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Gewalt gegen türkische Frauen: Das Ende des Schweigens | BR24

© pa / dpa / Onur Dogman

Demonstration gegen Gewalt gegen Frauen in Istanbul

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    Gewalt gegen türkische Frauen: Das Ende des Schweigens

    Die Istanbul-Konvention soll Frauen vor häuslicher Gewalt schützen. Nun debattiert die türkische Regierungspartei über einen Ausstieg. Das empört viele Frauen - auch wegen neuer Fälle von Gewalt.

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    Von
    • Oliver Mayer-Rüth

    Selten besucht jemand das Grab der 18-jährigen Ipek Er aus dem südostanatolischen Dorf Kurukavak. Die Umstände ihres Todes sieht man in ihrer Heimat als Schande. Ihr Schicksal aber sorgt überregional für Aufsehen in einer Zeit, in der in der Türkei über die Abkehr von internationalen Regeln zum Schutz von Frauen vor Gewalt diskutiert wird.

    Ipek Er erliegt Mitte August ihren Verletzungen. Mit einer Schrotflinte hatte sie versucht, sich das Leben zu nehmen, lag dann mehrere Wochen im Krankenhaus. Der Grund für die Verzweiflungstat war eine mutmaßliche Vergewaltigung durch ihren Freund Musa O.. Sie wendet sich nach der Tat an die Polizei, zeigt ihren Freund an.

    Die Justiz lässt ihn zwar kurzzeitig festnehmen, doch er kommt schnell wieder frei. Der Fall spricht sich herum. Die Empörung in den sozialen Medien über die Freilassung ist so groß, dass ein Staatsanwalt den Ex-Freund und Gendarmen erneut verhaften lässt. Aus der Gendarmerie wird er unehrenhaft entlassen. Der zuständige Richter in der arabisch-kurdisch geprägten Stadt Siirt setzt ihn aber schnell wieder auf freien Fuß.

    Die Eltern wehren sich

    Ers Vater Fuat Er will das nicht hinnehmen. Gegenüber der ARD beklagt er sich: "Da kommen doch viele Fragen auf. Zuallererst würde ich gerne mit diesem Richter sprechen: 'Wenn das deine Tochter gewesen wäre, wäre dein Gewissen rein geblieben, als du diesen Mörder freigelassen hast?'"

    Der Fall schlägt Wellen bis nach Istanbul. Im Oktober soll der Ex-Gendarm vor Gericht kommen. Ipeks Mutter Hakime Kilinc ist schon jetzt besorgt, dass der 23-Jährige straffrei ausgehen könnte. "Das Recht meiner Tochter darf nicht vergessen werden", fordert sie.

    "Ich will nicht, dass man ihm hilft. Ich fordere Gerechtigkeit." Hakime Kilinc, Mutter von Ikek Er

    Eine Frauenorganisation nimmt Ers Tod zum Anlass, ihr Foto mit den Worten "Wir schweigen nicht" auf Banner zu drucken und bei einer der derzeit regelmäßig stattfindenden Demonstrationen gegen Gewalt an Frauen in Istanbul hochzuhalten.

    Ein gewaltsames Stück Alltag

    Gewalt gegen Frauen ist Alltag in der Türkei. Nahezu im Wochentakt werden in sozialen Medien Videos mit abscheulichen Szenen geteilt: Ein Mann holt aus und schlägt einer Frau in aller Öffentlichkeit ins Gesicht. Manchmal wehren sich die Opfer, manchmal nehmen sie die Pein nahezu regungslos hin. Teilweise mischen sich Passanten ein, teilweise ignorieren sie das Geschehen.

    Mehr als 470 Morde an Frauen haben türkische Frauenorganisationen 2019 gezählt. Gewalt an Frauen nehme zu, mahnen sie. Die wenigen unabhängigen türkischen Medien greifen das Thema zuletzt auch deshalb immer öfter auf, weil extrem islamisch-konservative Kräfte in der Regierungspartei AKP die sogenannte Istanbul-Konvention aufkündigen wollen.

    Der völkerrechtliche Vertrag wurde 2011 von 13 Staaten, unter anderem auch von der Türkei, in Istanbul unterzeichnet und später ratifiziert. In den Folgejahren schlossen sich weitere Länder an. Die Unterzeichnerstaaten verpflichteten sich, Gewalt gegen Frauen zu verhüten und bekämpfen.

    Widerstand aus einer erzkonservativen Bruderschaft

    Die erzkonservative muslimische Bruderschaft Ismailaga aber hält die Konvention für einen "Angriff auf islamische Werte" und verbreitet diese Ansicht über ihren Twitter-Account. Im Januar besuchte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan den Führer von Ismailaga, anschließend wurden Bilder von dem Treffen verbreitet.

    Anfang Juli dann forderte Nurman Kurtulmus, stellvertretender Vorsitzender der AKP, den Austritt aus der Konvention. "Es ist falsch zu behaupten, Gewalt gegen Frauen würde steigen, wenn man aus der Istanbul-Konvention aussteigt", sagt er.

    "So wie man das Abkommen regelkonform unterschrieben hat, so kann man es auch aufkündigen." Nurman Kurtulmus, stellv. Vorsitzender der AKP

    Unruhe in der AKP

    Die Empörung bei Frauenorganisationen ist groß. Doch auch in der Frauenorganisation der AKP regt sich Widerstand. Aus Parteikreisen heißt es, über die Forderung von Kurtulmus sollte man erst intern in allen Einzelheiten diskutieren und abwägen, wie vor allem traditionelle Erdogan-Wählerinnen auf einen Austritt aus der Konvention reagieren könnten.

    Viel könnte von Erdogans Tochter Sümeyye abhängen. Sie ist Vizepräsidentin der Frauenorganisation Kadem, die dafür bekannt ist, dass sie ein islamisch-konservatives Frauenbild vertritt. Doch es heißt auch immer wieder, das Thema Gewalt gegen Frauen sei dort eine rote Linie: Sümeyye Erdogan habe Einfluss auf ihren Vater. Dass sich der extrem-islamisch-konservative Flügel in der AKP beim Thema Istanbul-Konvention durchsetzt, dürfte noch nicht entschieden sein.

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