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Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Corona und Tschernobyl | BR24

© picture-alliance / dpa/ Code_novo

Vergleiche zwischen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und der Verbreitung des Coronavirus werden derzeit gezogen

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    Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Corona und Tschernobyl

    Im Netz und in den Medien ziehen Menschen derzeit einen Vergleich zwischen der Verbreitung des Coronavirus und der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl. Wir analysieren Parallelen und Unterschiede.

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    Als "historisches Ereignis" wertet der Hamburger Medizinhistoriker Philipp Osten die Corona-Pandemie. Am ehesten sei die Situation mit dem Reaktor-Unglück von Tschernobyl zu vergleichen, so Osten, Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik in der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Er sagte der Neuen Osnabrücker Zeitung, dass für viele Menschen die Corona-Krise einschneidend sei und sie sich künftig ein Leben lang daran erinnern würden, genau wie an den April 1986, als es im Kernkraftwerk von Tschernobyl zu einer Kernschmelze kam.

    Unsichtbar, diffus, geruchlos

    Viren und Radioaktivität: Beide sind unsichtbar, diffus, geruchlos, können die Gesundheit von Menschen angreifen und zum Tod führen.

    Jenseits der tödlichen Gefahr, der historischen Dimension und der weitreichenden Einschnitte im Alltagsleben sehen manche noch weitere Parallelen zwischen beiden Ereignissen, teilen diese in Gesprächen und über Twitter und WhatsApp mit.

    Viele Menschen, die die Reaktorkatastrophe 1986 miterlebt haben, fühlen sich angesichts der Corona-Krise an die Zeit nach dem April 1986 erinnert.

    © Screenshots/ BR24 Grafik

    Screenshots: Nutzerinnen und Nutzer ziehen in Social Media Vergleiche zwischen Tschernobyl und der aktuellen Corona-Pandemie.

    Viren und Radioaktivität: Unterschiede in der Verbreitung

    Infolge der Reaktorexplosion in Tschernobyl am 26. April 1986 wurde eine Wolke mit radioaktiven Substanzen (vor allem Cäsium) frei gesetzt, die sich über weite Teile der heutigen Ukraine, Weißrusslands, des westlichen Russlands sowie über ganz Europa und der Nordhalbkugel verbreitete. Je näher zum Reaktor, umso stärker wurden Menschen, Gebäude und die Natur verstrahlt (kontaminiert), das heißt, radioaktive Partikel gerieten auf und in die Haut, Haare, Kleidung, Gebäude, Möbel, Pflanzen, Erde, Tiere. Die Empfehlung von Experten für die breite Bevölkerung damals: Körper, Kleidung und Gegenstände mit Wasser, Seife und Bürsten abzuwaschen, um radioaktive Partikel möglichst zu entfernen (Dekontaminierung).

    Auch in Deutschland fürchtete man die Auswirkungen der radioaktiven Wolke, deren Niederschlag als "radioaktiver Fallout" niederging: regional und lokal mit sehr unterschiedlich starker Strahlenbelastung. Diese lässt sich in manchen Teilen Bayerns noch immer in Pilzen und bei Wildtieren nachweisen.

    Das neue Sars-CoV-2 Virus, Auslöser der Covid-19 Lungenerkrankung, wird im Gegensatz zur damaligen radioaktiven Belastung ständig von Mensch zu Mensch weiterverbreitet und das weltweit. Einzelne infizierte Personen können eine unbeabsichtigte Weiterverbreitung des neuartigen Coronavirus auslösen. Bei Viren ist die Verbreitung dynamisch und kann sich auch jenseits des ursprünglichen Herkunftsgebiets verbreiten. Deswegen bezeichnet die Weltgesundheitsorganisation WHO die jetzige Situation als Pandemie, also als weltweit auftretende Epidemie.

    UdSSR und China: Informationen vorenthalten?

    Bereits im Dezember 2019 gab es Berichte über Warnungen von Ärzten in Kliniken der chinesischen Provinzhauptstadt Wuhan, dass es sich bei den immer häufiger auftretenden Lungenerkrankungen um Folgen einer Infizierung mit einem Sars-Virus handeln könnte. Der Alarm der Ärzte wurde in China zuerst über soziale Netzwerke geteilt. Initiiert von dem mittlerweile an Covid-19 verstorbenen Arzt und Whistleblower Li Wenliang.

    Als Konsequenz wurden die Ärzte von Vorgesetzten ermahnt, von der Polizei verhört. Chinas Staatsmedien sprachen von Gerüchten, die den Wohlstand der Stadt gefährden würden. Erst als der international angesehene Virologe Zhong Nanshan am 20. Januar öffentlich erklärte, der neuartige Virus könne von Mensch zu Mensch übertragen werden, kommunizierte die Führung in Peking die Bedrohungslage. Staats- und Parteichef Xi Jinping versprach persönlich, dass alles getan werde, um die Ausbreitung zu stoppen. Am 22. Januar wurde die 11-Millionen-Metropole Wuhan von der Außenwelt abgeriegelt.

