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Tablettenverpackung des Produktes Cytotec (Symbolbild).

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    Geburtshilfe: Neue Regeln für Medikament Cytotec

    Anfang des Jahres war eine Debatte um das Medikament "Cytotec" entbrannt - nachdem BR und SZ über riskante Dosierungen und schlechte Aufklärung von Schwangeren berichtet hatten. Eine Leitlinie zur Geburtseinleitung fehlte. Das hat sich nun geändert.

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    Von
    • Eva Achinger
    • Ann-Kathrin Wetter

    Sieben Jahre lang gab es in Deutschland keine gültige Leitlinie zur Geburtseinleitung. Diese Woche hat die DGGG gemeinsam mit Kollegen aus der Schweiz und Österreich Empfehlungen veröffentlicht. Die umfassen auch den Umgang mit dem Wirkstoff Misoprostol. Dieser steckt in den Cytotec-Tabletten, die Anfang des Jahres in die Schlagzeilen geraten waren.

    Leitlinie ersetzt Lehrbuch

    "Früher, vor 20, 30 Jahren hat ein Arzt ein Lehrbuch zur Hand genommen", erklärt der Präsident der Deutschen Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) Anton Scharl, "heute nimmt man eine Leitlinie zur Hand". Sie seien immens wichtig für die tägliche Arbeit in den Kliniken, so Scharl. Und sie sollen Ärzte auf dem neuesten Stand wissenschaftlicher Erkenntnis halten.

    "Wir haben diese Vorgaben dringend gebraucht"

    "Ich bin froh, dass es die Leitlinie gibt", sagt Christiane Schwarz im Interview mit dem BR und Buzzfeed News, "wir haben diese Vorgaben dringend gebraucht, weil so viele Frauen betroffen sind". Die Professorin für Hebammenkunde an der Universität Lübeck saß in der zuständigen Kommission und hat an den Empfehlungen mitgearbeitet.

    Etwa jede fünfte Geburt in Deutschland wird eingeleitet. Das heißt künstliche Wehen werden erzeugt, um die Geburt in Gang zu bringen. Gründe können Terminüberschreitung oder ein vorzeitiger Blasensprung sein. Ein hoher Prozentsatz der Schwangeren erhält nach Angaben von Chefärzten bei der Geburtseinleitung den Wirkstoff Misoprostol, der in den Cytotec-Tabletten steckt.

    Schwere Komplikationen im Zusammenhang mit Cytotec

    BR und SZ hatten im Februar über schwere Komplikationen im Zusammenhang Cytotec berichtet. Gutachten und Patientenakten zufolge war es in einzelnen Fällen zu Gebärmutterrissen oder zum Hirnschaden beim Kind gekommen, sogar zu Todesfällen von Mutter oder Kind.

    Im Kern der Kritik stand vor allem der Umgang mit dem Medikament. Die Cytotec-Tablette gibt es nur mit hoher Wirkstoffkonzentration. Um geringere Wirkstoffmengen zu bekommen, hat medizinisches Personal in etlichen Kliniken die Tabletten einfach zerschnitten oder zerbröselt. Experten warnen vor dieser Praxis, das könne zu massiven Überdosierungen führen. Auch die zuständige Bundesbehörde warnt in einem Rote-Hand Brief explizit vom eigenhändigen Zerteilen der Tablette.

    Vorsicht ist geboten

    "Wichtig war zu sagen Vorsicht damit", so Christiane Schwarz. "Und es gibt in der Leitlinie jetzt ganz klare No-Gos, wo wir auch wirklich schwere, schwere Probleme gesehen haben." Ein No-Go ist demnach, wenn eine Frau bereits einen Kaiserschnitt hatte. Dann erhöhe Misoprostol das Risiko für einen Gebärmutterriss. Auch schiebt die Leitlinie einen Riegel vor eigenhändiges Zerbröseln der Cytotec-Tablette oder Auflösen in Wasser.

    Die Herstellung der korrekten Dosis durch eine Apotheke sei unabdingbar, heißt es. Weiter empfiehlt die Fachgesellschaft, dass Frauen explizit über Risiken von Misoprostol, beispielsweise Gebärmutterrisse, aufgeklärt werden sollen – was in der Vergangenheit nach BR Recherchen nicht immer der Fall war.

    Keine eindeutige Dosisempfehlung

    Eine klare Angabe, wieviel Misoprostol gegeben werden soll, findet sich in den Empfehlungen nicht. Sie würden vielmehr einen Rahmen vorgeben, sagt Sven Kehl, Leiter der Geburtshilfe am Universitätsklinikum Erlangen und einer der Koordinatoren der Leitlinie.

    "Es kann keine konkrete Dosierungsempfehlung für alle Schwangere geben, weil nicht jede Schwangere gleich ist, und jede Situation muss individuell beurteilt werden", erklärt der Arzt. Je nach Situation könne die passende Dosis ausgesucht werden. Klar ist die Leitlinie in dem Punkt, welche Dosen vermieden werden sollten, zum Beispiel Erstdosen von über 50 Mikrogramm.

    Klare internationale Empfehlungen

    Internationale Empfehlungen wie etwa die der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind konkreter. Sie schlagen eine sehr geringe Einzeldosis von 25 Mikrogramm alle zwei Stunden unter strenger Überwachung von Mutter und Kind vor. In den USA gilt diese Empfehlung auch, in Kanada empfiehlt man mitunter die doppelte Dosis. In Deutschland hält man sich mit der neuen Leitlinie mehr offen – auch die vierfache Dosis der WHO-Empfehlung ist möglich.

    Diesen Unterschied erklärt Sven Kehl mit der Historie: Deutsche Ärzte hätten viel Erfahrung mit sogenannten "Prostaglandinen" wie zum Beispiel Misoprostol. Und außerdem müsse die WHO auch berücksichtigen, so Kehl, wie der Wirkstoff in Ländern gehandhabt werde, wo es keine Hightech-Medizin gebe.

    Schweizer distanzieren sich teilweise

    Die Schweizer Fachgesellschaft hat zwar an der Leitlinie mitgeschrieben, will den Umgang mit Misoprostol aber strenger regeln. Von hohen Dosen wie sie in Deutschland möglich sind, nehmen die Schweizer Gynäkologen Abstand. Das geht aus einem Anhang hervor. Vom händischen Teilen der Tablette hat die Schweiz bereits vor einem Jahre abgeraten.

    Die Frage der korrekten Dosierung

    Was die neue Leitlinie der DGGG auch nicht explizit vorgibt, sind Zeitintervalle zur Gabe des Präparates. "Das ist ein Fehler", sagt Andrew Weeks, Professor für Internationale Frauenheilkunde an der Universität von Liverpool. Er forscht seit 25 Jahren zu Misoprostol und hat zahlreiche Studien zum Thema veröffentlicht. "Das könnte zu gefährlichen Komplikationen führen", warnt der Experte. Das Risiko gehe nicht vom Medikament selbst aus, so Weeks, sondern vom falschen Umgang damit.

    Die deutsche Fachgesellschaft verweist in den Leitlinien darauf, dass Misoprostol in zahlreichen Studien sehr gut untersucht wurde, effektiv sei und im Vergleich zu zugelassenen Alternativen zu weniger Kaiserschnitten führe. "Problematisch und weiterhin unklar ist die optimale Dosierung", heißt es allerdings in der neuen Leitlinie. Eine höhere Dosis sei zwar effektiver, habe aber auch mehr Nebenwirkungen, schließt das Expertengremium.

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