23.12.2022, Bayern, München: Der Angeklagte (l) wird in den Verhandlungssaal geführt.
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Sven Hoppe

Prozess gegen mutmaßlichen Islamisten wegen Messerangriff

  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Gericht: ICE-Messerstecher nicht schizophren, sondern Islamist

Wegen eines Messerangriffs auf Reisende in einem ICE in der Oberpfalz ist der Angeklagte vom Oberlandesgericht München zu 14 Jahren Haft verurteilt worden. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass eine angebliche Schizophrenie nur vorgetäuscht war.

Völlig regungslos hat der heute 28-Jährige das Urteil des Oberlandesgerichts München aufgenommen: 14 Jahre Haft wegen eines Messerangriffs auf Reisende in einem ICE in der Oberpfalz. Eine der strittigsten Fragen im Prozess war die einer möglichen Schuldunfähigkeit. Denn der Angeklagte gab an, an einer paranoiden Schizophrenie zu leiden. Das Gericht sah es allerdings als erwiesen an, dass Abdalraham A. voll schuldfähig war.

Gericht bestätigt volle Schuldfähigkeit

Der 28-jährige Abdalraham A., der palästinensischer Herkunft ist und in einem Flüchtlingslager in Syrien aufwuchs, soll die Tat aus einer islamistisch-dschihadistischen Überzeugung heraus begangen haben. In einer psychischen Ausnahmesituation sei er nicht gewesen. Insgesamt, so Gerichtssprecherin Bettina Kästner, wurden "drei psychiatrische Sachverständige, ein Psychologe und noch weitere sachverständige Zeugen gehört, um eben diese Fragen zu klären." Das Gericht war anschließend überzeugt, dass der Angeklagte voll schuldfähig ist.

Richter: "Das ist ein ungewöhnlicher Prozess"

Dass dies ein ungewöhnlicher Prozess gewesen ist, sagte der Richter während der Urteilsverkündung. Denn gegensätzlicher hätten die Forderungen kaum sein können. Die Bundesanwaltschaft hatte den Fall wegen des nun vom Gericht bestätigten islamistischen Motivs übernommen. Sie forderte lebenslang. Die Verteidigung hingegen plädierte darauf, den Angeklagten in einer psychiatrischen Einrichtung unterzubringen, weil er an einer paranoiden Schizophrenie leide.

Verteidigung will in Revision gehen

Das Urteil wollen sie nicht akzeptieren, erklärte Verteidiger Maximilian Bär nach dem Prozess. Die Verteidigung wolle Revision einlegen. "Und dann auch anhand der schriftlichen Urteilsverkündung überprüfen, ob diese Abwägung rechtsfehlerfrei durchgeführt worden ist", so Behr. Chancen erhoffe er sich, weil der Richter immerhin auch nicht dem Antrag der Bundesanwaltschaft gefolgt ist, die von einer lebenslangen Freiheitsstrafe ausgegangen ist.

Bundesanwaltschaft: Angeklagter hat Schizophrenie simuliert

Die Bundesanwaltschaft zeigte sich zufrieden – vor allem mit Blick auf die Schuldfrage. Bundesanwältin Silke Ritzert warf dem 28-Jährigen nämlich vor, seine psychische Erkrankung nur zu simulieren. Dies sei ihm leichtgefallen, da Familienangehörige von ihm tatsächlich unter Schizophrenie leiden.

Damit habe der Angeklagte ganz genau gewusst, "wie eine paranoide Schizophrenie abläuft." Er habe ein "entsprechendes Krankheitsbild vortäuschen" können. Auch das islamistisch-salafistische Motiv, von dem die Bundesanwaltschaft ausging, wurde bestätigt. Immerhin, so Ritzert, wurden "eine Vielzahl von Audio- und Videodateien sichergestellt, aus denen sich ergab, dass der Angeklagte sich schon seit Jahren mit salafistischem Gedankengut beschäftigte."

Angeklagter hatte in ICE vier Männer teils schwer verletzt

Am 6. November 2021 hatte der heute 28-Jährige in einem ICE, der sich auf der Fahrt von Passau nach Nürnberg befand, vier Männer mit einem Messer angegriffen, völlig unvermittelt, ohne Vorwarnung. Alle vier überlebten. Bei drei Fahrgästen hätten die Angriffe aber tödlich enden können. Sie waren schwer verletzt. Sollte der Angeklagte wie angekündigt wirklich in Revision gehen, würde der Fall vor dem Bundesgerichtshof erneut verhandelt.

Prozess gegen mutmaßlichen Islamisten wegen Messerangriff
Bildrechte: BR

Prozess gegen mutmaßlichen Islamisten wegen Messerangriff

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!