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Gefahr durch Dieselabgase übertrieben? | BR24

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Die Debatte über die Luftqualität in deutschen Großstädten tobt seit Monaten. Eine Erklärung von über hundert Lungenärzten facht sie weiter an: Diese zweifeln an der Gesundheitsgefahr durch Stickstoffdioxid und fordern, die Grenzwerte zu überprüfen.

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Gefahr durch Dieselabgase übertrieben?

Unter Lungenärzten ist eine Debatte darüber entbrannt, wie schädlich Dieselabgase sind. Während die einen von Tausenden Toten sprechen, bezweifeln andere die Gefahr. Sie fordern, Grenzwerte zu überprüfen.

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Wie gefährlich ist das, was aus dem Auspuff eines Dieselfahrzeugs kommt? Darüber ist ein erbitterter Streit unter Deutschlands führenden Lungenfachärzten entbrannt - mit großer Bedeutung für die derzeit laufende Diskussion über Fahrverbote. Für den ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP), Dieter Köhler, ist die Sache klar: Er hält einen Großteil der vorhandenen Studien zu Gesundheitsgefahren durch Dieselabgase für methodisch fragwürdig.

Damit widerspricht er der bisherigen Position des aktuellen DGP-Vorstands. Dieser hatte Anfang Dezember ausführlich auf Gesundheitsrisiken durch Stickstoffdioxid (NO2) aufmerksam und sich dabei die Studienergebnisse des Helmholtz-Instituts für Umweltmedizin zu eigen gemacht. Die Münchner Forscher hatten die Krankheitslasten der Stadtbevölkerung mit denen von Menschen auf dem Land verglichen und lasteten die Unterschiede dem NO2-Ausstoß von Dieselfahrzeugen an.

Köhler wirft ihnen vor, dabei Störfaktoren wie Bewegungsmangel oder Rauchen nicht ausreichend berücksichtigt zu haben: "Man macht aus einer zufälligen Korrelation eine Kausalität, für die es keine Begründung gibt. Im Gegenteil: Man kann das sogar sehr gut widerlegen."

Fahrverbote unverhältnismäßig?

Köhlers Kritik haben sich mittlerweile mehr als 100 Lungenfachärzte und Aerosolforscher angeschlossen. Sie haben ein Positionspapier unterzeichnet, das die Gesundheitsgefahr durch Stickstoffdioxid anzweifelt und eine Überprüfung der Grenzwerte fordert.

Der aktuelle Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, Klaus Rabe, räumte im NDR ein, dass die Zahl der Kritiker deutlich größer sei als zunächst angenommen. Er will auf die Kritiker im eigenen Verband zugehen und eine sachliche Debatte über die wissenschaftlichen Grundlagen der derzeit geltenden gesetzlichen Grenzwerte ermöglichen: "Die Frage nach dem Grenzwert ist diskutabel, da stimme ich den Kritikern zu. Weil man einfach sagen muss: Man weiß ja selbst nicht, ob er rauf oder runter muss. Sind 50 Mikrogramm richtig oder 40? Sind es 60 oder 35? Das weiß ehrlich gesagt keiner ganz genau."

"Unseriöser Populismus"

Der Konflikt im Fachverband der Lungenärzte hat große Bedeutung für die derzeit laufende Diskussion um Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge. Der aktuelle Grenzwert von 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel wird in vielen deutschen Städten überschritten, zahlreiche Verwaltungsgerichte hatten daraufhin Fahrverbote für Diesel-PKW verhängt.

Die Kritiker halten das für unverhältnismäßig. In Kraft getreten ist ein solches Verbot für Diesel ab Euro-Norm 4 zuletzt am 1. Januar 2019 für die gesamte Umweltzone in Stuttgart. Der Chefarzt der dortigen Lungenklinik im Krankenhaus zum Roten Kreuz, Martin Hetzel, teilt die Kritik von Köhler: "Es gibt keine Feinstaub- oder NO2-Erkrankung der Lunge oder des Herzens, die man im Krankenhaus antrifft. Es gibt auch keinen einzigen Toten, der kausal auf Feinstaub oder NO2 zurückzuführen wäre. Das ist unseriöser, ideologiegeleiteter Populismus."

Debatte über Todesfälle

Die Münchner Forscher sehen hingegen erhebliche Gesundheitsgefahren durch Stickstoffdioxid auch schon in niedrigen Konzentrationen wie dem derzeit gültigen Grenzwert für NO2 von 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel. "Unsere Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes hat ausgerechnet, dass es ungefähr 6.000 Todesfälle in Gesamtdeutschland sind oder ungefähr 50.000 Lebensjahre, die in der Gesamtbevölkerung verloren gehen", sagt die Direktorin des Helmholtz-Instituts, Annette Peters.

Erschreckende Zahlen, die Köhler und Hetzel ebenfalls anzweifeln. "Das Dilemma ist hier, dass die Datenlage das nicht hergibt", so Köhler im NDR. "Der jetzige Grenzwert NO2 ist völlig ungefährlich. Er produziert keinen einzigen Toten."

"Direkter Nachweis nicht zu erbringen"

Für Hetzel sind die Berechnungen des Helmholtz-Instituts daher konstruierte mathematische Modelle, die mit der Realität nichts zu tun hätten: "Es ist einfach nicht plausibel, dass diese geringen Konzentrationen von NO2 und Feinstaub die Gesundheitsschäden und die Todesfälle verursachen sollen, die derzeit publiziert werden."

Das Umweltbundesamt (UBA) räumt ein, dass ein direkter Nachweis über die Gesundheitsgefahr durch Stickstoffdioxid nicht zu erbringen sei, verweist aber auf dessen Indikator-Funktion. "Es gibt tatsächlich keinen NO2-Toten oder NO2-Erkrankten, weil diese singuläre Verursachung durch diesen einen Schadstoff nicht beobachtbar ist", sagt Wolfgang Straff, UBA-Experte für Gesundheitsvorsorge. Was man beobachte, seien Effekte in epidemiologischen Studien: "Da können wir ganz klar sehen: Wenn mehr NO2 vorhanden ist, treten die Erkrankungen auf. Aber wir können nicht eine Erkrankung herunterbrechen auf die eine Ursache NO2."

Niedersachsens CDU fordert Kommission

Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit von flächendeckenden Fahrverboten für ältere Dieselfahrzeuge steht auch im Mittelpunkt des heute beginnenden Verkehrsgerichtstages in Goslar. Die niedersächsische CDU hat die Bundesregierung bereits aufgefordert, eine interdisziplinäre besetzte Kommission einzuberufen, um eine neue "toxikologische Bewertung der bestehenden Grenzwerte bei Stickoxid" vorzunehmen. Auch der baden-württembergische CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Reinhart fordert, die "Sinnhaftigkeit der Grenzwerte" zu prüfen.

Der Wert basiert auf einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation. Andere Länder wie zum Beispiel die USA sind dieser Empfehlung nicht gefolgt, weil sie die wissenschaftliche Basis für unzureichend hielten. In fast allen Bundesstaaten der USA gilt mit 103 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter ein wesentlich höherer Jahresmittelwert. Mit diesem Wert gäbe es in Deutschland keine Fahrverbote für Diesel-Pkw.