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Gedenken an NSU-Opfer Habil Kilic: Versuch gegen das Vergessen | BR24

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Der rechtsterroristische NSU tötete eine Polizistin und neun türkisch- beziehungsweise griechischstämmige Kleinunternehmer. Bayern war besonders betroffen. Drei Morde begingen die Terroristen in Nürnberg, zwei in München.

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Gedenken an NSU-Opfer Habil Kilic: Versuch gegen das Vergessen

Der türkischstämmige Gemüsehändler Habil Kilic wurde am 29. August 2001 in unmittelbarer Nähe einer Polizeistation in München ermordet. Bayern war Schwerpunkt des NSU: drei Morde wurden in Nürnberg begangen, zwei in München. Wie wird daran erinnert?

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Der rechtsterroristische NSU tötete eine Polizistin und neun türkisch- beziehungsweise griechischstämmige Kleinunternehmer. Die Blutspur des NSU zog sich quer durch die Republik. Doch Bayern war besonders betroffen. Drei Morde begingen die Terroristen in Nürnberg, zwei in München. Doch in der Landeshauptstadt fällt das Gedenken an die Opfer spärlich aus. Anlässlich des Todestages von Habil Kilic, dem vierten Opfer der rassistischen Mordserie des NSU, fürchten zivilgesellschaftliche Organisationen in München, dass die NSU-Morde aus dem Bewusstsein der Stadt verschwinden.

Mord am Vormittag im Laden

Der Mord an dem Gemüsehändler Habil Kilic geschah mitten am Vormittag des 29. August 2001. Die Täter betraten den Feinkosthandel der türkischstämmigen Familie und töteten den 38-jährigen Familienvater mit zwei Kopfschüssen. Heute erinnert eine kleine Tafel neben dem Laden in der Münchner Bad Schachener-Straße an den Mord, der von den Rechtsterroristen des NSU begangen wurde.

"Diese Tafel 'Erinnerung an Habil Kilic' ist wirklich so klein gestaltet, da muss man einen Meter davor stehen, um den Namen lesen zu können." Süleyman Aydin, Vorsitzender des Schwarzmeer- Kulturvereins München.

Süleyman Aydin leitet den Schwarzmeer-Kulturverein in München und kommt einmal im Jahr zu einer kleinen Gedenkfeier für Habil Kilic - organisiert vom Türkenrat, einer Dachorganisation türkischer Vereine in München.

Finanzielle Existenz der Familie zusammengebrochen

Auch Damian Groten wünscht sich ein größeres Gedenken an die NSU-Opfer in der Landeshauptstadt. Die Stadt legt lediglich ein Blumengebinde unter der Gedenktafel für Habil Kilic ab. Groten ist Sprecher der Münchner Opferberatung "BEFORE".

"Es gibt Menschen, die die Jahrestage begehen, aber [...] das Leid der Betroffenen ist leider im Jahr 2019 hier in München nicht mehr sehr präsent." Damian Groten, Sprecher Beratungsstelle BEFORE

Für die Witwe und die Tochter des ermordeten Habil Kilic bedeutete der Mord nicht nur den Verlust des Ehemannes und Vaters – es brach auch die finanzielle Existenz der Familie zusammen.

Bis heute leidet die Familie außerdem an den Folgen der fehlerhaften Ermittlungen durch die Polizei. Jahrelang standen die Opfer und ihre Familien unter Verdacht, in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen zu sein. Auch daran will Groten erinnern.

"Aus dem Grund haben wir uns entschlossen, hier noch einmal mit einer Gedenkfeier einen Impuls zu setzen, der einen Anfang bilden soll für eine stärkere Erinnerung, eine größere Präsenz auch größeres Gedenkens an den NSU in München." Damian Groten, Sprecher der Beratungsstelle BEFORE

BEFORE ist eine Opferberatungsstelle für Menschen, die von Diskriminierung, Rassismus und rechter Gewalt betroffen sind. Die Gründung der Beratungsstelle war eine der Lehren, die in München aus dem NSU gezogen wurden.

Früher Verdacht gegen Rechtsextreme

Die betroffenen Familien vermuteten bereits ab dem Jahr 2005, dass Rechtsextreme hinter der Ceska-Mordserie an Migranten stecken könnten. Doch ihnen war nicht ernsthaft zugehört worden. So kam die Polizei erst 2011 auf die Rechtsterroristen des NSU.

"Wir nehmen leider auch heute wahr, dass die Perspektive von Menschen, die von Rassismus und rechter Gewalt betroffen sind, leider noch nicht den Stellenwert hat und nicht so ernst genommen wird, wie das richtig und wichtig wäre, das ist leider eine Parallele, die wir sehen." Damian Groten, Sprecher der Beratungsstelle BEFORE

Ruf nach Aufdeckung rechtsextremer Netzwerke

Die Opferberatungsstelle verzeichnet neben steigenden Fallzahlen in der Beratung ein "besorgniserregendes Ausmaß rechter Gewalt." Auch für Hamado Dipama von der Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns (AGABY) ist das einer der Gründe, warum das Gedenken an die NSU-Morde in Bayern auf eine breitere Basis gestellt werden sollte. Er wünscht sich weitere Aufklärung rund um den NSU, zum Beispiel die Aufdeckung rechtsextremer Netzwerke in Bayern.

"Das ist eine große Sorge für uns Menschen, die von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind. Wir wissen ganz genau, dass wir uns in einer ganz gefährlichen Situation befinden. Man geht raus von zuhause, man weiß aber nicht, ob man wieder zurück nach Hause kommt. Diese Angst ist da.“ Hamado Dipama, Referent für Antidiskriminierungs- und Antirassismusarbeit, AGABY

Opferorganisationen: Stadt München soll gedenken

Dipama fordert deshalb genau wie die Opferberatungsstelle BEFORE, dass die Stadt München offiziell der Opfer des NSU gedenkt und das Gedenken nicht allein zivilgesellschaftlichen Organisationen überlässt.

Gedenkfeiern für Habil Kilic finden am Donnerstag an der Gedenktafel in der Bad Schachener Straße statt , um 13 Uhr von der Opferberatung BEFORE und um 16.45 Uhr vom Münchner Türkenrat.