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Geheime Zellen: Wie Muslimbrüder die Demokratie aushöhlen wollen | BR24

© picture alliance/Sayed Hassan/dpa

Muslimbrüder in Haft: Die Organisation gilt in Ägypten seit 2013 als Terrororganisation. In Deutschland warnt nun der Verfassungsschutz.

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    Geheime Zellen: Wie Muslimbrüder die Demokratie aushöhlen wollen

    Offiziell bekennt sich in Deutschland niemand zur islamistischen Muslimbruderschaft. Doch Verfassungsschützer warnen vor einer wachsenden Zahl von Anhängern. Und sie bestätigen SWR und BR die Existenz geheimer demokratiefeindlicher Zellen.

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    Die islamistische Muslimbruderschaft will westliche Gesellschaften unterwandern und islamische Staaten errichten, warnen Verfassungsschützer: Muslimbrüder könnten sogar gefährlicher sein als Terroristen des sogenannten Islamischen Staates, weil sie sich langfristig unter dem Deckmantel der Demokratie in das öffentliche Leben einmischten.

    Das Bundesamt für Verfassungsschutz teilte dem SWR und dem BR-Politikmagazin "Kontrovers" schriftlich mit, dass man inzwischen von mehr als 1.000 Anhängern im Spektrum der Muslimbruderschaft ausgehe – "mit deutlich wachsender Tendenz". Eine "dreistellige Anzahl von Organisationen/Moscheen" sei dem Netzwerk zuzurechnen. Aufgrund der "klandestinen [geheimen/verdeckten, Anm. d. Red.] Vorgehensweise" sei es schwierig, das genaue Personenpotential der Muslimbruderschaft zu beziffern.

    Sicherheitskreise: Konspirative Zellen in Deutschland

    Dieses geheime Vorgehen zeigt sich am Beispiel der sogenannten "Usra-Zellen". Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen hat SWR und BR die Existenz von "Usra-Zellen" in Westeuropa bestätigt. Diese seien regionale Zusammenschlüsse einiger Mitglieder der Muslimbruderschaft, um den Zusammenhalt der Organisation zu sichern. Sicherheitskreisen zufolge werden diese Zellen in Deutschland dafür genutzt, um Mitglieder im Verborgenen zu schulen und die islamische Ideologie der Muslimbruderschaft zu verbreiten.

    Als Geheimbund gegründet

    "Usra" ist das arabische Wort für Familie. Die Ursprünge dieser Zellen liegen in Ägypten, wo die Muslimbruderschaft 1928 als Geheimbund gegründet wurde. Von diesen Familien ausgehend strebte die Muslimbruderschaft in der Vergangenheit die Schaffung einer islamischen Gesellschaft und einer islamischen Regierung an. Die Organisation gilt in Ägypten seit 2013 als Terrororganisation.

    Das angestrebte politische System der Muslimbruderschaft weise deutliche Züge eines totalitären Herrschaftssystems auf, beschreibt der Bayerische Verfassungsschutz die Muslimbruderschaft. Weder die Souveränität des Volkes noch die Prinzipien der Freiheit und Gleichheit der Menschen würden garantiert. Vielmehr sei die Ideologie der Muslimbruderschaft "auf die Errichtung islamischer Herrschaftsordnungen auf der Grundlage von Koran und Sunna ausgerichtet".

    "Usra": Essentielle Einheit bei den Muslimbrüdern

    Eric Trager forscht beim "Washington Institute for Near East Policy" zur Muslimbruderschaft. Er hat in vielen Gesprächen mit Muslimbrüdern die Erkenntnis gewonnen, dass es ein langwieriger, von der Organisation eng begleiteter Prozess ist, ein akzeptiertes Mitglied in der Bruderschaft zu werden. Die Usra sei eine essentielle Einheit der Muslimbrüder-Hierarchie, die aus vier oder fünf Leuten bestünde, schreibt Trager in einem Artikel für sein Institut. Mindestens einmal die Woche würde man sich treffen und junge Anhänger der Bewegung überwachen.

    Nach den Beobachtungen von Ashraf El-Sherif, der über die Muslimbruderschaft und die Zukunft des Politischen Islam in Ägypten geforscht hat, würden Usra-Treffen oft abgehalten bei einem Spaziergang auf der Straße und in zufällig gewählten Coffeeshops.

    Kerngruppen und Führungsebenen der Muslimbruderschaft

    Der italienische Politikwissenschaftler Lorenzo Vidino, der seit vielen Jahren zur Muslimbruderschaft forscht, schrieb kürzlich in einer Analyse für die Konrad-Adenauer-Stiftung, dass diese Zellen in eine Gesamtstruktur eingebettet seien: "Diese Struktur reicht von der Usra, der Kerngruppe einer Handvoll Aktivisten, die sich wöchentlich auf lokaler Ebene treffen, bis zu einer gewählten Führungsspitze, welche die Aktivitäten im jeweiligen Land leitet."

