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Der gehörlose Steffen Helbing sitzt vor dem Kanzleramt. Er befindet sich im Hungerstreik und fordert mehr Teilhabe.

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    Gehörloser vor dem Kanzleramt: Hunger und Wut im Bauch

    Ein Gehörloser ist seit Tagen vor dem Kanzleramt im Hungerstreik. Er fordert mehr Teilhabe: Die Kosten für Gebärdendolmetscher sollten häufiger übernommen werden. Das will er schriftlich. Bisher ist kein Politiker aufgetaucht, um das zu besprechen.

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    Markus LangenstraßMarkus Langenstraß
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    Das graue Kanzleramt liegt unter grauen Wolken aus denen es nieselt. Berliner Herbstwetter. Lieber nicht lange draußen bleiben. Steffen Helbing wohnt jetzt hier. Wenige Meter vom Kanzleramtszaun steht sein Zelt. Darin ein Bett und Thermoskannen auf dem Tisch. Mehr nicht.

    Während im Kanzleramt der jordanische König empfangen wird, sitzt der 51-Jährige Helbing in seinem Rollstuhl vorm Zelt, mit Mütze, blauer Daunenjacke, Thermohose und Wollsocken. An der Zeltplane hängt ein Schild: "9. Tag". Seit neun Tagen ist Helbing im Hungerstreik, weil die Politik ihn bis jetzt ignoriert habe, wie er sagt. Helbing sieht ziemlich mitgenommen aus.

    Für die anwesenden Journalisten ist die Situation sichtlich ungewohnt. Ihr Job ist es, Fragen zu stellen und Antworten zu notieren. Aber wie geht das mit einem Gehörlosen? Wenn die angekündigte Dolmetscherin Verspätung hat? Wir kommunizieren erst einmal mit Gesten: Frieren Sie? Helbing schüttelt den Kopf. Reibt sich stattdessen den Bauch verzieht das Gesicht, ballt die Faust. So fühlt sich großer Hunger an. Und Barrieren – jetzt für die Hörenden. Dann kommt eine Hörende, die gebärden kann.

    Hungerstreik als neue Demo?

    Wieder einer im Hungerstreik, haben die Kollegen in der Redaktion gesagt. Da saßen doch gerade Klimaaktivisten und erhungerten sich ein Gespräch mit Olaf Scholz. Wird Hungern das neue Demonstrieren? Und vor allem: Sollen wir darüber überhaupt berichten? Unterstützen wir diese Protestform, indem wir darüber schreiben?

    Wir beschließen in der Redaktionskonferenz: Hingehen und mit Steffen Helbing sprechen. Fragen: Warum Hungerstreik? Gibt es keinen anderen Weg, sich Gehör zu verschaffen?

    500 Euro für ein paar Stunden Teilhabe

    "Sich Gehör verschaffen" - unsere Sprache ist voll solcher Bilder. Was macht jemand, der Gehör nicht einfordern kann, weil es ihm fehlt? Sehr oft nicht dazu gehören, lautet Steffen Helbings Antwort. Im Ehrenamt, beim Hausbau, im Theater. Um daran teilzunehmen, brauchen die rund 80.000 Gehörlosen in Deutschland Übersetzerinnen oder Übersetzer. Die kosten Geld: 85 Euro in der Stunde. Die Anfahrt zählt als Arbeitszeit.

    Wenn die Übersetzung zu lange dauert, muss ein zweiter Dolmetscher übernehmen. 500 Euro für ein paar Stunden Teilhabe an der Welt der Hörenden sind keine Seltenheit. Dolmetscher für Gehörlose, die nicht nur ins Theater gehen, sondern selbst Theater spielen wollen? Das werde nicht bezahlt, erklärt Helbing. "Das heißt, wir bleiben mit unserer Kreativität zu Hause."

