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Gespaltene Insel: Lage auf Lesbos weiter angespannt | BR24

© pa / dpa / Eurokinissi

Zusammenstoß zwischen Polizei und Demonstranten bei einem Protest gegen ein neues Flüchtlingslager auf Lesbos

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    Gespaltene Insel: Lage auf Lesbos weiter angespannt

    Während sich Flüchtlinge auf den Weg nach Griechenland machen, übernehmen Rechtsextreme teils die Kontrolle auf der Insel Lesbos. Übergriffe gegen NGOs und Medien nehmen zu. Zugleich protestieren Migranten gegen die Zustände in ihren Lagern.

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    Von
    • BR24 Redaktion
    • Philip Kuntschner

    Vor den Geldautomaten der Inselhauptstadt Mytilini bilden sich am Morgen lange Menschenschlangen, unter ihnen auch viele Flüchtlinge, an die sich ein Mann richtet: "Haut ab von hier, wir wollen euch hier nicht haben!" Viele Einheimische fühlen sich von der EU seit Jahren im Stich gelassen. Das Flüchtlingslager Moria wurde einst für 3.000 Menschen eingerichtet, heute leben über 20.000 dort. Seit die Türkei die Grenzen nach Europa geöffnet hat und wieder neue Flüchtlinge auf Lesbos ankommen, gerät die Situation zunehmend außer Kontrolle.

    Einheimische blockieren die Zufahrtsstraßen

    Für eine Gruppe von 95 Neuankömmlingen muss derzeit ein provisorisches Lager errichtet werden. Grund dafür sind Straßensperren von Einheimischen, die zeitweise die Zufahrt zum Lager Moria blockieren. Die Proteste, die teilweise von rechtsextremem Gruppierungen angeführt werden, richten sich aber längst nicht mehr nur gegen Flüchtlinge, sondern auch gegen deren Unterstützer. So berichten Mitarbeiter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) von Bedrohungen und Übergriffen. "Wir sind sehr besorgt", sagt UNHCR-Sprecher Boris Cheshirkov: "Wir rufen die Regierungen dazu auf, sicherzustellen, dass alle, die hier humanitäre Arbeit leisten, dieser auch sicher nachgehen dürfen."

    Übergriffe gegen die Medien

    Auch die Zahl der Übergriffe auf Journalisten nimmt zu. Als ein Flüchtlingsboot im Hafen von Mytilini einläuft, geht ein wütender Mob auch auf Medienvertreter los. Ein deutscher Kameramann wird dabei verletzt. Am selben Abend fliegen Steine gegen das Auto eines Fotografen und zwei Journalistinnen aus Spanien berichten von Morddrohungen.

    Der Grünen-Europaabgeordnete Erik Marquardt spricht von einer unsicheren Lage für Pressevertreter, Hilfsorganisationen und Flüchtlinge. Er plädiert für geordnete Asylverfahren, die Evakuierung der griechischen Inseln und die geordnete Verteilung von Flüchtlingen innerhalb der europäischen Länder. Die Antwort der EU auf den Druck der Türkei sei derzeit unwürdig: "Es kann nicht sein, dass man Erdogan vorwirft, Menschenrechte nicht zu beachten, selbst aber diese Rechte ebenfalls nicht ernst nimmt."

    "Humanitäre Katastrophe" in den Lagern

    Gemeint sind damit auch die Zustände in den Flüchtlingslagern, die Hilfsorganisationen als "humanitäre Katastrophe" beschreiben. Zu den Protesten der Einheimischen kommen die der Flüchtlinge, die sich selbst als Gefangene sehen und teils gewaltsam für eine Verbesserung ihrer Situation auf die Straßen gehen.

    Werden die Flüchtlinge instrumentalisiert?

    Der Vorsitzende der EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber, entgegnet im Interview mit dem Deutschlandfunk, man könne alle neu Geflüchteten nach geltendem Recht kollektiv zurückführen. Es handele sich nicht um individuelle Menschen, die in Griechenland Asyl beantragen möchten, "sondern um Busse, die von Erdogan bezahlt werden, die an die Grenze gefahren werden und oft aus bestehenden Flüchtlingslagern kommen".

    Angesichts des Syrien-Konflikts warnte Außenminister Heiko Maas (SPD) davor, Flüchtlinge für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Man dürfe nicht zulassen, dass Flüchtlinge zum Spielball geopolitischer Interessen gemacht werden. "Wer das versucht, muss immer mit unserem Widerstand rechnen", so Maas in Berlin.

    Auf der türkischen Seite der Grenze warten währenddessen tausende Flüchtlinge auf die Gelegenheit, nach Europa weiter zu ziehen. In den kommenden Tagen verschlechtert sich das Wetter, eine Überfahrt wäre dann zu gefährlich, sagen Hilfsorganisationen. Dadurch löse sich aber keines der Probleme - die Politik würde höchstens etwas Zeit gewinnen.

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