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Apfelernte

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Gespritzte Äpfel: Exklusive Datenanalyse zum Pestizideinsatz

In Südtirol tobt seit Jahren eine Debatte über Pestizide. Der Streit eskaliert 2017, als Obstbauern bayerische Umweltschützer wegen übler Nachrede verklagen. Wie viel wirklich gespritzt wurde, zeigt nun erstmals eine detaillierte Datenanalyse.

Anfang Mai: Die Apfelblüte geht gerade ihrem Ende zu. Ganze Täler in Südtirol verwandeln sich in ein rosa-weißes Farbenmeer. In dieser Zeit, in der sich die Natur von ihrer schönsten Seite zeigt, wurde im Vinschgau besonders intensiv gespritzt. Das zeigen Betriebshefte aus dem Jahr 2017, die dem Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung vorliegen.

Datenjournalisten haben insgesamt 681 Betriebshefte ausgewertet. Obstbauern sind verpflichtet, darin festzuhalten, welches Pestizid sie eingesetzt haben, wieviel davon und aus welchem Grund. Insgesamt sind über 590.000 Pestizideinsätze allein in der Saison 2017 dokumentiert. Der Datensatz deckt etwa die Hälfte der Apfel-Anbaufläche im Vinschgau ab, damit sind die Zahlen nicht für ganz Südtirol repräsentativ. Zwischen Anfang März und Ende September ist kein Tag vergangen, an dem im Vinschgau nicht gespritzt wurde, wie die Daten zeigen. Zugelassene Höchstmengen wurden dabei nicht überschritten.

Außergewöhnlicher Datensatz

Für die Öffentlichkeit sind diese Informationen über den Einsatz von Pestiziden bislang nicht zugänglich. Einblick in die Betriebshefte haben nur ausgewählte Kontrollstellen. Umso wertvoller sei so ein Datensatz, sagt Professor Ralf Schulz, Umweltwissenschaftler an der Rheinland-Pfälzischen TU Kaiserslautern–Landau. Er erforscht unter anderem, wie Pestizide unser Ökosystem beeinflussen:

"Pestizide sind sehr toxisch bisweilen, und dementsprechend ist es wichtig, sich klarzumachen, welche Mengen von Pestiziden in der Landwirtschaft eingesetzt werden." Umweltwissenschaftler Ralf Schulz

Die Datenauswertung der Saison 2017 zeigt unter anderem: Eine durchschnittliche Apfelplantage wurde 38 Mal mit Pestiziden behandelt. "38 Anwendungen von Pestiziden in einer Saison sind natürlich sehr, sehr viel", sagt der Umweltwissenschaftler Ralf Schulz. Das Südtiroler Apfelkonsortium, der Dachverband aller Erzeugergenossenschaften, erklärt eine hohe Anzahl an Einsätzen auf BR-Anfrage so: "Anders als noch vor einigen Jahrzehnten setzen wir nur noch gezielt wirkende Mittel mit geringerer Wirkungsstärke ein." Das bedinge eine höhere Anzahl an Einsätzen, habe aber den Vorteil einer präzisen Wirkung auf den Schadorganismus, heißt es weiter.

Betriebshefte werden wegen "Pestizid-Prozess" öffentlich

Dass dem BR die Daten vorliegen, ist das Ergebnis eines einmaligen Vorgangs aus dem Jahr 2017. Der Verein "Umweltinstitut München" wollte damals auf den intensiven Einsatz von Pestiziden im Obstanbau aufmerksam machen, erinnert sich Karl Bär, der die Kampagne mitverantwortet hat. Teil der Kampagne war ein Plakat, auf dem eine Südtiroler Plantage zu sehen ist. Ein Traktor fährt durch die Reihen und spritzt etwas. "Pestizid-Tirol" steht darunter.

Das hatte ein Nachspiel: Karl Bär, der inzwischen für die Grünen im Bundestag sitzt, wurde damals von über 1.000 Südtiroler Obstbauern und dem Südtiroler Landesrat für Landwirtschaft wegen übler Nachrede verklagt. Im Rahmen des Prozesses zog die Justiz die bis dahin geheimen Betriebshefte der klagenden Bauern ein und übergab sie dem "Umweltinstitut München". Weil die Bauern aber ihre Anzeigen zurückzogen, wurde über die Sache selbst nie verhandelt und der Prozess im Mai 2022 eingestellt.

An manchen Tagen, das zeigen die Daten aus dem Prozess, haben Bauern bis zu neun verschiedene Pestizide an einem Tag gespritzt. "Durch die Kombination der Mittel kann es zu sogenannten Cocktail-Effekten kommen", sagt Vera Baumert, Referentin für Landwirtschaft beim Umweltinstitut München, im Interview mit dem BR Politikmagazin Kontrovers.

