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Bildrechte: dpa/pa/Mohammed Talatene

Der Gazastreifen leidet unter Corona

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Gazastreifen: Vom Virus verschont, von der Welt vergessen

Die gute Nachricht: Im weitgehend isolierten Gazastreifen gibt es kaum Corona-Infektionen. Dennoch leiden die Menschen. Ihre finanzielle Lage hat sich noch weiter verschlechtert, die Arbeitslosigkeit ist extrem. Viele fühlen sich allein gelassen.

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Von
  • Benjamin Hammer

Wochenmarkt in Deir al Ballach im Zentrum des Gazastreifens. Die Stände sind voller Auberginen, Tomaten und Gurken. Die Verkäufer hoffen auf ein gutes Geschäft, weil bis vor wenigen Wochen eine Corona-Ausgangssperre herrschte. Doch der Markt ist fast leer. Viel leerer als sonst, wie unser Mitarbeiter im Gazastreifen berichtet, der diese Aufnahmen gemacht hat. Auslandskorrespondenten können den Küstenstreifen wegen des Coronavirus aktuell nicht betreten.

Kaum Geld, nichts los

Die wirtschaftliche Lage in Gaza war schon vor dem Virus schlecht. Jetzt haben viele Menschen noch weniger Geld zur Verfügung. "Ich muss Besorgungen machen", sagt eine Frau im palästinensischen Fernsehen. "Es gibt so viele Dinge, die ich gerne kaufen würde. Aber ich kann es einfach nicht. Der ganze Gazastreifen wirkt verschlafen. Egal, wo man hingeht. In die Parks, ans Meer. Und die Märkte sind leer."

Das neuartige Coronavirus hat sich im Gazastreifen bisher kaum verbreitet. Bisher wurden weniger als 100 Fälle dokumentiert. Das Horrorszenario – ein Ausbruch im armen, dicht besiedelten Küstenstreifen mit wenigen Intensivbetten – ist bisher also nicht eingetreten. Dies dürfte auch mit der weitgehenden Blockade des Küstenstreifens durch Israel und in Teilen Ägypten zusammenhängen. Israel begründet die Maßnahme mit Sicherheitsinteressen. Die Palästinenser lehnen sie strikt ab.

Mochsen Abu Ramadan ist Politik-Analyst und lebt im Gazastreifen. Die Blockade sei eine Kollektivstrafe sagt er. Aber manchmal habe sie auch Vorteile.

"Wegen der Blockade hat sich Covid-19 nicht verbreitet. Das macht mich und die meisten Menschen in Gaza glücklich. Zusätzlich hat unsere Verwaltung Maßnahmen gegen das Virus ergriffen und Einreisende unter Quarantäne gestellt und die Menschen so geschützt." Mochsen Abu Ramadan, Politik-Analyst

Was aber die Blockade betrifft, sagt Abu Ramadan: Die sei sehr schlecht, weil sie sehr negative Auswirkungen auf das soziale und wirtschaftliche Leben in Gaza habe.

Keine Erlaubnis für Arbeit in Israel

Auch wenn es kaum Infektionen gibt, hat die Corona-Pandemie längst wirtschaftliche Schäden im Gazastreifen verursacht. Vor der Krise hatten etwa 6.000 Palästinenser aus dem Gazastreifen eine Arbeitserlaubnis für Israel. Zum Beispiel Raed, Mitte 40, der nur seinen Vornamen nennen will. Raed erzählt, dass er in einem Schlachthof in Israel arbeitete und pro Monat umgerechnet etwa 1.300 Euro verdiente. Im Gazastreifen ist das sehr viel Geld.

Aktuell befindet er sich im Gazastreifen in Quarantäne. Und wegen des Coronavirus darf er nicht zurück nach Israel. Wenn es so weiter geht, sagt Raed, "werden wir Hunger leiden". Im Gazastreifen gebe es keine Arbeit und er müsse acht Familienmitglieder ernähren: "Nur in Israel kann ich Geld verdienen."

Arbeiter wie Raed haben ein weiteres Problem: Weil Israels Premier Netanjahu angeblich Teile des Westjordanlandes annektieren will, hat die Palästinensische Autonomiebehörde die Zusammenarbeit mit Israel eingestellt. Deshalb werden für Männer wie Raed im Moment keine neuen Arbeitsgenehmigungen ausgestellt. Der Übergang Erez zwischen Gaza und Israel ist im Moment so gut wie menschenleer.

21.000 Ausreisen im Februar - 218 im Juni

Miriam Marmur arbeitet für die israelische Organisation Gisha, die sich für mehr Bewegungsfreiheit für die Menschen in Gaza einsetzt. Im gesamten Monat Juni seien nur 218 Ausreisen von Gaza nach Israel dokumentiert worden, sagt sie. Im Februar waren es über noch mehr als 21.000.

"Israel erlaubt es den Arbeitern nicht mehr, nach Israel zu gelangen. Übrigens im Gegensatz zu Palästinensern aus dem Westjordanland. Die dürfen weiterhin einreisen. Die Auswirkungen im Gazastreifen werden längst deutlich. Tausende Arbeiter haben ihr Einkommen verloren. Das bedeutet dass die Kaufkraft im Gazastreifen, die bereits vor Corona niedrig war, noch niedriger wird." Miriam Marmur von der NGO Gisha

Im Gazastreifen herrscht seit Jahren die Hamas. Zwar laufen im Hintergrund Verhandlungen zwischen Israel und der Bewegung über einen Gefangenenaustausch. Vielleicht auch über eine langfristige Waffenruhe. Aber dass die beiden verfeindeten Seiten in der Coronakrise zusammenarbeiten, ist fast ausgeschlossen.

Die Angst vor dem Vergessenwerden

Israel betont, Menschen in medizinischen Notfällen ausreisen zu lassen. Außerdem medizinische Ausrüstung in den Gazastreifen zu lassen. Aus Sicht von Gisha, der israelischen Menschenrechtsorganisation, reicht das aber nicht. Sie fordert, dass Israel die Arbeiter wieder ins Land lässt. Und auch ohne die Palästinensische Autonomiebehörde neue Einreisegenehmigungen ausstellt.

Auf dem Markt in Deir al Ballah bleibt es bis zum Vormittag leer. Die Arbeitslosenquote in Gaza hat neue Höchststände erreicht. Bei den jungen Menschen liegt sie bei fast 80 Prozent. In Gesprächen äußern manche Bewohner des Gazastreifens eine große Sorge: Dass die Welt sie vergisst. Nicht mehr nach Gaza schaut. Weil die meisten Länder da draußen in Zeiten der Corona-Pandemie viele eigene Sorgen haben.

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