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Maskenpflicht - Coronaregeln (Symbolbild)

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    Gefühlte Wahrheit? Die Zustimmung zu den Corona-Maßnahmen

    Die Stimmung kippt, die Gesellschaft fordert Lockerungen – diesen Eindruck haben viele Menschen. Ein Kommunikationswissenschaftler aus München sagt: Zumindest in der zweiten Februarhälfte wurde der Anteil der Gegner der Maßnahmen überschätzt.

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    Von
    • Elsbeth Bräuer

    Ganz öffnen, lockern, kompletter Lockdown: Jeder hat eine eigene Meinung, welche Corona-Maßnahmen er für richtig hält. Schwieriger ist es schon, zu beurteilen, was der Rest der Gesellschaft darüber denkt. Der Münchner Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann hat solche Wahrnehmungen für die zweite Februarhälfte untersucht.

    "Wir haben rausgefunden, dass sich viele Menschen damals im Vorfeld der Ministerpräsidentenkonferenz darüber getäuscht haben, wie die anderen Menschen in Deutschland zu den Maßnahmen stehen."

    In einer bisher unveröffentlichten Studie kommt er zu dem Schluss: Der Anteil der Gegner wurde offenbar überschätzt.

    Verzerrte Wahrnehmung: Stimmung zu negativ eingeschätzt

    In der Befragung hielten etwa zwei Drittel die damals geltenden Corona-Maßnahmen für angemessen oder sprachen sich sogar für eine Verschärfung aus (69 Prozent). Rund ein Drittel gab an, die Regelungen gingen ihnen eher oder eindeutig zu weit (32 Prozent).

    Als die Teilnehmer aber den Anteil der Kritiker schätzen sollten, gingen sie im Mittel von zwei gleich großen Gruppen aus. Sowohl Befürworter als auch Gegner der Maßnahmen verschätzten sich, wenn auch unterschiedlich stark.

    Medien könnten Fehleinschätzung gefördert haben

    Woran liegt das? Die Gründe dafür kann die Studie nicht nennen. Prinzipiell gibt es aber drei Ursachen für solche Verzerrungen. "Das eine ist, wie man selbst denkt: Das heißt, man beobachtet seine eigene Umwelt immer durch die Brille seiner eigenen Meinungen", sagt Carsten Reinemann. "Das zweite sind die Menschen im unmittelbaren Umfeld, die Familie, die Freunde, die Bekannten und wie die denken. Und das dritte sind Medien."

    Reinemann vermutet, dass die Berichterstattung eine große Rolle gespielt hat – auch, wenn er das nicht systematisch ausgewertet hat. In Talkshows habe man etwa häufig pauschale Aussagen gehört wie: Die Menschen wollen Lockerungen, die Menschen sind unzufrieden mit den Maßnahmen. "Solche subjektiven Einschätzungen können recht wirkungsstark sein, zum Teil sogar wirkungsstärker als harte, valide, gute Umfragedaten."

    Plakative Überschriften mit wenig Interesse an Differenzierung

    Denkbar sei etwa mehr Lobbyarbeit der Kritiker, eine Projektion der eigenen Stimmungslage von Journalisten auf andere – aber auch ein teils problematischer Umgang mit Umfragen. Als Negativ-Beispiel nennt er einen BILD-Artikel mit der Überschrift "75 Prozent der Deutschen fordern – Macht die Läden im März wieder auf!"

    Offenbar ist dies das Ergebnis einer Befragung, die BILD in Auftrag gegeben hat – allerdings sind die Zahlen weit entfernt von anderen Umfragen und lassen eine starke, unzulässige Vereinfachung vermuten. Eine BR-Anfrage nach dem Volltext der Studie blieb unbeantwortet. "Es gibt sehr unterschiedliche Wahrnehmungen dieser Krise und in solchen vereinfachten, total holzschnittartigen Formulierungen so plakativ an die Wand zu malen, das hilft, glaub ich, niemandem", sagt Reinemann.

    Gerade in der Corona-Berichterstattung traue man den Menschen komplizierte wissenschaftliche Sachverhalte zu – bei Umfragen aber offenbar nicht. Medien müssten differenzierter über Umfragen berichten, etwa den Zeitraum der Befragung und die gestellten Fragen angeben.

    Wunsch zumindest nach ersten Lockerungen

    Das Thema Meinungsumfragen ist komplex. Es gibt durchaus Umfragen, die in ähnlichen Zeiträumen den Wunsch nach Lockerungen abgefragt haben – mit teils hohen Zustimmungswerten. Das ZDF titelte etwa Ende Februar: "Corona-Maßnahmen: Mehrheit für Lockerungen". Allerdings sprechen sich 35 Prozent nur dann dafür aus, "wenn Fallzahlen nicht stark ansteigen".

    Im ARD-Deutschlandtrend waren 53 Prozent dafür, die Maßnahmen teilweise aufzuheben, 34 Prozent wollten daran festhalten und 10 Prozent wollten sie vollständig aufheben. Gründe dafür seien die lange Dauer des Lockdowns, soziale und wirtschaftliche Kosten und auch die angelaufenen Impfungen. Einzuordnen sei das als Wunsch "nach einer teilweisen Überprüfung, nicht nach einem generellen Ausstieg", schreibt Roberto Heinrich von "infratest dimap" auf Anfrage.

    Denn danach gefragt, ob sie den damaligen Status quo für angemessen, zu weitreichend oder nicht streng genug hielten, ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei Reinemann: etwa zwei Drittel dafür, ein Drittel dagegen. Wer die Maßnahmen der Gegenwart befürwortet, kann also durchaus für Lockerungen in der Zukunft sein – etwa, weil die Impfungen voranschreiten.

    Nicht nur auf eine Frage konzentrieren

    Wichtig ist auch, sich den Kontext, die Fragen und die Auswahl der Antwortmöglichkeiten von Studien anzuschauen. Zahlen können sich entsprechend verändern, sagt Reinemann. "So macht es beispielsweise einen großen Unterschied, ob ich die Menschen nach Alternativen frage, die tatsächlich anstehen, oder einfach nur frage, ob sie Lockerungen wollen und damit die Lockerungen der Ausgangspunkt sind."

    Eine Frage wie "Wollen Sie Lockerungen?" liefere weniger differenzierte Ergebnisse als eine Frage wie: "Wie weitreichend sollen Lockerungen sein und unter welchen Bedingungen sollen sie stattfinden?" Er hält es auch für sinnvoll, deutlich zu machen, auf welchem Wissensstand bestimmte Ansichten basieren. So zeigt seine Studie eine große Schnittmenge zwischen denjenigen, denen die Maßnahmen zu weit gingen und denen, die Corona für nicht viel tödlicher als eine Grippe hielten.

    Bundesregierung kommentiert Umfragen nicht

    Warum kam es Anfang März zu ersten Lockerungen, wenn zumindest fragwürdig ist, ob die Bevölkerung das mehrheitlich wollte? Auf BR-Anfrage will sich die Bundesregierung nicht dazu äußern. "Regierungshandeln muss sich am Gemeinwohl ausrichten", schreibt ein Sprecher. Umfragen würden zwar zeigen, wie die Bürger zu politischen Maßnahmen stehen. "Umfragen bestimmen aber nicht das Regierungshandeln. Sie sind eine der vielen Informationen, die in die Abwägungs- und Entscheidungsprozesse eingehen." Einzelne Meinungsumfragen kommentiere man deshalb aus Prinzip nicht.

    Das Bundespresseamt lässt übrigens selbst Umfragen durchführen – die Daten des ersten Quartals werden aber voraussichtlich erst im Spätsommer online zu finden sein.

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