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Gesundheit: Wie der Staat Dr. Google Konkurrenz macht | BR24

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Zum Thema Gesundheit gibt es im Netz viele kommerzielle Seiten, aber wenige verlässliche Informationen. Die Bundesregierung plant jetzt ein eigenes Internetangebot. Kann ein nationales Gesundheitsportal "Dr. Google" Konkurrenz machen?

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Gesundheit: Wie der Staat Dr. Google Konkurrenz macht

Zum Thema Gesundheit gibt es im Netz viele kommerzielle Seiten, aber wenige verlässliche Informationen. Die Bundesregierung plant jetzt ein eigenes Internetangebot. Kann ein nationales Gesundheitsportal "Dr. Google" Konkurrenz machen?

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Alzbeta Bercikova hat schlimme Tage hinter sich. Sie fürchtete, ihre sieben Monate alte Tochter könnte Augenkrebs haben. Anlass für die Befürchtung: Auf Blitzlichtfotos waren die Pupillen des Kindes nicht rot, wie es oft der Fall ist, sondern gelb und weiß. Die junge Mutter suchte Informationen im Internet.

Auf einer ganzen Reihe von Internet-Seiten bekamen die jungen Eltern die Information, dass die weiß-gelben Pupillen ihrer Tochter beim Blitzlicht-Foto ein klarer Hinweis auf eine Krebserkrankung seien. Es dauerte rund eine Woche, bis eine Ärztin das Mädchen untersuchte. Ergebnis: Die Augenärztin konnte eine Krebserkrankung ausschließen und den jungen Eltern die Sorge nehmen.

Information und Werbung vermischt

Die Patientenberaterin Carola Sraier hört von Ratsuchenden immer wieder das Gleiche: dass sie Schwierigkeiten haben, sich durch die Gesundheitsinformationen durchzuarbeiten, die sie im Internet finden: "Wir haben hier eine Verbindung von Informationen und kommerziellem Angebot."

Sraier sucht gerne mal selbst im Internet nach Informationen, so wie es auch die Menschen tun, denen sie Unterstützung bietet. Im Netz findet sie oft Angebote wie "Netdoktor" aus dem Burda-Verlag oder die "Apotheken-Umschau" ganz oben. Die seien inhaltlich im Großen und Ganzen in Ordnung, findet Patientenberaterin Carola Sraier.

Problematisch finden Patientenschützer, dass bei vielen Internetangeboten zu Gesundheitsthemen Werbung eingebaut ist. Wer nach Gürtelrose sucht, findet zum Beispiel direkt im Text ein Angebot, das zu einem Online-Hautarzt weiterleitet. Dort kann der Ratsuchende dann für 24,95 Euro einen Termin machen und Bilder von seinen Bläschen zur Begutachtung hinschicken. Carola Sraier erzählt, der Arzt gebe dann eine Einschätzung ab, ob es ein Ekzem, ein entzündeter Mückenstich oder tatsächlich Gürtelrose sein kann. "Und das finde ich für uns als Verbraucher nicht so gut, weil eigentlich will ich ja erstmal nur informiert werden."

Quellen der Infos oft undurchsichtig

Oft sei auch auf den ersten Blick nicht ersichtlich, von wem die Informationen kommen. Das wird erst bei einem Blick ins Impressum klar. Viele Gesundheitsseiten im Netz werden von Pharmakonzernen bereitgestellt, die Patienten über bestimmte Internet-Adressen auf ihre Seiten leiten – wie es etwa der Großkonzern Brystol-Myer-Squibb mit der Seite krebs.de tut oder der Pharmariese MSD mit pille.de.

Medizinprofessorin: Angebot im Internet "völlig chaotisch"

Gesundheitsinformationen im Internet zu finden, die korrekt sind, verständlich und unabhängig, sei ausgesprochen schwer, findet auch die Medizinprofessorin Ingrid Mühlhauser aus Hamburg. Sie betreut beim Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin den Bereich Patienteninformation.

"Ich würde sagen, das Angebot im Internet ist momentan völlig chaotisch und unstrukturiert. Als Nutzer kann man gute von schlechten Informationen praktisch kaum unterscheiden. Also man bräuchte eigentlich ein sehr hohes Maß an kritischer Gesundheitskompetenz, um sich da zurechtfinden zu können." Ingrid Mühlhauser, Medizinprofessorin in Hamburg

Nationales Gesundheitsportal als Alternative zu "Dr. Google"

Eine zuverlässige Informationsquelle soll künftig ein Nationales Gesundheitsportal sein. Das Bundesgesundheitsministerium steckt sich hohe Ziele. Es soll Wissen liefern, das Gesundheitswesen nutzerfreundlicher machen. Und, so schreibt es das Ministerium dem BR: "Das Nationale Gesundheitsportal soll die zentrale Anlaufstelle für die Suche nach Gesundheitsinformationen werden."

Dr. Google soll also staatliche Konkurrenz bekommen. Fachleute fragen sich allerdings, ob dieses Portal diesen Anspruch wird erfüllen können. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, das schon seit etlichen Jahren im Auftrag der Bundesregierung unter anderem auch die Internetseite gesundheitsinformation.de betreibt, hat vor zwei Jahren ein Konzept für ein Nationales Gesundheitsportal erarbeitet. Darin waren ein Personalbedarf von 50 Stellen und jährliche Kosten von fünf Millionen Euro veranschlagt worden. Die aktuellen Pläne der Bundesregierung bleiben deutlich darunter, ist zu hören. Außerdem soll das neue Portal nicht komplett unabhängig sein, sondern ans Gesundheitsministerium angebunden werden.

Kommt das staatliche Angebot 20 Jahre zu spät?

Doris Schaeffer, die seit 1997 an der Universität Bielefeld eine Professur für Gesundheitswissenschaften hat, fürchtet, dass das nationale Gesundheitsportal viel zu spät kommt. Vor 20 Jahren wäre ein solches Angebot gut machbar gewesen, sagt sie. Heute sei das schwieriger, weil dieses Portal neben vielen anderen bestehen müsse.

Carola Sraier von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Patientenstellen will aber die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass das Nationale Gesundheitsportal ein gutes Informationsangebot bieten wird. Sie fordert die Bundesregierung auf, möglichst viele Ressourcen hineinzustecken. Andernfalls bleibe es "leider ein Feigenblatt".

Wann das Portal startet, ist unklar. Schon seit dem vergangenen Jahr nennt die Bundesregierung den Sommer 2020 als Termin. Genauer festlegen will sich das Gesundheitsministerium nicht – obwohl der Sommer schon begonnen hat.

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