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Stagflationsgefahr: Wiederholt sich die Geschichte?

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Lino Mirgeler
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    Stagflationsgefahr: Wiederholt sich die Geschichte?

    Die Preise steigen und steigen. Aber welche Spirale das lostreten kann, dafür muss man in die Geschichte schauen. Denn schon einmal in den 1970er Jahren hatten wir eine ähnliche Situation. Wiederholt sich die Geschichte?

    Von
    Jonathan SchulenburgJonathan Schulenburg
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    Krieg, Öl, Inflation: Es geht ein Gespenst um in den deutschen Wirtschaftsnachrichten und Zeitungsartikeln. Das Gespenst der Stagflation.

    Stagflation: Was ist das überhaupt?

    Es ist eigentlich ein Kunstwort aus Stagnation und Inflation. Heißt: Die Wirtschaft wächst nicht so stark wie die Preise ansteigen. Hohe Inflation, also alles wird teurer bei niedrigem Wirtschaftswachstum, begleitet von hoher Arbeitslosigkeit.

    Der Geschäftsführer des Münchner Ifo-Instituts Clemens Fuest erklärt das Phänomen so: "Bei Stagflation ist es so, dass Güter sich verknappen. Das Angebot verknappt sich hier in dem Fall vor allem das Energieangebot, und dadurch werden die Preise in die Höhe getrieben. Und darauf kann die Politik eigentlich nur reagieren, indem man gezielte Hilfen für die ganz stark betroffenen gibt, die dann alle gemeinsam tragen."

    Stagflation in den 1970er Jahren

    Wir hatten dieses Phänomen der Stagflation schon einmal in den 1970er Jahren. Damals wurde sie ausgelöst durch das Öl-Embargo der arabischen Staaten. Im Jom Kippur Krieg 1973 zwischen Syrien und Ägypten auf der einen Seite und Israel auf der anderen Seite warfen die arabischen Ölstaaten den westlichen Staaten vor, Partei für Israel zu ergreifen. Sie setzten ihr Öl als Waffe ein und drosselten ihre Ölproduktion enorm. Die Preise stiegen und stiegen.

    Deutschland deckte damals über die Hälfte seines Energiebedarfs mit Import-Rohöl und davon kamen 75 Prozent aus den arabischen Staaten. Zuerst stieg der Ölpreis um 70 Prozent und dann in der Spitze um 300 Prozent. Die Inflation stieg auf sieben Prozent. Es folgten autofreie Sonntage und Tempolimits auf deutschen Straßen.

    Die Wirtschaft wuchs nicht mehr, innerhalb von zwei Jahren verfünffachten sich die Arbeitslosenzahlen. Die Unternehmen legten ihre gestiegenen Kosten auf die Verbraucher um. Und die wiederum forderten höhere Löhne, die die Gewerkschaften dann auch umsetzten. Das sorgte für die berüchtigte Lohn-Preis-Spirale. Hohe Inflation plus stagnierende Wirtschaft mit steigender Arbeitslosigkeit – die Stagflation war geboren.

    Wie wurde die Stagflation bekämpft?

    In Deutschland reagierte die Deutsche Bundesbank relativ schnell mit einer restriktiven Geldpolitik, sprich sie erhöhte die Zinsen. Die Inflation ging bis 1978 zurück auf 2,7 Prozent, bevor sie Anfang der 80er Jahre wieder in die Höhe schnellte. Auch die Arbeitslosigkeit erreichte in dieser Zeit mit 9,1 Prozent ihren Höhepunkt. Im Laufe der 80er Jahre erholt sich die Wirtschaft wieder und hatte Wachstumsraten von 2 bis 3 Prozent.

    In den USA dagegen stieg die Inflation bis auf 20 Prozent und konnte nur durch eine radikal restriktive Geldpolitik der Notenbank nach unten gebracht werden, mit einer Erhöhung des Leitzins auf 20 Prozent. Die Folge war aber eine tiefe Rezession und hohe Arbeitslosigkeit.

    Wiederholt sich die Geschichte?

    Finanzminister Christian Lindner warnt im Moment vor einer Stagflation. Es drohe "eine Gefahr der Verarmung für viele Menschen", sagte Lindner. Die Angst ist real, das sieht auch Ifo-Chef Clemens Fuest so: "In anderen Wirtschaftskrisen ist es ja meistens so, dass die Nachfrage zurückgeht. Also Konsumenten machen sich Sorgen um die Zukunft, kaufen weniger ein oder es werden Menschen arbeitslos. Dann kann der Staat eingreifen, kann die Geldpolitik die Nachfrage steigern. Aber hier funktioniert das eben nicht. Es ist kein Nachfragemangel, sondern ein Mangel an Angebot. Und deshalb funktionieren die üblichen Instrumente der Konjunkturpolitik hier nicht, der Staat kann nicht sehr viel tun."

    Eine Stagflation ist wirtschaftspolitisch schwer zu bekämpfen. In den USA wird schon seit Wochen über das Thema Stagflation diskutiert. Nach Meinung des Harvard-Wirtschafts-Professors und ehemaligen Chef-Ökonomen des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, ist das Risiko eines perfekten Sturms sehr groß: "Weil Europa in einer Rezession ist, wegen dem Krieg in der Ukraine, China ist in einer Rezession wegen der misslungen Covid-Lockdown-Politik und die USA weil die Notenbank eventuell die Zinsen zu schnell und zu stark erhöht."

    Die weitere Entwicklung hängt vom Ukraine-Krieg ab

    Der perfekte Sturm droht also für die genannten Staaten und damit für die Weltwirtschaft. Auch wenn im Moment noch keine hohen Arbeitslosenquoten vorhanden sind. Die Unsicherheit im Moment ist sehr groß. Dass der Ausblick nicht gerade gut ist, kann auch Marcel Fratzscher vom DIW, dem deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bestätigen. Dieses und nächstes Jahr werde es weiter eine hohe Inflation geben.

    Aber sollte der Krieg in der Ukraine weiter eskalieren, sieht Fratzscher große Probleme auf uns zukommen: "Meine Befürchtung ist, wenn wir eine Eskalation im Krieg sehen, Lieferketten dadurch durchbrochen werden, Unternehmen nicht mehr an die Vorleistungen kommen werden, die sie brauchen, und wenn es ein Gasembargo gegenüber Russland gibt, was moralisch, politisch wahrscheinlich richtig ist, dann wird es bedeuten, dass die Energiepreise nochmals sehr viel stärker steigen werden und die deutsche Wirtschaft in eine Rezession rutscht und das wäre in vielerlei Hinsicht natürlich der Super-Gau für alle, also man hätte einen Anstieg der Arbeitslosigkeit, man hätte einen großen Schub der Inflation zumindest kurzfristig und natürlich die Eskalation des Krieges."

    Fratzscher beschreibt den Ausblick der nächsten eineinhalb Jahre als schlecht und er könne noch schlechter werden, wenn es zu einer Eskalation des Krieges komme.

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