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Gehörlose und die Maskenpflicht: Nur eines von vielen Problemen | BR24

© picture alliance / Sven Simon

Lippenlesen mit Maske ist unmöglich (Symbolbild).

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Gehörlose und die Maskenpflicht: Nur eines von vielen Problemen

Heute ist Tag der Gebärdensprachen. Dass Gehörlose es in Corona-Zeiten schwerer haben, weil Lippenlesen mit Maske unmöglich ist, das leuchtet vielen ein. Dabei ist die Maskenpflicht aber längst nicht die größte Barriere im Alltag.

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Wenn Andreas Costrau im Aufzug stecken bleibt, kann er nur darauf hoffen, dass ihn seine Mitmenschen wahrnehmen und befreien. Denn Andreas ist Taub. Auf das große "T" legt er Wert, denn das signalisiert, dass er sich mit dem "Taub"sein identifiziert. Das Notrufsystem in Aufzügen ist nur für hörende Menschen entwickelt worden. "Ich bin einmal stecken geblieben. Da musste ich wie verrückt klopfen und rufen, bis mir andere Leute rausgeholfen haben", erzählt der Berliner, für den seine Kollegin Stella in die gesprochene Sprache übersetzt. Die Lösung wäre für ihn ein visueller Hinweis, der Gehörlosen signalisiert, dass Hilfe unterwegs ist. Eine solche Nachrüstung an öffentlichen Plätzen, zum Beispiel an Bahnhöfen, würde etwas kosten. Aber Andreas findet: "Für Überwachungskameras an den U-Bahn-Stationen ist ja auch Geld da."

Deutsche Gebärdensprache: Erst seit 2002 anerkannt

Der Deutsche Gehörlosen-Bund geht davon aus, dass in Deutschland ca. 83.000 gehörlose Menschen leben. Von ihrer kompletten Inklusion - wenn man sie als vollständige Integration sozialer Minderheiten versteht - ist die Gesellschaft nach Ansicht der Dachorganisation aber noch weit entfernt. Erst seit 2002 ist die Deutsche Gebärdensprache als eigenständige Sprache anerkannt. Der Deutsche Gehörlosen-Bund kritisiert, dass die Deutsche Gebärdensprache im Behindertengleichstellungsgesetz als "Kommunikationsform der deutschen Sprache" beschrieben wird und damit nicht der deutschen gesprochenen Sprache gleichgestellt sei.

© BR

Zum Tag der Gebärdensprache: Erschwert die Corona-Maskenpflicht gehörlosen Menschen den Alltag? Mit welchen Problemen haben sie zu kämpfen?

Transparente Maske ist keine Lösung

Mit der Maskenpflicht sind die Barrieren für Gehörlose stärker ins Bewusstsein der Hörenden gerückt. Doch die Maskenpflicht beschäftigt Gehörlose viel weniger als gedacht. Denn das Lippenlesen, das durch die Maske unmöglich wird, ist für Gehörlose sehr anstrengend und führt häufig zu Missverständnissen. Auch eine transparente Maske, die schnell beschlägt, ist keine Lösung. Denn selbst unter optimalen Bedingungen können Gehörlose ohnehin nur 30 Prozent des Gesprochenen verstehen.

Fokus auf Maskenpflicht langweilt Gehörlose

Andreas aus Berlin kommt im Alltag meistens gut zurecht – völlig unabhängig von der Maskenpflicht. Der allgemeine Fokus auf die Maske langweilt ihn. Wenn er ins Café geht, reicht es meist, wenn Andreas seine Bestellung einfach aufschreibt. Muss es schnell gehen, bleibt dann nur die Kommunikation mit den Händen. "Südländer sind darin deutlich besser", sagt er und lacht.

Untertitel sind oft mangelhaft

Dass ihn die Hörenden überhaupt nicht verstehen, komme bei fünf Prozent seiner Einkäufe vor, schätzt Andreas. Sein lockerer Umgang mit allen Menschen hilft ihm aber nicht, wenn er auf sich allein gestellt ist: An der Notrufsäule in der U-Bahn, im Aufzug oder bei fehlenden oder mangelhaften Untertiteln – egal, ob bei YouTube oder in Mediatheken.

Deutscher Gehörlosen-Bund fordert barrierefreie Medien

Von den Fernsehsendern fordert der Deutsche Gehörlosen-Bund deshalb die Verpflichtung zum Ausbau der barrierefreien Medienangebote. Neben Untertiteln sind damit Audiotranskripte und die simultane Übersetzung aller Sendungen in die Deutsche Gebärdensprache gemeint.

Gebärdensprache lernen braucht Zeit

Auch Hörende können die Deutsche Gebärdensprache lernen. Der 20-jährige Lennon macht das seit einem Jahr. Er hört nur noch auf dem rechten Ohr. "Sollte ich auch dort irgendwann nichts mehr hören, möchte ich die Deutsche Gebärdensprache beherrschen", erklärt er. Bevor im Oktober sein Studium beginnt, kann er sich nun voll auf die neue Sprache konzentrieren. Das ist notwendig, denn Gebärdensprache zu lernen, erfordert viel Zeit. „Anstrengend ist das manchmal schon. Es macht aber auch super viel Spaß", erzählt Lennon.

Andreas Costrau ist wichtig, dass die anderen Menschen auf Gehörlose zukommen. Viele Hörende hätten noch Unsicherheiten im Umgang mit Gehörlosen, die sie ablegen sollten, findet Andreas. Zum Stand der Inklusion in Deutschland im Jahr 2020 sagt er: "Die Gesellschaft behindert uns viel mehr als nötig."

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