auf die Bundesländer verteilt. Für Sportwetten liegt sie bundesweit beim Regierungspräsidium in Darmstadt. Durch das neue Gesetz soll jetzt eine zentrale Glücksspielüberwachung für Deutschland entstehen, in Halle in Sachsen-Anhalt. Ab dem 1.7.2021 wird hier das anbieterübergreifende Einzahlungslimit überprüft, ab dem 01.01.23 übernimmt die Behörde dann die komplette Glücksspielaufsicht für ganz Deutschland.

    Damit der neue Glücksspielstaatsvertrag am 1. Juli überhaupt in Kraft treten kann, mussten von 16 Ländern 13 zustimmen. Besonders mit Spannung erwartet wurde die Abstimmung in Sachsen-Anhalt: Ohne die Zustimmung hier wäre der Vertrag sofort geplatzt, weil dort die neue Aufsichtsbehörde entstehen soll. Diese Zustimmung stand lange auf der Kippe, die SPD bekundete Gegenwind. Abgestimmt hat sie letztlich doch für den Vertrag.

    Deutliche Kritik vom Suchtforscher

    Doch es gibt auch deutliche Kritik an dem neuen Glücksspielstaatsvertrag – gerade aus dem Bereich der Suchthilfe und -forschung: Eine Legalisierung von Online-Wetten und Online-Glücksspiel wäre ein grundfalsches Signal. Dieser Markt sei nicht kontrollierbar, egal von welcher Behörde. Und das monatliche Einzahlungslimit von 1.000 Euro sei zudem deutlich zu hoch gewählt.

    Suchtforscher Tobias Hayer sieht im Staatsvertrag einen faulen Kompromiss zulasten der Suchtprävention und zugunsten der Anbieter. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: "Die Anbieter haben im illegalen Bereich Fakten geschaffen, Spielanreize gesetzt und argumentieren jetzt damit, laut Staatsvertrag, man müsse einen sogenannten Spieltrieb kanalisieren. Übrigens diesen Spieltrieb, den sie eigentlich erst entfacht haben. Da würde ich mich als Politikerin oder als Politiker verschaukelt fühlen."

    Spielen trotz Sperrung

    Die Praxis zeigt, das bisherige Maßnahmen nicht funktionieren. So gibt es Spielsüchtige, die für Glücksspiele offiziell gesperrt sind – und trotzdem online spielen können. Oliver P. ist einer von ihnen: Seit 2008 ist er für Spielbanken, Sportwetten und gefährliche Lotterien gesperrt. Online kann er aber ohne Probleme weiter seine Wetten platzieren.

    Zudem schicken ihm offizielle Anbieter weiterhin Gutscheine für Freiwetten – obwohl sie Oliver P. als gesperrten Spieler erkennen und ausschließen müssten. "Die Kultur des Spielerschutzes ist in der Glücksspielbranche noch nicht angekommen, weil sie natürlich auch dem Geschäftsmodell schadet", erklärt Ilona Füchtenschnieder von der Landesfachstelle Glücksspielsucht Nordrhein-Westfalen. Ein schwer auflösbarer Interessenskonflikt sei es, wenn man seine besten Kunden bremsen und notfalls sogar vom Spiel ausschließen muss.

    Das für die Aufsicht über Sportwetten zuständige Regierungspräsidium Darmstadt sagt, dass es beim Anschluss an die Spielersperrdatei zu Verzögerungen kommen kann. Für die Fachfrau Füchtenschnieder ist schon das ein Ausschlusskriterium für die große Online-Öffnung: "Aus meiner Perspektive dürfte kein einziges Online-Casino schon eine Konzession bekommen, bevor diese Struktur steht, bevor die Sperrdatei funktioniert."

    Experten erwarten Wachsen des Glücksspiel-Marktes

    Bleibt die Frage: Welchen Schaden riskiert die Regierung mit ihrem neuen Glücksspielstaatsvertrag wirklich? Für Spielsüchtige scheint die Rechnung bislang noch nicht aufzugehen – für sie wird es noch schwieriger, sich dem Glücksspiel zu entziehen. Und: Es könnten noch viele Süchtige hinzukommen, denn Experten erwarten, dass das Glücksspiel die Gesellschaft online noch mehr durchdringen wird.

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