BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Genforscher melden sich zu Wort: "Rassen gibt es nicht“ | BR24

© BR / Susanne Betz

Genforscher melden sich zu Wort: "Rassen gibt es nicht“

58
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Genforscher melden sich zu Wort: "Rassen gibt es nicht“

Wenn über Rassismus gesprochen wird, denkt jeder gleich an "Rasse". Neueste Forschungen an der menschlichen DNA zeigen: Rasse gibt es nicht. Entstanden sei diese Vorstellung durch den Rassismus.

58
Per Mail sharen

Im Café einer großen Buchhandlung wird am Nebentisch türkisch gesprochen, schräg rechts sitzt ein japanisches Pärchen. Ein jüngerer Mann hält ein wenige Monate altes Baby auf seinem Schoß. Fasziniert lächelt Alma das blauweiße BR-Mikrofon der Reporterin an.

"Sie ist mitteleuropäisch. Beide Eltern sind Mitteleuropäer, die Großeltern sind Mitteleuropäer. Die Urgroßeltern haben dann eine Geschichte, die nach Osteuropa reicht. Wobei man sagen muss, dass die Gene der heutigen Europäer vor ungefähr 200.000, 300. 000 Jahren in Afrika entstanden und vor ungefähr 50.000 Jahren aus Afrika ausgewandert sind. Sie haben sich nach Europa, Asien, Australien ausgebreitet, später nach Amerika“, fasst Johannes Krause lächelnd den Stammbaum seiner kleinen Tochter zusammen.

Die Gene unserer Vorfahren

Wie kaum ein anderer in Deutschland kennt er sich mit der genetischen Entschlüsselung der Menschheit aus. Der studierte Biochemiker hat sich als Archäogenetiker spezialisiert und ist einer der Direktoren des 2014 gegründeten Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena. In dem Bereich forschte in Jena bereits im 19. Jahrhundert der berühmte Zoologe und Mediziner Ernst Haeckel. Er war der wichtigste Vertreter der Evolutionslehre in Deutschland und Anhänger Charles Darwins. Allerdings führte Haeckel auch rassistische Kategorien ein. Deshalb gilt er heute als Wegbereiter der Rassenhygiene und Eugenik.

DNA eines 10.000 Jahre alten Backenzahns

Wer sind unsere Vorfahren? Welche Migrationswege wählten sie und wann? In welchem Maß hat sich das Genmaterial gemischt? Diesen Fragen gehen die Wissenschaftler heute im Hightech- und Reinraumlabor des Max-Plack-Instituts nach. In aufwendigen Prozessen wird zum Beispiel die DNA eines zehntausend Jahre alten Backenzahnes oder eines Beckenknochens aus Bronzezeitlichen Gräbern entschlüsselt und analysiert. Laborleiter Guido Brand erklärt: "Wenn Sie humane Variabilität prüfen wollen durch Zeit und Raum, können Sie sich zum Beispiel Einzelmutationen die über das gesamte Genom verteilt sind, anschauen."

Gesellschaftlicher Auftrag zur Aufklärung

Neben der rein wissenschaftlichen Arbeit sieht der Institutsleiter Johannes Krause immer mehr auch einen gesellschaftlichen Auftrag – zur gezielten Aufklärung in postfaktischen Zeiten. Der 40-Jährige hat deshalb das Buch "Die Reise unserer Gene" geschrieben, das lange auf der Spiegel-Bestseller-Liste stand. Zusammen mit anderen hochrangigen Wissenschaftlern hat er Ende vergangenen Jahres die "Jenaer Erklärung" verfasst.

Rassen sind durch Rassismus entstanden

Die Kernaussage dieser "Jenaer Erklärung“ ist im Prinzip, "dass eigentlich Rassen durch Rassismus entstanden sind. Rassen sind nichts Biologisches. Es gibt keine biologische Grundlage für Rassen. Das ist im Prinzip ein soziales Konstrukt", summiert Professor Krause. Man könne nicht sagen, hier fange die eine Einheit an, hier höre die andere Einheit auf.

Die menschlichen Populationen der Welt sind ein dynamischer Gradient. Über die gesamten Landverbindungen gab es immer genetischen Austausch. Die wissenschaftliche, durch umfangreiche Genomanalysen untermauerte Tatsache, dass Europäer genetisch nahezu identisch mit Ostafrikanern sind, habe Rassisten vorübergehend in Argumentationsnot gebracht, erläutert Johannes Krause.

Chinesen haben etwas mehr Neandertaler-Gene

Allerdings hat die Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms, an der Krause im Zuge seiner Promotion beteiligt war, zu einem neuen Rassismus geführt. "Dann hat man plötzlich die Neandertaler-Gene gefunden, die in uns stecken, die die Afrikaner aber nicht haben. Dann hat man plötzlich gesagt: Neandertaler, das waren ja starke Menschen, die habe ja eine halbe Million Jahre in der Eiszeit gelebt. Das ist natürlich klar, dass wir etwas Besonderes sind, weil wir Neandertaler-Gene haben."

Zwei Prozent hätten Neandertaler-Gene, aber bei den Chinesen hätten es 2,5 Prozent. "Die wären dann sozusagen aus Sicht der White Supremacists noch bessere Übermenschen in dem Sinne als Europäer", sagt Krause.

Völker, Rassen, nationale Grenzen sind moderne Erfindungen von Menschen aber nichts, was originär die Spezies Mensch ausmacht.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!