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Gedenken im Bundestag: Appell gegen Antisemitismus | BR24

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Saul Friedländer, Historiker und Holocaust-Überlebender kritisiert im Bundestag Antisemitismus, Fremdenhass und Nationalismus

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Gedenken im Bundestag: Appell gegen Antisemitismus

Vor 74 Jahren befreiten sowjetische Truppen Auschwitz. Aus diesem Anlass gedachte der Bundestag heute der Opfer des Nationalsozialismus. Dabei ging es nicht nur um die deutsche Vergangenheit.

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Andächtige Stille, alle erheben sich, als Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble zusammen mit dem Ehrengast Saul Friedländer, der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten den Plenarsaal betritt. Bis hinten sind die Reihen gefüllt, auf der Besuchertribüne ist fast kein Platz mehr frei. Den beiden Rednern geht es heute vor allem auch um das Vermächtnis der deutschen Nazi-Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft.

"Geschichte vergegenwärtigen, das ist umso mehr unsere Verpflichtung als wir erkennen müssen, dass es auch in unserer Gesellschaft noch immer gefährliche Stereotype und Vorurteile gibt." Wolfgang Schäuble, CDU, Bundestagspräsident

Antisemitismus in neuem Gewand

Wolfgang Schäuble warnt vor Ausgrenzung, vor Antisemitismus in unterschiedlichem Gewand, dem alten, und einem neuen zugewanderten. Beides sei inakzeptabel - erst recht in Deutschland. Scham allein reiche nicht. Neben der Härte des Gesetzes brauche es vor allem unsere Gegenwehr im Alltag gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung aller Art.

Holocaust-Überlebender warnt vor Nationalismus

Auch der Historiker Saul Friedländer, ein Überlebender des Holocaust, ruft dazu auf, sich gegen Fremdenhass und Nationalismus zu wehren. Für ihn ist Antisemitismus nur eine Geißel, von denen jetzt eine Nation nach der anderen schleichend befallen werde.

"Der Fremdenhass, die Verlockung autoritärer Herrschaftspraktiken und insbesondere ein sich immer verschärfender Nationalismus sind überall auf der Welt in besorgniserregender Weise auf dem Vormarsch." Saul Friedländer, Historiker und Holocaust-Überlebender

Als Pavel Friedländer kam er 1932 in Prag zur Welt. Er flüchtete mit seinen Eltern nach Frankreich. Dort wurde er als Paul-Henri Ferland in einem katholischen Internat versteckt. Seine Eltern versuchten in die Schweiz zu fliehen, vergeblich, sie wurden in Auschwitz ermordet.

Existenzrecht Israels ist moralische Verpflichtung

Nach dem Krieg wanderte Friedländer nach Israel aus, nannte sich zunächst Shaul, dann Saul. Die Schaffung Israels sei für ihn lebensnotwendig gewesen, dessen Existenzrecht zu verteidigen - eine moralische Verpflichtung.

"Selbstverständlich ist es legitim, die israelische Regierung zu kritisieren, aber die schiere Heftigkeit und das Ausmaß der Angriffe sind schlicht absurd und enthalten einen Beigeschmack eines nur dürftig verhüllten Antisemitismus." Saul Friedländer, Historiker und Holocaust-Überlebender

Holocaust-Forscher mit Fokus auf Schicksale der Opfer

Friedländer ist ein bedeutender Holocaust-Forscher. Ihm ist es wichtig, die Schicksale der Opfer in den Fokus zu rücken - auch in seiner Rede zitiert er mehrere Zeitzeugen. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Preise, darunter den Pulitzer-Preis und im Oktober 2007 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

In Deutschland sieht er heute ein neues Land, es habe sich zu einem Bollwerk gegen die Gefahren des Nationalsozialismus entwickelt. Er appellierte an das deutsche Volk:

"Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit - kurzum für die wahre Demokratie zu kämpfen." Saul Friedländer, Historiker und Holocaust-Überlebender

Ein Prager Streichquartett umrahmte die Gedenkveranstaltung mit Musik von jüdischen Komponisten, die im Holocaust ermordet wurden. Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog hatte den Gedenktag 1996 eingeführt. An ihm wird aller Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

© ARD

In einer Gedenkstunde hat der Bundestag heute an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Anlass ist die Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz vor 74 Jahren. Der Holocaust-Überlebende Friedländer warnte dabei vor neuem Judenhass.