    Viele Menschen erinnert die Vorgehensweise in China an den Umgang der Sowjetführung mit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986. Auch damals erfuhr die Weltöffentlichkeit erst verspätet von der ausgetretenen radioaktiven Strahlung. Zwei Tage nach der Explosion in Tschernobyl verzeichneten Messstationen in Finnland, Schweden und Dänemark eine stark erhöhte Radioaktivität. Auf die westlichen Medienberichte reagierte die staatliche sowjetische Nachrichtenagentur TASS und vermeldete einen AKW-Unfall in Tschernobyl - zwei Tage nach der Explosion. Am 29. April 1986 sprach die sowjetische Regierung von einer Katastrophe mit zwei Toten.

    Wissenschaftler in der Ukraine und Weißrussland rieten der politischen Führung damals dringend zu sofortigen umfangreichen Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung, wie der Evakuierung von Wohngebieten in einem Umkreis von 100 Kilometern um den Reaktor sowie einer umfassenden Jod-Prophylaxe. Doch die Moskauer Zentrale stimmte zunächst lediglich der Evakuierung der kleinen Stadt Pripjat zu. Erst Anfang Mai lief die Evakuierung aller Wohngebiete in einer 30-Kilometer-Zone um das Atomkraftwerk an.

    Etwa 350.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, wurden umgesiedelt oder verließen freiwillig das Gebiet. Gleichzeitig versicherten die sowjetischen Behörden den Menschen, dass keinerlei Gefahr für ihre Gesundheit bestehe und sie bald wieder in ihre Heimatorte zurückkehren könnten. Die radioaktive Verstrahlung wurde als besiegbar dargestellt, verglichen mit der deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg.

    Über die gesundheitlichen Folgen der Tschernobyl Reaktorkatastrophe gibt es eine Reihe von Dokumentationen mit teils sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Ein zentraler Punkt in der anhaltenden Kontroverse ist die methodische Problematik für Wissenschaftler, Strahlendosen mit statistischen Gesundheitseffekten in Verbindung zu bringen, das heißt den direkten Kausalzusammenhang zwischen radioaktiver Verstrahlung und Erkrankung (Krebs) nachzuweisen.

    Die Diskrepanz zwischen staatlicher Geheimhaltungs- und Verharmlosungspolitik und den für die Menschen in der UDSSR wahrnehmbaren staatlichen Gegenmaßnahmen (Entsendung von Liquidatoren, Evakuierungen, Verteilung von Jod-Prophylaxe-Tabletten und Durchführung von Schilddrüsen- und Bluttests) führte zu einer tiefen Verunsicherung in der Bevölkerung. Viele in der UDSSR zweifelten die offiziellen Verlautbarungen der politischen Führung an, zumal in Teilen der Sowjetunion ausländische Nachrichtensender empfangen werden konnten, die über den Reaktorunfall berichteten.

    In der aktuellen Corona-Krise zeigt sich Vergleichbares auch in China. Dort hat die Regierung die bereits vorherrschenden Reglementierungen im Internet weiter verschärft - westliche Medien und Dissidenten vor Ort sollen nicht frei über die Verbreitung des Coronavirus berichten können, Informationen nicht aus dem Ausland bezogen werden können.

    Medien, Internet und vor allem soziale Netzwerke sollen Corona-Panik schüren?

    Einige Personen, die die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl miterlebt haben, betonen, dass in Zeiten von Social Media und ständig verfügbaren Informationen die Panik vor einer Infizierung mit dem neuen Coronavirus deutlich höher sei. Ob das zutrifft, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt weder eindeutig nachweisen noch widerlegen.

    Doch das Argument, dass weniger Informationen zur Beruhigung der Menschen beitragen würden, hinkt und ist im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie kontraproduktiv. Grundsätzlich lässt sich feststellen: Je mehr sachliche, wissenschaftlich fundierte Informationen vermittelt werden, desto besser das Verständnis, wie sich das neuartige Coronavirus verbreitet und was jeder Einzelne tun kann, um sich selbst und andere davor zu schützen.

    Aussagen von Politikern, Wissenschaftlern und anderen sind in Deutschland überprüfbar durch freie Berichterstattung sowie durch allgemein frei zugängliche Informationsquellen. Eine Kehrseite ist, dass durch Social Media auch Fakes und Falschmeldungen eine hohe Verbreitung erfahren können.

    Hier finden Sie eine Zusammenstellung weit verbreiteter Falschmeldungen zu Corona auf BR24.

    Fazit:

    Unsicherheit und Sorge bewegt die Menschen in der aktuellen Corona-Krise wie es auch nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl der Fall war. Vergleichbar bei beiden Krisen ist unter anderem die Kommunikation autoritärer Regime. Nicht vergleichbar sind die Ausbreitungswege eines Virus mit der Verbreitung radioaktiver Strahlung. Ob die Öffentlichkeit heute überzogener reagiert als damals, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht wirklich beurteilen. In der Regel führen jedoch weniger öffentlich zugängliche Informationen zu einer Beunruhigung in der Bevölkerung, was auch Panik erzeugen kann.

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