    Kostenübernahme: Möglich, aber nicht sicher

    Dabei ist Teilhabe vorgeschrieben. Im Grundgesetz. Und konkreter im Sozialgesetzbuch IX: Da steht, Leistungen werden erbracht, "um Leistungsberechtigten mit Hör- und Sprachbehinderungen die Verständigung mit der Umwelt aus besonderem Anlass zu ermöglichen oder zu erleichtern". Aber was ist ein besonderer Anlass? Das Gesetz sei gut, sagt Helbing, aber es reiche bei Weitem nicht aus. Es gibt Bereiche, da sei der Dolmetscher inklusive.

    Beispiel: Wer in ein Parlament gewählt wird, hat Anspruch darauf. Aber um dort hin zu kommen, überhaupt die Chance zu haben, selbst Abgeordneter zu werden, dafür müssten Gehörlose selbst aufkommen. In anderen Bereichen werde nach aufwendigen Beantragungsverfahren die Kostenübernahme abgelehnt. Was dann? Dann bleibt man auf Kosten sitzen. Das Problem in vielen Bereichen: Kein klarer Rechtsanspruch auf Kostenübernahme, sagt Helbing.

    Alle Mittel ausgeschöpft

    Als die Übersetzerin da ist und ihn in die Welt der Hörenden übersetzt, ergießt sich erst Mal ein Schwall wütender Gebärden aus Helbing. Die Dolmetscherin ist unglaublich schnell, aber kommt trotzdem kaum hinterher. Er habe 16 Jahre lang ehrenamtlich für bessere Teilhabe gekämpft: auf Demos, mit Petitionen auf Bundes- und Landesebene, Schreiben an Politiker.

    Helbing ist im Vorstand des Weltverbandes der Gehörlosen, er ist Landesvorsitzender des Landesverbandes der Gehörlosen Berlin und Brandenburg. Und Helbing ist Mitglied in der CDU. Gebracht habe das nichts. Er zückt das Handy, zeigt, was ihm ein Parteikollege geschrieben hat: Er wolle sich doch nur in den Mittelpunkt drängen. Das geht Helbing sichtlich nah.

    Der Behindertenbeauftragte will sich nicht äußern

    Also setzt sich Helbing Anfang Oktober erstmals vor den Bundestag und wartet, dass Politiker mit ihm sprechen. Bilder davon gibt es auf Facebook und Instagram. Aber weil niemand kommt, entscheidet er sich zum Hungerstreik und zum Umzug vors Kanzleramt.

    Aber auch das hat bis jetzt nichts geändert: Er erfahre sehr viel Unterstützung von Gehörlosen, Bundespolitiker seien bisher nicht gekommen. Auch nicht der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung Jürgen Dusel. Er will sich auch auf Anfrage des BR in dieser Woche nicht äußern, seine Sprecherin verweist auf einen vollen Terminkalender. Auch eine schriftliche Stellungnahme gibt es nicht.

    Hungern bis zum Schriftstück

    Zwei Tage später, es ist Tag elf des Hungerstreiks. Das Wetter ist jetzt besser. Immerhin. Helbing scheint zuversichtlicher, obwohl immer noch kein Politiker mit ihm gesprochen hat. Helbing sagt, er würde sich freuen, wenn Olaf Scholz zu seinem Zelt kommt. Er werde, gebärdet er, auf jeden Fall so lange im Hungerstreik bleiben, bis er schriftliche Zusagen von den Parteien der künftigen Regierung erhalte.

    Sie sollen ihm versichern, dass die Teilhabe Gehörloser verbessert wird. Aber wie stehen die Chancen? Bei den gerade laufenden Koalitionsgesprächen sieht Helbing nicht, dass die Belange von Behinderten Thema sind. Trotzdem hofft er, dass die neue Regierung etwas bewegen wird. Die UN-Behindertenrechtskonvention, die allen Menschen die gleichen Rechte zubilligt, sei doch in Deutschland ratifiziert, sagt Helbing. Man müsse sie nur umsetzen.

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