    Diese Struktur, sagt Vidino, werde streng geheim gehalten und von der westlichen Muslimbruderschaft vehement bestritten oder in manchen Fällen als überholte Vorstellung dargestellt. Der Politikwissenschaftler ist sich jedoch sicher, dass diese Struktur "nach wie vor die tragende Säule der Bruderschaft im Westen bildet".

    Geheime Zellen nehmen nicht jeden

    Eine offizielle Aufnahme in eine Usra und ein Aufstieg innerhalb dieser von der Öffentlichkeit verborgenen Struktur sei nur nach mehrjährigen Probe- und Bewährungszeiten möglich, heißt es. Zudem sei davon auszugehen, dass die religiöse Bildung, der Charakter, die Einstellung und der Lebenswandel der neuen Mitglieder beobachtet und geprüft werden.

    Muslimbrüder auf Dialogkurs mit Kirche und Politik?

    Die Muslimbruderschaft ist offenbar streng hierarchisch orientiert und setzt laut Bundesamt für Verfassungsschutz auf Eliten:

    "Als besonders problematisch erweist sich dabei die Tatsache, dass die Muslimbruderschaft gezielt akademisch ausgebildete Personen akquiriert, die über einen entsprechenden Intellekt und oftmals über überdurchschnittliche rhetorische Fähigkeiten verfügen." - Bundesamt für Verfassungsschutz

    In diesen Fähigkeiten erkennen Verfassungsschützer eine große Gefahr. Obwohl diese in Deutschland gewaltlos agierten, warnt das Bundesamt ausdrücklich vor Anhängern der Muslimbruderschaft, die "in den Augen von Politikern, der öffentlichen Verwaltung und von Sozialpartnern wie zum Beispiel Kirchen oftmals als seriöse, vertrauenswürdige Gesprächspartner erscheinen, insbesondere dann, wenn die Bezüge der agierenden Personen zur Muslimbruderschaft nicht bekannt sind".

    Organisation weist Muslimbruder-Vorwürfe zurück

    Als eine wichtige Anlaufstelle der Muslimbruderschaft in Deutschland sehen Verfassungsschützer die deutschlandweit aktive Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG), deren Vorläufer vor Jahrzehnten einst im Islamischen Zentrum München gegründet wurde. Laut Bundesamt für Verfassungsschutz gibt es "enge strukturelle und ideologische Verbindungen der DMG zur Muslimbruderschaft".

    Die DMG weist dies auf Anfrage von SWR und BR zurück. Man rufe Menschen zu "Gottesbewusstsein, Freiheit und Gerechtigkeit" auf und motiviere sie dazu, sich für das Wohl unserer Gesellschaft einzusetzen. Zwar habe ihre Vorgänger-Organisation IGD (Islamische Gemeinschaft Deutschlands) eine historische Nähe zu den Muslimbrüdern gehabt. Zur ideologischen Ausrichtung heute teilt die DMG schriftlich mit: "Sie ist ausdrücklich kein Teil der Muslimbruderschaft und weist jeden Versuch einer Zuordnung zu dieser Organisation zurück."

    Hinsichtlich der möglichen Existenz von "Usra"-Zellen bei der DMG teilte diese mit, man biete Mitgliedern wöchentliche Studienzirkel an, in denen sich diese mit dem Koran, den Lehren des Islam und auch tagesaktuellen Themen beschäftigten. Die gemeinsame Arbeit in Kleingruppen sei "ein Schlüssel zur erfolgreichen Persönlichkeitsentfaltung" und "mit in Kirchengemeinden bekannten Bibelzirkeln vergleichbar." Ein solches Konzept werde im Arabischen unter anderem "Usra" genannt. Weiter heißt es in der Stellungnahme: "Diese übliche pädagogische Methodik als Zellen zu beschreiben, verleiht ihr eine paramilitärische Assoziation, die wir entschieden ablehnen (…)."

    DMG geht juristisch gegen Erwähnung im Verfassungsschutzbericht vor

    Aktuell geht die DMG juristisch gegen das Bundesinnenministerium vor. Sie möchte verhindern, dass der Verein in den jährlichen Verfassungsschutzberichten des Bundes erwähnt wird. Das Bundesamt für Verfassungsschutz teilt dazu mit, das öffentliche Bestreiten der DMG hinsichtlich einer Verbindung zur Muslimbruderschaft gehöre "zu ihrem konspirativen Vorgehen" und verdeutliche "die Janusköpfigkeit der Organisation".

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