Diese Effekte könnten dazu führen, dass sich die negativen Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit addieren und verstärken, erklärt die Umweltschützerin. Cocktail-Effekte gelten unter Experten als unzureichend erforscht. Deutsche Behörden berücksichtigen sie bei der Zulassung von Wirkstoffen erst seit 2017 bis zu einem gewissen Grad.

Video: Kontrovers - Die Story: Der Pestizid-Streit - Wie toxisch ist der Apfelanbau?

Wirkstoffe, die Bienen gefährden, wurden eingesetzt

Bevor ein Wirkstoff zugelassen wird, werden die Auswirkungen in zahlreichen Studien überprüft. Wird der Wirkstoff schließlich von den Behörden zugelassen, werden sogenannte Rückstandshöchstgehalte gesetzlich festgelegt, die als unbedenklich gelten.

Die Datenauswertung zeigt, dass 2017 im Vinschgau Wirkstoffe zum Einsatz kamen, die heute so nicht mehr verwendet werden dürfen. Zum Beispiel ist das Insektizid Imidacloprid inzwischen europaweit nicht mehr zugelassen. Grund dafür ist, dass sich der Wirkstoff als sehr gefährlich für Bienen erwiesen hat.

"Das zeigt einerseits, dass das System lernfähig ist", sagt der Umweltwissenschaftler Ralf Schulz. Die Behörden seien bereit festzustellen, wenn ein Pestizid nicht mehr die Sicherheit hat, von der wir ursprünglich ausgegangen sind und nehmen es gegebenenfalls vom Markt, sagt Ralf Schulz.

Laut dem Südtiroler Apfelkonsortium sind 100 Prozent der Südtiroler Äpfel im gesetzlichen Rahmen. Die gesetzlichen Rückstandshöchstmengen würden deutlich unterschritten, heißt es.

Warum werden Pestizide im Apfelanbau so intensiv genutzt?

"Ich schätze, 90 Prozent der Einsätze dienen der Erntesicherung", erklärt Tobias Gritsch, "und 10 Prozent dienen der Ästhetik". Er ist Obstbauer im Vinschgau und einer der wenigen, der bereit ist mit Medien zu sprechen.

Der Druck, unter dem die Obstbauern stünden, sei enorm, sagt Tobias Gritsch. Einerseits wachse die Intoleranz der Konsumentinnen gegenüber Pestiziden und auf der anderen Seite mache auch der Handel strenge Vorgaben, wie der Apfel auszusehen habe und welche Rückstände vorhanden sein dürfen.

"Das Erscheinungsbild muss perfekt sein, sonst wird die Ware sofort abgestraft und manchmal ist sie gar nicht mehr vermarktbar." Obstbauer Tobias Gritsch

Pestizide als ultima ratio?

Was sagen die Vinschgauer Obstbauern oder die Landesregierung zu den Ergebnissen der Datenauswertung? 38 Behandlungen pro durchschnittlicher Apfelplantage vermitteln den Eindruck, dass 2017 im Vinschgau intensiv gespritzt wurde. Allerdings sind die Daten über fünf Jahre alt. Sieht es inzwischen anders aus?

Aktuellere Daten haben weder die Genossenschaften noch die Landesregierung trotz mehrfacher Anfrage zur Verfügung gestellt. Sowohl der Obmann des Verbands der Vinschgauer Produzenten für Obst und Gemüse als auch der Landesrat für Landwirtschaft lehnen ein Interview ab.

Schriftlich erklärt der Vinschgauer Verband, Bauern setzten Pflanzenschutzmittel nur dann ein, wenn es notwendig sei und Schäden an Früchten oder Bäumen zu erwarten seien. "So wenig wie möglich, lautet die Devise der Südtiroler Obstbauern", heißt es. Auch das Südtiroler Apfelkonsortium betont den verantwortungsvollen Einsatz von zugelassenen Pflanzenschutzmitteln, die gezielt, sparsam und punktgenau eingesetzt würden. Mit der Züchtung pilzresistenter Apfelsorten, die weniger Behandlungen erfordern, habe man seit 2017 große Fortschritte erzielt, schreibt das Apfelkonsortium.

Künftig mehr Transparenz beim Pestizideinsatz

Der Datensatz hat erstmals einen Eindruck vermittelt, wie viel und was im Südtiroler Vinschgau gespritzt wurde. Für Anbaugebiete in Deutschland sind vergleichbare Zahlen nicht zugänglich. Auch hier werden im Obstanbau Pestizide häufig eingesetzt. Für mehr Transparenz soll eine neue EU-Verordnung sorgen. Daten über Pestizideinsätze in der EU sollen ab 2028 von den Mitgliedstaaten erfasst, an die EU gemeldet und veröffentlicht werden.

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