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Geschlechtsbestimmung statt Kükentöten - noch ein weiter Weg? | BR24

© BR / Günter Wallbrecht

Ein Entwickler von Plantegg demonstriert wie händisch Flüssigkeit aus einem Ei entnommen wird.

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    Geschlechtsbestimmung statt Kükentöten - noch ein weiter Weg?

    Ab Ende 2021 soll es in Deutschland kein Kükentöten mehr geben. Als wichtige Alternative gilt die Geschlechtsbestimmung im Ei. Doch die Verfahren sind teils noch gar nicht so weit, wie es der Gesetzentwurf der Bundeslandwirtschaftsministerin fordert.

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    Es geht um die männlichen Küken, die "übrigbleiben", wenn Legehennen ausgebrütet werden. Es lohnt sich nicht, sie zu mästen, weil sie dafür viel zu wenig Fleisch ansetzen. Darum werden sie gleich nach dem Schlüpfen mit CO2 getötet und verfüttert, zum Beispiel in Wildparks oder bei Tierzüchtern. Im September hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) einen Gesetzentwurf vorgelegt, der das Kükentöten bis Ende 2021 in Deutschland beenden will. Das soll die Branche zu Alternativen zwingen.

    Geschlechtsbestimmung im Ei mittels Genanalyse

    Eine dieser alternativen Methoden wurde von dem Kieler Biotechnologieunternehmen Planton entwickelt. Bei ihrem Plantegg-Verfahren wird an Tag neun der dreiwöchigen Brutphase ein Tropfen Flüssigkeit aus dem bebrüteten Ei entnommen. Es handelt sich um einen winzigen Tropfen aus der sogenannten Allantoisblase – quasi die Urinblase des Embryos. Darin befinden sich Embryonalzellen. Mit einem DNA-Test kann bestimmt werden, ob es ein Hahn oder eine Henne wird. Im Oktober ist das Verfahren in einer Brüterei in Holland in den Praxisbetrieb gestartet.

    Anbieter: Keine Schäden für das Küken

    Um an die Flüssigkeit mit der DNA heranzukommen, schießt ein Laser ein Loch von 0,3 Millimetern in die Eierschale. Das Küken nimmt dabei keinen Schaden, versichert der Chef von Plantegg, Michael Kleine. Das Loch sei so klein, dass es sich von selbst im weiteren Brutprozess wieder verschließt und dadurch keine Probleme bei der Entwicklung des Embryos entstehen. 3.000 Eier kann Plantegg pro Stunde in der Brüterei bestimmen.

    Die männlichen Eier werden aussortiert und zu Futtermitteln verarbeitet. Die weiblichen werden ausgebrütet und legen später als Legehennen die Konsum-Eier für den Handel. Die sollen bald beim Discounter Aldi verkauft werden. Die Firma ist auch schon mit weiteren Interessenten im Gespräch.

    Klöckner: Geschlechtsbestimmung spätestens an Tag sechs

    Doch es gibt noch ein Problem: Klöckners Gesetzesentwurf will, dass das Geschlecht bald noch früher in der Brutzeit bestimmt wird. Hintergrund ist die Frage nach dem Schmerzempfinden der Embryonen. Das Ziel ist, dass Geschlechtsbestimmung und Abtöten der männlichen Bruteier zu einem Zeitpunkt geschehen, an dem die Embryonen dies auf keinen Fall spüren können. Wann dieser Punkt während des Ausbrütens genau einsetzt, ist wissenschaftlich bisher nicht abschließend geklärt. Die früheste Einschätzung geht aber von Tag sieben aus. Darum soll nach 2024 die Geschlechtsbestimmung spätestens an Tag sechs erlaubt sein.

    Technik für eine frühe Bestimmung fehlt noch

    Aber bislang ist eine Geschlechtsbestimmung so früh noch gar nicht möglich. Die Kieler Biotechnikfirma geht zwar davon aus, dass ihr genanalytisches Verfahren grundsätzlich schon ab Tag fünf funktioniert. Aber noch fehlt eine Technik, um auch so früh an die Flüssigkeit im Ei zu kommen. Die Blase ist dann nämlich noch viel kleiner.

    Vor dem gleichen Problem steht auch die Konkurrenz: Die Rewe-Tochter Seleggt war bislang Vorreiter in Sachen Geschlechtsbestimmung in Deutschland. Das Seleggt-Verfahren basiert auf der gleichen Technik. Lediglich wird anstatt der Gene die Konzentration von Geschlechtshormonen in der Flüssigkeit untersucht. Ob das auch früher realisierbar ist, kann man im Moment offenbar nicht versprechen. Kurz nach der Ankündigung der Landwirtschaftsministerin wurden Pläne für eine große Seleggt-Brüterei in Deutschland gestoppt.

    Bisher sind andere Methoden noch nicht praxisreif

    Andere Ansätze, bei denen zum Beispiel mit Licht oder mit einem MRT ins Ei geschaut wird, sind noch nicht praxisreif. Oder sie setzen ohnehin erst zu spät in der Brutphase an. Kommt das Gesetz wie geplant, muss die gesamte Branche dennoch bis in gut einem Jahr auf die verfügbaren Alternativen umstellen.

    Für die Anbieter wie Plantegg eine Mammutaufgabe. Geschäftsführer Michael Kleine ist optimistisch, das Verfahren bald schon anderen Kunden anbieten zu können. Dennoch: Ob eine branchenweite Umstellung im anvisierten Zeitplan überhaupt möglich ist, kann momentan niemand versprechen.

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