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Gemeinsam Kriegsgräber pflegen und Vorurteile abbauen | BR24

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Alf Meier und Eva Frisch haben das internationale Projekt des Volksbundes Kriegsgräberfürsorge begleitet.

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Gemeinsam Kriegsgräber pflegen und Vorurteile abbauen

Sie arbeiten, diskutieren und feiern: Sieben junge Deutsche nehmen an einem Workcamp vom Volksbund Kriegsgräberfürsorge teil. Bei dem Projekt machen auch Jugendliche aus Polen, Russland und der Ukraine mit.

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In Wielbark, einer Kleinstadt im Nordosten Polens, wartet der 25-jährige Michi Kupiec auf den Bus mit den Teilnehmern. "Die sind immer alle aufgeregt. Denn sie kennen sich nicht und sie kennen das Land nicht. Ich bin aber auch ein bisschen aufgeregt."

Der Student, der ehrenamtlich beim Volksbund Kriegsgräberfürsorge arbeitet, will, dass sein Camp ein Erfolg wird. Dass die Teilnehmer selbst aktiv beim Thema Frieden werden.

Ankunft im Camp nach zwölf Stunden Fahrt: Noch wissen die jungen Teilnehmer nicht, was es bedeutet, auf einer Kriegsgräberstätte zu arbeiten. "Ich glaube, dass das ein bisschen erschütternd ist, wenn man sieht, wie jung die gestorben sind", meint die 18-jährige Annika aus der Nähe von München. Die Teilnehmer hoffen, dass die Verständigung klappt. "Das wird total spannend, mit drei Nationen hier zu sein", sagt Pia, die noch nie in Polen war.

Gemeinsam Grabsteine säubern

Seit 1953 organisiert der Volksbund diese Projekte unter dem Motto "Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden." Rund 20.000 junge Leute aus ganz Europa nutzen diese Angebote jedes Jahr. Auch die 16 Teilnehmer hier im masurischen Wielbark. Ihre Aufgabe: eine völlig verwilderte Kriegsgräberstätte wiederherzurichten.

Rund 300 Kriegstote aus dem ersten Weltkrieg – Deutsche wie Russen – liegen hier am Ortsrand begraben. Gemeinsam säubern die Campteilnehmer Grabsteine, zeichnen Inschriften nach und streichen den Zaun. "Heute treffen wir uns hier, pflegen gemeinsam Kriegsgräber und trinken abends zusammen ein Bier. Das tut einem einfach leid, dass die Leute damals gegeneinander kämpfen mussten", sagt Campleiter Michi.

Vorurteile bei der Arbeit mit Jugendlichen abbauen

Michi geht es auch darum, Vorurteile abzubauen. Er hat polnische Wurzeln. Aufgewachsen in der Nähe von Bremen ist er selbst mit Ausgrenzung konfrontiert worden. In seinem freiwilligen sozialen Jahr lernt er den Volksbund kennen und fühlt sich genau richtig. Neben der Arbeit auf dem Friedhof, diskutiert Michi immer wieder mit den Teilnehmern auch über Vorurteile. "Wenn die Gruppen aufeinandertreffen, haben sie bestimmte Vorstellungen über die andere Nation. Das ist interessant zu sehen, dass sich das meistens nach zwei Tagen legt."

Seine Gruppe tauscht sich auch über aktuelle politische Themen aus. "Wenn wir über Russland sprechen, sprechen wir oft nur über Putin, also sprechen wir über Politik und nicht über die Menschen. Und hier machen wir genau das. Wir sprechen miteinander", sagt die Schülerin Pia.

"Das könnte auch ich sein"

Für Michi sind Kriegsgräber ein Ort der Mahnung für den Frieden. Kriegstote seien Opfer und keine Helden. "Mir ist wichtig, dass wir eben nicht in der rechte Schublade stecken, sondern genau das Gegenteil machen, nämlich Friedensarbeit."

Das Besondere an den Jugendprojekten des Volksbunds: "Anhand der Kriegsgräberstätten beschäftigen sich die Teilnehmer wirklich mit den Folgen des Krieges. Uns geht es darum, dass die Jugendlichen erkennen, das könnte auch ich sein, der da liegt", so die Sprecherin des Volksbunds Diane Tempel-Bornett.

"Ich finde die Idee auf einem solchen Friedhof zu arbeiten großartig, da uns nur so bewusst wird, dass wir nicht wollen, dass in 50 Jahren irgendwelche Leute die Gräber unserer Brüder pflegen müssen", findet Daria aus dem russischen Kaliningrad.

Diese Welt zu einem friedlicheren Ort machen

Der Tag der großen Gedenkfeier für die Kriegstoten. Alle treffen sich noch einmal auf der Kriegsgräberstätte Wielbark, auf der viele Grabinschriften wieder lesbar sind. Die Gräber sind geharkt, die Steine ausgerichtet.

Für die Feier haben die Teilnehmer eine eigene Botschaft formuliert: "Vor unserem Workcamp haben viele von uns nicht gewusst, wie wir diese Welt zu einem friedlicheren Ort machen können. Aber dieses Camp hat das verändert. Jetzt wissen wir wie wichtig es ist gemeinsam aktiv für den Frieden zu arbeiten."

Tränen am letzten Abend

Am Ende will eigentlich keiner nach Hause fahren. Viele Freundschaften sind entstanden. "Ich bin schon seit ein paar Tagen traurig", sagt Agnieszka, die beim nächsten Camp unbedingt wieder dabei sein möchte. Auch Annika würde lieber noch bleiben. Schon am letzten Abend fließen die ersten Tränen.

Und der Campleiter? Michi ist mehr als zufrieden. Es war sein siebtes Workcamp und wie er findet, sein bestes. "Ich denke, dass sich die Teilnehmer über die aktuelle politische Lage auseinandergesetzt und sich die Meinungen der anderen Nationen angehört haben. Ich glaube, viele nehmen Anregungen für die Zukunft mit nach Hause."

© BR/Frisch

Gedenkfeier Kriegsgräberstätte Wielbark

💡 Volksbund Kriegsgräberfürsorge

Der Volksbund Kriegsgräberfürsorge betreut über 800 Kriegsgräberstätten mit 2,8 Millionen Kriegstoten in 46 Ländern. Kriegstote, dazu zählen Soldaten wie Zivilisten, haben ewiges Ruherecht – verbrieft unter anderem in zahlreichen europäischen Abkommen. Für Deutschland übernimmt der Volksbund die Pflege der Grabstätten – auch mithilfe vieler Freiwilliger in den Work-Camps, die in ganz Europa stattfinden. Finanzielle Unterstützung kommt auch vom Bund.